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29. September 2004, 16:17 Uhr

Musik(politik) mit Bart

Eine aus 500 Musikern bestehende Initiative fordert im Bundestag eine Quote für deutsche Musikproduktionen im Radio. Ein alter Hut, meint stern.de-Redakteur Carsten Heidböhmer.

Kommentar, Radioquote

Auch Heinz Rudolf Kunze fordert mehr deutsche Musik im Radio. Immerhin lehnt er eine gesetzlich festgelegte Quote ab© Wolfgang Weihs/DPA

"Politik ohne Bart" war der Slogan einer Kampagne, mit der sich der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl 1994 von seinem sozialdemokratischen Herausforderer Rudolf Scharping abheben wollte. Mindestens so alt ist die Forderung nach einer Quote für deutsche Musikproduktionen im Radio. Und sie ist nicht totzukriegen: Wann immer ein alternder Deutschrocker sinkenden Absatz seiner Tonträger zu verzeichnen hat, zaubert er diese Forderung aus der Mottenkiste hervor.

Besonders schlimm wird es, wenn sich Politiker, den Popmusikern ihre Popularität neidend, in die Debatte einschalten. Während die Musiker von verbündeten Volksvertretern eine bessere Durchsetzung ihrer Pläne erhoffen, spekulieren die Gremienhocker darauf, von Glamour der Stars und Rocker etwas abzubekommen.

Popstars im Bundestag

Jetzt ist wieder einmal ein solcher Zeitpunkt gekommen: Unterstützt von den Kulturpolitikern Antje Vollmer (Grüne) und Eckhardt Barthel (SPD) sowie Bundestagspräsident Wolfgang Thierse haben sich 500 Musiker und andere Künstler, darunter Udo Lindenberg, Inga Humpe von "2raumwohnung", Laith Al-Deen und Xavier Naidoo zu der Initiative "Musiker in eigener Sache" zusammengeschlossen, um im Bundestagsausschuss für Kultur und Medien Gehör zu finden. Das Ziel: Über eine verbindliche Quote soll den Anteil in Deutschland entstandener Musik im Rundfunk festgelegt werden.

Die Musiker versprechen sich davon vor allem Zweierlei: mehr Vielfalt im Radio und eine bessere Förderung junger Talente. Beides sind an und für sich lobenswerte Unterfangen. Allerdings verwundert es ein wenig, dass nicht mehr so ganz taufrische Künstler wie Peter Maffay, Udo Lindenberg, Bap-Chef Wolfgang Niedecken oder Reinhard Mey plötzlich ihr Herz für Nachwuchskünstler entdecken. Nachdem sie bereits seit Jahrzehnten wertvolle Sendezeit für junge Talente blockieren, drängt sich eher der Verdacht auf, bei diesem Unterfangen handele es sich um ein letztes Aufbäumen einstiger Topstars, die den schleichenden Relevanzverlust noch ein wenig hinauszögern wollen.

Ein Blick ins benachbarte Frankreich, wo seit den 90er Jahren ein 40-Prozent-Quote für Musik in der Landessprache besteht, widerlegt schnell den angeblichen Vorteil für Nachwuchskünstler: Nach Einschätzung von Patrice Hourbette, Leiter des Exportbüros für französische Musik in Deutschland, profitieren dort vor allem etablierte Künstler wie Johnny Hallyday von einer Quotierung. Junge Musiker hätten es dagegen nach wie vor schwer.

Ödnis, so weit das Ohr reicht

Bleibt das Argument mit der mangelnden Vielfalt im Radio. Zweifellos herrscht in der deutschen Rundfunklandschaft Ödnis, so weit das Ohr reicht. Antje Vollmer übertreibt keineswegs, wenn sie von "Einheitsgedudel" spricht. Der größte Teil der Radiosender, insbesondere der privaten, erschöpft sich in einer Rotation der 25 bestverkauften Charthits. Dieses Prinzip ändert sich nicht, nur weil anstelle von Britney Spears auf einmal Yvonne Catterfeld durchgenudelt wird. "Kontraproduktiv, protektionistisch und deutschtümelnd" nennt die FDP-Fraktion die Forderungen nach einer Quote. Und hat damit Recht.

Wer Hörern wie Künstlern wirklich einen Gefallen tun will, sollte eher das Formatradio mit den festen Rotationen bekämpfen. Warum muss man das Problem über den Gesetzgeber regeln? Als mündiger Bürger kann man da auch selber initiativ werden. Gegen die musikalischen Verdummungsattacken im Radio hilft nur eines: Ausschalten - bis die Radiomacher zur Besinnung kommen und den Hörern wirkliche Vielfalt anbieten. Eine Vielfalt, die unabhängig von nationaler Herkunft der Musik oder des Künstlers besteht.

Carsten Heidböhmer

 
 
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