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Gewaltvideo für nette Jungs

Die französische Band "Justice" hat einen extrem brutalen Video-Clip ins Netz gestellt, der schon viele Millionen Mal heruntergeladen wurde. Darin ist eine Gruppe Jugendlicher zu sehen, die schlagend und marodierend durch Paris zieht. Wird hier Gewalt verherrlicht oder angeprangert? Oder ist alles nur ein geschmackloser Marketing-Trick?

Von Astrid Mayer, Paris

Minutiös gefilmte Gewalt als Clip für einen Electro-Pop-Song - die Fans der französischen House-Gruppe "Justice" sind fassungslos. Das Video zeigt den Streifzug einer Vorstadt-Gang und ist so brutal, dass es in keinem Fernseh-Sender gezeigt wird. Dafür ist es im Internet bereits fast neun Millionen Mal heruntergeladen worden. In den Diskussionsforen läuft eine hitzige Debatte: Handelt es sich um einen skrupellosen Marketing-Trick oder hat es irgendeinen tieferen Sinn?

Der Clip, gemacht von Costa-Gavras Sohn Romain Gavras, zeigt fünf junge Männer in Kapuzenshirts, die schweigend und ohne die leiseste menschliche Regung Menschen angreifen, auf sie einprügeln oder treten. Sie zerstören Dinge und stehlen zu guter Letzt ein Auto und zünden es an. Am Ende des Clips beschimpfen sie den Kameramann, der das Ganze aufgenommen hat: "Du Hurensohn, macht's dich an, so was zu filmen?".

"Justice" hat sich bisher vor allem auf den Dancefloors von Tokyo bis London hervorgetan, mit Hits wie "D.A.N.C.E." und "Never be Alone". Die Clips waren witzig und trickreich gestaltet. Weder das Musikerduo Caspar Augé und Xavier de Rosnay noch der Regisseur haben sich bisher zu irgendeinem Kommentar herabgelassen. Vom Label Ed Banger Records kam bloß der Satz: "Wir lassen das mal raus. Und dann schauen wir, was passiert."

Kritiker befürchten Nachahmungseffekte

Was die herrschende Verwirrung nicht beseitigt. Was wollten die bisher völlig unpolitisch daher kommenden "Justice" mit dem Clip? Er fördere Rassismus und Ausländerhass, sagen einige der Kommentatoren im Netz, denn die Schauspieler im Film sind alle dunkelhäutig. Andere befürchten Nachahmungseffekte durch junge Fans und werfen "Justice" Gewaltverherrlichung vor. Aber nicht alle zeigen sich schockiert: Der Clip sei bei weitem kein so starker Tobak, wie so manches, was man schon im Fernsehen gesehen habe, wird immer wieder angemerkt.

In der Tat offenbart der Clip ziemlich bald eine zweite Ebene, die von der reinen Gewaltdarstellung wegführt: Es wird auch das filmende Kamerateam gezeigt, das nicht davor zurückschreckt, mit ins gestohlene Auto zu steigen, um an der Story dranzubleiben. Romain Gavras ist kein Neuling im Geschäft - er hat auch schon Clips für andere bekannte Musiker gemacht. Der Mitbegründer der Bewegung "Kourtrajmé" ("Kurzfilm" in der Banlieue-Sprache Verlan) verwendet seine Stilmittel sicher und effizient.

Gewaltakte als Rituale

Die Kamera wackelt, um Unmittelbarkeit und Authentizität zu vermitteln, liefert aber gestochen scharfe Bilder. Wortlosigkeit und Regungslosigkeit der Akteure macht ihre Gewaltakte zu Ritualen, deren Sinnlosigkeit sie selbst zu ersticken scheint. Es gibt keine Interaktion der Gruppenmitglieder untereinander, keinen Kontakt zu Menschen außer, sie niederzumachen. Die Kamera wird zunächst geduldet, dann auch zerstört. Das klaustrophobe Universum bricht bloß kurz auf, als aus dem Radio des gestohlenen Autos der Song D.A.N.C.E. der Gruppe tönt. Da ist es fast witzig, dass die Jungs das Radio mit einem Faustschlag zum Schweigen bringen.

Wollen sich die beiden smarten, weißen Musiker, die aus dem French House kommen, mit ihrem an der Rap-Ästhetik orientierten Clip an die von Einwanderern dominierte Musikszene der Banlieues heranmachen, neue Käufer auftun? Wollen sie ein politisches Signal setzen, indem sie das Drama der Banlieues mal wieder in Szene setzen, fast so, wie es die Jugendlichen immer wieder selbst tun: Durch das Anzünden von Autos, was so starke Bilder gibt, dass man es garantiert in die 20-Uhr-Nachrichten schafft?

"Meine Filme machen keinen Sinn"

"Justice" haben einstweilen wieder eines bewiesen: Dass man es nicht unbedingt ins Fernsehen schaffen muss, um Beachtung zu finden. Ob MTV sich noch dazu durchringt, den Clip zu zeigen oder nicht, kann den Jungs egal sein. Und Romain Gavras dürfte sich an eine der Maximen von "Kourtrajmé" halten, die schon einige viel beachtete Filme aus der Realität der Banlieues geliefert hat: "Meine Filme machen keinen Sinn. Sie sind für die Sinne gemacht".

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Wie heißt der Film?
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