Nach den Debakeln der letzten Jahre hat die ARD die Reißleine gezogen. Die Zusammenarbeit mit ProSieben ist das Eingeständnis, keine eigene Unterhaltungskompetenz zu besitzen. Gleichzeitig ist die Entscheidung mutig: Sie bricht alte ideologische Gräben auf und könnte neue Wege weisen. Von Carsten Heidböhmer

Kann er Deutschland retten? Stefan Raab in seinem Grand-Prix-Outfit aus dem Jahr 2000© Ingo Wagner/AP
Dass sich etwas ändern muss, war klar: Seit Jahren doktert die ARD an der Vorauswahl herum. Lange Jahre gab es eine große Show mit mehr als zehn Teilnehmern. Nach dem letzten Platz von Gracia im Jahr 2005 verkleinerte man den Rahmen und stellte dem Publikum nur noch drei Kandidaten zur Auswahl. Als auch das in einen letzten Platz der No Angels mündete, wollte man bei der ARD alles grundsätzlich anders machen und schaffte kurzerhand die Demokratie ab. Jetzt sollte eine Expertenjury den Erfolg bringen. Das Ergebnis haben wir gesehen: ein 20. Platz in Moskau.
Dass sich die Verantwortlichen nun zu einer Zusammenarbeit mit dem Privatsender ProSieben entschlossen haben, gleicht einer Kapitulationserklärung. Die ARD hat seit Jahren eindrucksvoll unter Beweis gestellt, im Bereich Unterhaltung keine Kompetenz zu besitzen - und gesteht das nun öffentlich ein. Das erfordert Mut.
Damit wird der Weg frei, um mit dem Mann zusammenzugehen, der für die größten Erfolge der letzten 20 Jahre verantwortlich war: Stefan Raab. Einmal trat er selbst an, zweimal komponierte und produzierte er die deutschen Titel. Jedes Mal landete Deutschland unter den ersten zehn.
Nun soll Raab also der ARD aus der Patsche helfen und dafür sorgen, dass sich Deutschland im nächsten Jahr vor einem europäischen Millionenpublikum nicht mehr blamiert. Mit dieser Entscheidung beweisen die Senderchefs der ARD ihre Bereitschaft, alte ideologische Zöpfe abzuschneiden und neue Wege zu gehen.
Galten Privatsender einst als Teufel, ist nun eine Kooperation in greifbare Nähe gerückt. Und das macht Sinn: Denn ein Sender wie ProSieben hat genau die jugendlichen Zuschauer, die der ARD fehlen. Und die einem Wettbewerb wie dem Eurovision Song Contest die notwendige Begeisterung verleihen, um erfolgreich zu sein.