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Mit dem Boss am Ballermann

Vom Mainstream missachtet, von der Jugend verehrt: Rapper Kollegah eilt der Ruf des großen Proleten der deutschen Musikszene voraus. Bei "Schulz & Böhmermann" zeigte er sich jetzt aber als interessanter Gesprächspartner - ein Eindruck, den der stern bestätigen kann.

  Posing auf Mallorcas Straßen: Kollegah lässt sich für seinen Youtube-Kanal von seinem "Butler" filmen.

Posing auf Mallorcas Straßen: Kollegah lässt sich für seinen Youtube-Kanal von seinem "Butler" filmen.

Am Wochenende zeigte sich Kollegah als eloquenter Talkgast in der ersten Sendung von "Schulz & Böhmermann". Dem Rapper gilt eigentlich als Prolet, der zwar von der Jugend geliebt, im Gegensatz zum Konkurrenten Haftbefehl aber vom Feuilleton bislang links liegen gelassen wird.

Zu den kommerziell erfolgreichsten Musikern des Landes gehört er trotzdem. Der stern hat ihm im letzten Sommer auf Mallorca begleitet. Der folgende Text ist ihr Porträt des "Bosses", das zuerst in der Print-Ausgabe des stern vom 29.10.2015 erschienen ist.

Da stehen sie also in der Lobby dieses Vier-Sterne-Hotels, und, nicht mal eingecheckt, gibt es schon das erste Problem. Der Vermieter des weißen Lamborghini beharrt auf der Kaution, 4000 Euro, aber was tut man nicht alles für 520 PS unterm Arsch? Also kramen sie in ihren Portemonnaies, bis sie die Scheine mafiamäßig an den Vermieter übergeben. Im Gegenzug der Schlüssel. Es kann losgehen.

Von Weitem wirken sie wie eine Mischung aus Boyband und Klassenkameraden auf Abschlussfahrt. Sie, das sind sechs Freunde, eigentlich aus Düsseldorf, jetzt auf Mallorca, weil ihr Chef, also der Kollegah, also der Boss, weil der diese Saison im Riu Palace auftritt, einer dieser Ballermann-Diskotheken, die zur Hauptsaison, wenn es gut läuft, Tausende Partytouristen schluckt und wankend wieder ausspuckt.

Frederic, Kollegahs "Butler".
Pasa, der bosnische Securitymann. Giuseppe, der DJ.
Koree, der Background-Rapper und Produzent.
Lennert, der Booker.
 Und: Kollegah, also: der Boss.
 Sein Album "King" war eines der bestverkauften Alben des vergangenen Jahres.

"Stefan Raab der Neuzeit, nur mit noch mehr Muskeln"

Kollegah ist seit über zehn Jahren im Geschäft. 2014 war er der erfolgreichste Künstler auf den Streaming Plattformen, noch vor Ed Sheeran. Wie das Marktforschungsinstitut "GfK Entertainment" mitteilte, habe der Rapper mit über 105 Millionen Streams als erster Künstler in Deutschland die Marke von hundert Millionen geknackt.Trotzdem ist Kollegah den meisten Deutschen wahrscheinlich nicht bekannt. Während der Rapper "Haftbefehl" in jedem Feuilleton der Bundesrepublik abgefeiert wurde, nahm man von Kollegah Abstand. Einige Kritiker sagten, er sei ein Sexist. Im Jahr 2011 protestierten in Bremen die DGB-Jugend, die Landesgleichstellungsstelle und eine Initiative der örtlichen Schwulenszene gegen ein geplantes Konzert: Eine Kollegah-Show sei eine "zutiefst menschenverachtende" Veranstaltung, hieß es in einem offenen Brief.

Seinen Fans ist das egal. Für sie ist der Rap-Star Kult. Fragt man seine Fans, was so toll an Kollegah ist, dann sagen sie: "Der ist witzig!"

Kollegah ist 31, sein bürgerlicher Name lautet Felix Antoine Blume, der Vater ist Kanadier, die Mutter Deutsche. Er selbst bezeichnet sich als "Selfmade-Millionär" und "Stefan Raab der Neuzeit, nur mit noch mehr Muskeln". Reich geworden ist er mit seiner Musik und einem personifizierten Fitnessprogramm namens "Bosstransformation", das man im Internet bestellen kann und das in etwa dieses Versprechen gibt: Mit diesem Programm wirst du von einem schwabbeligen Paddel innerhalb von zwölf Wochen zum beinharten Muskelmann.

Ein guter Körper, findet Kollegah, gibt dir Selbstbewusstsein, "das Selbstbewusstsein, was du brauchst, um gut durchs Leben zu kommen!" Oder, anders ausgedrückt: "Bruder, besser du hast ein Rumpsteak parat, denn jeder weiß, der Bizeps schrumpft von Salat!" Kollegah und seine Gang sind keine Schöngeister. Keine Hipster. Sondern pragmatische Proleten. Wenn man sie fragt, ob ihr Leben anstrengend sei, antworten sie, an der Betonmischmaschine zu stehen sei härter. Berlin-Mitte interessiert sie nur, wenn sie dort gebucht werden. Eine besondere Mischung aus Demut und Überlegenheit wohnt ihnen inne. Oder genauer: viel Überlegenheit mit einem Spritzer Demut. Ihre Show? "Die aufwendigste Deutschlands." Der Boss? "Hat den Deutschrap mit seiner Dichtkunst revolutioniert." Und natürlich hat "kaum einer so viel für deutsche Jugendliche getan wie Kollegah!"

Er ist wortgewandt und kann "Doubletime" rappen

Blume wuchs in Simmern auf, einem kleinen Ort im Hunsrück. Als er sechs Jahre alt war, ließen sich seine Eltern scheiden, er blieb bei seiner Mutter, sie arbeitete als Putzfrau, es war nie viel Geld da. Eine Zeit lang habe er mit Drogen gedealt und gefälschte T-Shirts und Uhren vertickt. Sein Stiefvater gab ihm den Spitznamen "Kollegah".

Nach dem Abitur fing Blume an Jura zu studieren, aber da hatte er schon lange die Musik für sich entdeckt, und es hatte sich rumgesprochen, dass er wortgewandt ist und "Doubletime" beherrscht, also in doppelter Geschwindigkeit rappen kann. Bis heute sein Markenzeichen. Technisch, sagen einige, sei Kollegah der beste Rapper Deutschlands. Wenn man seinen Manager fragt, warum ausgerechnet der Ballermann interessant für einen Rapper ist, sagt er: "Warum denn nicht? Es sind viele deutsche Fans dort, man verdient gut und füllt die Zeit, bevor Kollegahs neues Album erscheint."

Die Gang fährt mit dem weißen Lamborghini über die Insel, also der Teil, der reinpasst. Die anderen werden von einer Frau vom Riu Palace im Kleinbus hinterherchauffiert. Sie reden über den besten Instagram-Filter, Türkei-Urlaube, Gucci-Parfüm und Fitnessstudio-Besuche. Zwischendurch filmen und fotografieren sie sich unentwegt gegenseitig. Die "Community" muss versorgt werden. Kollegah hat 750.000 Abonnenten auf Instagram. Zum Vergleich: Elyas M’Barek, das größte lebende Jugendphänomen, hat 1,2 Millionen. Auf Facebook verfolgen Kollegah 1.866.000 Menschen. Zudem versorgt er seine Fans auf "BosshaftTV" mit einem eigenen Youtube-Channel über das "Bosshafte Leben". 717.000 Abonnenten.

Die Frau vom Riu Palace sagt Kollegah, dass heute Abend in der Mega-Arena Jürgen Drews zur selben Zeit wie Kollegah auftrete, starke Konkurrenz, sie hoffe deshalb, dass Kollegah viele Fans ziehe. "Das ist doch mal ’ne Challenge", sagt Kollegah. Pasa sagt, dass er bald unbedingt Fleisch brauche. Er habe Hunger.

"Boss, dein Bizeps ist echt krass!" 

Einmal halten sie an einer Bucht und produzieren ein Youtube-Video von Kollegah und dem"Lambo". Kollegah sagt Frederic, was der filmen soll. Er selbst sitzt im Wagen und sagt: "Man, ist das heiß hier!", dann klappen sie das Verdeck herunter. Später holt Kollegah ein Maßband raus und misst bei allen den Umfang des Bizeps. Der Boss gewinnt mit 44 Zentimetern die "Challenge". Die anderen, befindet er, seien "Lappen". Es scheint viel ums Zeigen zu gehen in der Welt des Felix Blume, aber auch ums Siegen. Danach wollen sie Shisha rauchen am Strand. Auf dem Weg dorthin begegnet ihnen ein kleiner rundlicher Junge aus Bochum. Er trägt ein rotes T-Shirt mit der Aufschrift "Mallorca" und quiekt vor Freude, als er Kollegah erblickt. "Gibt es doch nicht", sagt die Mutter, "die hören immer den Kollegah, und jetzt steht der hier!" Der Junge soll im Gegenzug für das Foto "Boss, dein Bizeps ist echt krass!" in die Kamera sagen, dann geht es weiter.

In der Shishabar bestellen sie Wasserpfeifen mit Wassermelonenaroma und Cola light. Alkohol trinkt Kollegah schon lange nicht mehr. Er konvertierte 1999 zum Islam. "Drogen lehne ich ab, aber auch als Atheist würde ich Substanzen verweigern, die meinen Geist vernebeln", sagt er. Er hätte alle Drogen einmal ausprobiert und keine gefunden, die auf lange Sicht einen positiven Effekt habe. Und was ist mit diesen Sexismusvorwürfen?

"Die sind doch überholt", sagt er. Also bist du kein Sexist?
 "Nein." Schwaden von Wassermelone. Und homophob? "Auch nicht. Ich bin ein Vorbild." Für wen? "Für die Jugend. Ich nehme keine Drogen, ich sage ihnen, dass sie Sport machen sollen, auf ihre Ernährung achten sollen und nicht trinken sollen. Außerdem lebe ich ihnen vor, dass es erstrebenswert ist, Abitur zu machen, erfolgreich zu sein. Und dass sie sich in der Schule anstrengen sollen, damit sie auch ein bosshaftes Leben führen können."

Dann wollen sie zurück ins Hotel, Fleisch essen und schlafen, der Auftritt ist spät, sie treffen sich gegen Mitternacht vor dem Hotel wieder. Als die Frau vom Riu Palace fragt, ob sie die Bühne von hinten betreten wollen, sagt Kollegah: "Wir wollen immer von hinten rein!" Der Auftritt selbst klingt in etwa so: "Du billige Bitch, ich kille dich, bin Revolverheld wie Billy the Kid. Und pumpe Zentner auf der Benchpress, danach gibt’s große Beefsteaks. Proteinshakes sowie Entenbrust mit French‐Dress."

Gegenüber der Presse gibt er sich fast philosophisch

Kollegahs Texte sind teilweise so beknackt, dass man ihm wirklich kaum Sexismus unterstellen kann. Es würde die Bedeutung von Sexismus abwerten. Und wahrscheinlich ist das größte Problem von Kollegah‐Gegnern, dass sie ihn zu ernst nehmen, dabei ist er eine Mischung aus Jugendkult, dicken Eiern und Comedy. Das muss nicht jeder mögen, aber nur so sind Zeilen wie "Genital aus Stahl, Muskeln aus Titan" zu deuten.

Als Kollegah von der Bühne kommt, sieht es ein bisschen aus, als würde selbst er zur Abwechslung mal lächeln. Nach dem Auftritt verlangt es die Gang noch nach Big Macs, auch die passen zu ihrem Leben.

Als Kollegah und die anderen zum Pool gehen, um ihre Burger zu essen, steht ein junges Mädchen vor einer Schiebetür, die nicht aufgeht. Kollegah geht für sie zur Rezeption und sagt: "Lass mal das Mädchen raus!" Pasa beschwert sich später: "Mann, warum hast du das gemacht? Die hätte ich fast abgeschleppt."

Kollegah zeigt sich in seinen Youtube‐Videos meistens als Schwätzer. Gegenüber der Presse gibt er sich schweigsam und erwachsen, fast philosophisch. Manchmal raunt er Sätze wie ein Orakel. Interessant wird es vor allem dann, wenn er über etwas nicht reden will. Zum Beispiel über die Narbe am Oberarm. Angeblich hat ihm mal jemand beim Armdrücken den Oberarm gebrochen. Das ist ihm peinlich.

Kollegah soll im Sommer 2013 einen Gast nach einem Auftritt in Freilassing niedergeschlagen und dessen Bekanntem das Nasenbein gebrochen haben. Er war wegen gefährlicher Körperverletzung angeklagt, das Verfahren wurde gegen eine Geldauflage in Höhe von 46.000 Euro eingestellt. Kollegah bezahlte, behauptete aber, es sei Notwehr gewesen.

Was niemand wissen soll, ist, dass er vergangenes Jahr mal einem Tontechniker nach einem Konzert eine reinhaute, weil der Boss fand, der Tonmann hätte einen schlechten Job gemacht. Darauf angesprochen, brüllt er: "Wer ist die Snitch?" So eine Scheiße kann ihn echt wütend machen. Bekannte sagen, dass Kollegah ein Choleriker sei.

Dann setzt er sich wieder und schlägt ein Spiel vor. Die Reporterin soll auf einen Zettel schreiben, was sie glaube, was er im Monat netto verdiene. Die Reporterin schreibt "30.000" auf einen Zettel. Kollegah öffnet ihn, prustet und sagt: "Das mache ich allein mit der Bosstransformation im Monat!" Und schnipst den Zettel weg.

Der Mond scheint auf Kollegahs triumphierendes Gesicht. Aber da ist es schon spät und die Burgertüten leer. Die Community schläft und der Boss wenig später auch. Über Jürgen Drews verliert niemand mehr ein Wort.

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