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"Niemand will hier einen Bürgerkrieg"

"Märtyrer" heißt das neue Album von Kool Savas, das mit IS oder dem Islam aber nichts zu tun hat. stern hat den Berliner Rap-Veteranen trotzdem gefragt, was mit der Jugend los ist.

Von Sophie Albers Ben Chamo

  Kool Savas, der 39-Jährige ist seit Mitte der 90er Jahre in der deutschen Rap-Szene unterwegs.

Kool Savas, der 39-Jährige ist seit Mitte der 90er Jahre in der deutschen Rap-Szene unterwegs.

Kool Savas gilt als einer der einflussreichsten Rapper in diesem Land. Sein rasender wie präziser Flow hat ihm früh den Vergleich mit Eminem eingebracht. Zuletzt war er 2012 mit Xavier Naidoo und dem gemeinsamen Album "Gespaltene Persönlichkeit" erfolgreich. "Märtyrer" ist sein viertes Soloalbum. Die Titelwahl ist angesichts der täglichen Berichte über den Krieg im Irak und in Syrien gegen den Islamischen Staat und seine Anhänger und der offenbar zunehmenden Radikalisierung von muslimischen Jugendlichen auch in Deutschland eine schwierige. Ändern wollte der türkischstämmige Berliner den Namen des Albums trotzdem nicht. Ein Gespräch über Religion, Medien und die Vorbildrolle des Rap.

Der Titel Ihres neuen Albums "Märtyrer" ist dieser Tage reichlich problematisch. Haben Sie überlegt, ihn zu ändern?
Nicht so kurz vor Release.

Was bedeutet "Märtyrer" Ihnen genau?


Der Titel ist nur auf die Musik bezogen. Er hat weder einen religiösen Hintergrund, noch eine politische Aussage. Ein Märtyrer kann alles sein: die alleinerziehende Mutter von vier Kindern oder auch der Vater, der täglich buckeln geht. Aber genauso jemand, der bereit ist, für seine Musik, für seine Kunst alles zu geben und alles andere hintenan zu stellen. Und wie ich es im Song sage: Die Leute wünschen es sich von einem. Sie wollen dabei zusehen, wie man sich für sie kaputt macht. Das ist Unterhaltung für sie.

Sie gelten vielen als Vorbild und haben auch schon mit Jugendlichen gearbeitet. Was ist gerade los mit den jungen Menschen, die sich radikalisieren? Ist da überhaupt was los? Ist das eine Medienhysterie?


Dieses ständige Anti-irgendwas der Medien hat schon auch etwas bewirkt. Und dann gesellen sich zu den seriösen Medien die im Internet, wo jeder einen Youtube-Kanal oder ein Blog hat. Da wird Religion mit Politik vermischt, und die Menschen werden gegeneinander aufgehetzt. Am Ende haben Leute, die eigentlich klargekommen sind, ein Problem miteinander und sagen plötzlich "Das ist richtig, und dafür kämpfen wir jetzt". Gerade von Kindern und Jugendlichen, die für so etwas auch gern missbraucht werden, kannst du nicht erwarten, dass sie sich ernsthaft damit auseinandergesetzt haben. Egal welche Seite. Das sind Menschen, die sich innerhalb eines Jahres fünf Mal umorientieren.

Aber einige wenige von denen fahren tatsächlich nach Syrien, um Märtyrer zu werden.


Darauf habe ich das jetzt gar nicht bezogen. Ich gucke vor meine Haustür, und da sehe ich Jugendliche, die sich darüber unterhalten, weil sie glauben, eine Seite wählen zu müssen. Was natürlich vollkommen absurd ist. Niemand muss irgendeine Seite wählen. Ich finde es völlig falsch, Religion zu politisieren und als Trennmittel zwischen Menschen zu missbrauchen. Meiner Meinung nach ist Religion Privatsache. Sie sollte nur privat ausgelebt werden. Das sollte man den Leuten noch mal klarmachen. Religion hat nichts in irgendwelchen Institutionen zu suchen, besonders nicht in staatlichen. Die Menschen in einem Staat müssen sich darauf einigen, wie sie leben möchten. Und das gilt dann auch für alle. Ich finde es pervers, wenn es so weit geht, dass wir uns auf der Straße gegenseitig nach unserem Glauben fragen.

Ist die Frage denn neu?


In Kreuzberg ging es früher eher um Volksgruppen. Das war nicht so auf Religion bezogen. Aber in der heutigen Form, und dadurch dass es jeden Tag Thema ist, dass uns gesagt wird "Das ist gerade unser größtes Problem"... (zögert) Es ist ganz schwierig, darüber zu reden, ohne gleich als Verschwörungstheoretiker abgestempelt zu werden. Jeder spielt irgendwie seine Rolle, und in gewissem Maße werden wir auch instrumentalisiert. Ob man das glauben will oder nicht, die Fakten sind ja da.

Welche Fakten? Was im Irak und Syrien passiert?


Ja, und wenn man sich den Verlauf ansieht, wie darüber berichtet wird, worauf der Fokus liegt, und von wo der Fokus genommen wird. Ich persönlich finde es unglaublich pervers, was in Guantanamo Bay passiert. Nicht weil ich mit den Menschen dort sympathisiere, weil sie Muslime sind, sondern weil es Menschen sind, die tagein tagaus gefoltert werden. Es kann nicht sein, dass wir das vollkommen unreflektiert akzeptieren und sagen: Die Amerikaner sind ja unsere Bündnispartner. Wir sind cool mit denen. Wenn Menschen sterben, gibt es nichts mehr zu vergleichen. Aber wenn sich einer vor zehn Menschen in die Luft sprengt, bekommt das eine ganz andere Aufmerksamkeit. Das ist schon auch Strategie, und das finde ich pervers. In jeder Hinsicht. Ich bin Humanist. Der Weg der Nächstenliebe ist für mich der einzig realistische, wie Menschen miteinander funktionieren können.

Was sagen Sie denn den Kindern, die vor Ihrer Haustür über ihre religiösen und politischen Seiten reden?


Wir waren kürzlich in einem Friseursalon und haben genau über dieses Thema gesprochen. Es gab sofort zwei Seiten, und beide haben gebrüllt. Ich habe gesagt: Jungs, wir müssen uns darauf besinnen, was unser gemeinsamer Nenner ist. Wir sind alle menschlich, wir wollen nicht, dass Menschen sterben, und wir wollen, dass jeder die Freiheit hat, die Religion zu leben, so wie er es für sich will. Darum geht es doch. Du musst nicht sagen, dass das eine gut ist und das andere schlecht. Dieser Konflikt findet nicht hier statt. Wir gehören nicht zu denen. Niemand von uns, von den normaldenkenden Menschen, will für so etwas sterben. Niemand will hier einen Bürgerkrieg.

Aber wieso gibt es eine Radikalisierung?


Wenn dieser Konflikt wichtiger ist als das Zusammenleben mit Menschen, die man seit Jahren kennt, und es anfängt, auf deutschen Straßen zu eskalieren, dann müssen eine Grundunzufriedenheit und ein Fanatismus schon da sein, die durch irgendetwas ausgelöst werden und die dann explodieren. Das ist beängstigend. Was in Hamburg passiert ist, macht mich echt traurig.

Was meinen Sie?


Wo Kurden und Islamisten aufeinander losgegangen sind... (zögert) Alles, was ich jetzt sage, hört sich nach RTL an. Da sind 15- und 16-jährige Jugendliche aufeinander losgegangen, mit Macheten. Ich kann nicht mal die eine oder andere Seite verurteilen, weil es insgesamt so pervers ist.

Wie haben denn die Jungs im Friseursalon auf ihre Worte reagiert?


Im Grunde sehen sie es genauso, aber dann will immer irgendwer noch etwas sagen. Es bekommt eine persönliche Note, weil es einer nicht auf sich sitzen lassen kann oder glaubt, dass er etwas verteidigen muss. Am Ende hat es sich aber gelegt.

Ist die politische Situation ein Thema für den Rap?


Das ist natürlich ein schwieriges Thema, bei dem man ganz schnell ganz viel Unsinn erzählen kann. Und wer kann dann beurteilen, was richtig und was falsch ist? Ich denke, Rap hat eine Vorbildfunktion, weil sich hier ganz unterschiedliche Kulturen, von mir aus auch Glaubensrichtungen, Arten von Menschen treffen, die einen gemeinsamen Weg haben - und das hat eigentlich immer funktioniert. Natürlich ist es sehr einfach, das zu sagen. Aber was, wenn wir Politik und Religion wirklich außen vorlassen? Wenn wir wirklich nicht darüber reden, sondern anfangen, uns darauf zu besinnen, was wir gemeinsam haben. Es gibt ganz viele Kollaborationen zwischen türkischen und kurdischen Rappern. Und ich habe noch nie gehört, dass es unter Rappern ein Thema ist, ob der andere Christ oder Moslem, Jude oder Buddhist ist.

Überrascht es Sie denn, dass es unter Jugendlichen plötzlich Thema ist?


Nein. Die allgemeine Unzufriedenheit ist ja überall zu spüren. Und ich glaube, entweder besinnen wir uns noch mal und finden heraus, wer der wahre Feind ist. Oder es geht alles zu Grunde. Es ist klar, dass eine Hardcore-kapitalistische Wirtschaft, wie sie betrieben wird, auf lange Sicht nicht gutgehen kann. Niemand von uns kann sich auch nur annähernd vorstellen, wie sich Menschen fühlen, die tatsächlich nichts zu essen, die kein sauberes Wasser und die auch keine medizinische Versorgung haben. Es ist für uns immer alles so leicht, und wir fühlen uns wohl, weil wir ein paar Ärzte hinschicken, oder weil wir was spenden. Es ist verrückt.

Diese Unzufriedenheit, von der Sie sprechen, ist die nicht auch zum Teil Schuld an Radikalisierungen bei jungen Menschen?


Natürlich. Und die findet auf ganz vielen Ebenen statt. Was meint man denn, wenn man von Parallelgesellschaft spricht? Das eine sind die persönlichen Entscheidungen, das andere aber auch gesellschaftliche. Oftmals sitzen die Leute zwischen den Stühlen. Natürlich muss ein 16-, 17-, 18-jähriger arabischer oder türkischer Jugendlicher nicht kriminell werden. Man kann auch von ihm erwarten, dass er sich in der Schule anstrengt, und dass er ein ordentlicher, korrekter, netter, fairer Typ ist. Auf der anderen Seite muss man sich fragen, wer ihm beigebracht hat, wie er mit Menschen umgeht. Ja, es gibt eine pauschale Ablehnung. Man muss einen Grundlevel an Zufriedenheit herstellen, damit bei den Menschen Offenheit herrscht, damit sie überhaupt bereit sind, dem anderen entgegenzukommen. Es ist verdammt schwer, das von jemandem zu erwarten, der unzufrieden und unglücklich ist.

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