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22. Mai 2009, 11:28 Uhr

Der Punk-Rock geht in eine neue Runde

Endlich ist es so weit: Ganze fünf Jahre ließ die US-Band Green Day auf den Nachfolger des legendären Albums "American Idiot" warten. Auch in "21.Century Breakdown" spiegeln die Punk-Rocker die Zusammenbrüche und Highlights des Jahrhunderts wieder – schonungslos und ehrlich wie eh und je

Green Day, 21.Century Breakdown

Nach fünf Jahren Wartezeit ist das neue Green Day-Album "21.Century Breakdown" endlich erschienen© Bruce Gilbert/ap

Es gibt ja so Tage, da will man mal nicht den Müll trennen. Und dafür bei Rot über die Ampel gehen. Und zu jemandem "Arschloch!" sagen, weil er eben eines ist. Es gibt diese Tage, an denen man einfach verdammt unartig sein will. Weil man sich erinnert, dass einen die Unartigkeit der Jugend mehr geformt hat, als das Leben heute einen verformt. Es sind die Tage, an denen man Green Day sein möchte.

Gustav Mahler sagte einst: "Wenn ich Musik höre, höre ich oft ganz bestimmte Antworten auf all meine Fragen", und das fällt einem ein, wenn "Jesus of suburbia", "Time of your like" oder "Boulevard of broken dreams" aus dem Radio kommt oder in der U-Bahn aus den Kopfhörern junger Mädchen. Weil es die "bestimmten Antworten" auf ihre Fragen sind. Weil zwölf Millionen verkaufte Alben des Green Day-Klassikers "American Idiot" von der kleinen stillen Glut erzählen, die von dem schnaubendem Neo-Punk-Rock Green Days wieder zu Flammen entfacht wird. "Wenn ich zuhause bin, ganz für mich, dann höre ich Green Day", gestand der Opernstar Anna Nebtreko, und Mick Jagger, befragt, ob er in der Musik irgend etwas sehe, was den Rolling Stones nahe komme, sagte: "Die Jungs von Green Day sind sehr gut."

Vom rotzigen Punk-Keller zur Weltbühne

Berlin an einem Nachmittag. Billie Joe Armstrong, Mike Dirnt und Tre Cool haben eine lange Nacht gehabt, sie kennen Berlin, sie haben hier schon vor 15 Jahren gespielt, damals in rotzigen Punk-Kellern, ihr Bühnengerät passte in einem Kombi. Jetzt sind sie hier als Weltstars und Armstrong sagt, dass auch seine Nervosität anfange zu verfliegen. Doch wäre ein gewisser Grad an Nervosität zu verstehen. Erwarten jetzt nicht alle vom neuen Album "21.Century Breakdown", dem Nachfolger von "American Idiot", dass es noch so ein Triumph wird? Noch im Februar wollte Armstrong das Baby nicht loslassen und hat im Studio gesessen und an jedem Song gefeilt, "irgendwann musst du aber loslassen und von da an war ich nervös". Armstrong, nicht sehr groß, 37, flackernde Augen und Haare wie Pumuckl in pechschwarz, ist Sänger und Kopf der Band. Kein drogenverbeulter Alt-Punk, sondern ein wacher und melancholischer Formulierer, Familienvater mit zwei Kindern.

Punk-Rock als Politkurier

Es lastet nicht nur Erwartung sondern auch Bedeutung auf ihnen. Denn in den USA wird Green Day mit den wütenden Anti-Bush-Songs von "American Idiot" auch der Verdienst zugeschrieben, Jugendliche wieder politisiert und selbst notorische Nichtwähler an die Urnen gebracht zu haben. Armstrong wurde "zu einem Sprecher eines alternativen amerikanischen Traums", wie die "Sunday Times" schrieb. "Wir haben immer gesagt, dass wir gegen Bush sind, aber wir sind keine Politiker", sagt dazu der Sänger, "und man darf nicht anmaßend werden. Es ist das Lebensgefühl, das wir spüren, dieses Pendeln zwischen Optimismus und Nihilismus. Einerseits willst du etwas machen, aufbauen oder so. Und dann wieder willst du am liebsten die ganze Stadt niederbrennen, das wohnt doch in jedem von uns." Es ist dieselbe Stimmung, die Mick Jagger 1968 mit "Street Fighting Man" formulierte, die sich nun in modernerer Färbung durch "21.Century Breakdown" zieht. "Know your enemy" heißt ein Song, kenne deinen Feind, und Armstrong singt "violence is an energy against the enemy", auch gefühlte Gewalt ist Energie.

American "West Side Story"

Das Album ist in drei Kapitel unterteilt, es erzählt die Geschichte eines jungen Paares, Gloria und Christian, das sich wie in einer Rock-Oper durch den Dschungel der Welt schlägt, eine Art "West Side Story" mit dem wütenden Zynismus eines "Fänger im Roggen" vielleicht. Sehr dicht am Gefühl, in einem gerade erst angebrochenen Leben zu sein. Musikalisch so etwas wie liberalisierter Punk-Rock, mal bass- und gitarrengetrieben, mal kurze Visiten in der Reggae- und Balladenkultur. Insgesamt ein dickes, sehr variantenreiches Stück energetischer Rock-Musik in der Green Day-Kunst Songs mit mehreren Etage zu komponieren. Und es ist, verglichen mit ihrem Opus, erwachsener als zuvor.

Ob er glaube, dass Rockmusik immer die Absprengkraft zwischen den Generationen brauche, dass er also an Wucht verliert, wenn Vater und Sohn dieselben Stücke hören? "Nein, es kommt darauf an, was jeder für sich damit macht. Auch der Blues war einmal die Musik alter schwarzer Männer und erst die jüngeren haben ihn über Generationen weiterentwickelt", sagt Armstrong, dessen ältester Sohn 14 ist. Er weiß auch, "vielleicht sagt er eines Tages, Daddy, lass mich mit deinem ollen Punk-Rock zufrieden."

JS
 
 
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