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18. März 2008, 10:43 Uhr

Die dunklen Locken der neuen Naivität

Seitdem "Podfather" Steve Jobs persönlich den Song "New Soul" für die Bewerbung eines neuen Apple-Laptops entdeckte, möchte jeder erfahren, wer die unverbrauchte Stimme ist, die einen schnöden Werbespot auf so wunderbare Weise beseelt. stern.de hat die israelisch-französische Sängerin Yael Naim getroffen. Von Verena Stöckigt

Yael Naim Yael Naim - Zum Hinsetzen und Ausruhen bleibt keine Zeit mehr© Promo

Geduldig, offenherzig, von der Routine noch nicht aufgezehrt, lassen die in Paris lebende Israelin und ihr musikalischer Hauptarrangeur David Donatien derzeit einen wahren Interviewmarathon über sich ergehen. Dazu gehört es auch, um sieben Uhr morgens am Flughafen Charles-de-Gaulle eine Maschine zu besteigen, um zwei Stunden später in Berlin die Fragen ganzer Journalistenschwärme zu beantworten - und das bis weit in den Abend hinein.

Doch scheint die 29-jährige Naim den Medienrummel mit kindlicher Freude zu genießen. In weißem Faltenröckchen, grüner Bluse und goldenen Ballerinas tänzelt sie auf und ab, als sie erfährt, dass ihr Song "New Soul" gerade auf Platz 17 der deutschen Singlecharts eingestiegen ist. Dabei ist Deutschland nur ein Nebenschauplatz. Noch vor Steve Jobs Schützenhilfe enterte das Album "Yael Naim & David Donatien" in Frankreich Platz sechs der Charts, in England schaffte es den Einstieg in die Top 40, und sogar in den USA peste "New Soul" bis auf Platz zehn der Billboard Pop 100.

20 Jahre ist es her, dass einer israelischen Künstlerin ein ähnlicher Coup gelang: Mit ihrem Nummer-eins-Hit "Im Nin Alu" trat Ofra Haza 1988 ins globale Rampenlicht. Dank Sisters Of Mercy und dem Song "Temple Of Love" wurde die geheimnisvolle Schönheit später sogar von MTV in die Dauerrotation genommen. Zwei Dekaden später schickt sich nun die zierliche Naim an, den Erfolg der 2000 verstorbenen Sängerin zu toppen.

Einst machte Naims Stimme müde Soldaten munter

1978 wurde Naim in Paris geboren, im Alter von vier Jahren zog sie mit ihren tunesischen Eltern nach Tel Aviv. Dort nahm sie Klavierstunden und entdeckte ihre Liebe zu den Beatles. Später erlag sie dem Charme von Sängerinnen wie Joni Mitchell, Aretha Franklin und Björk. Mit 18 trat sie den in Israel obligatorischen Armeedienst an.

Hatte das fragile Persönchen tatsächlich mal eine Maschinenpistole um den Hals hängen? "Nicht doch", sagt sie im Gespräch mit stern.de und lacht. "Ich hatte mit meinem Militärdienst Glück: Als Sängerin der Big Band der israelischen Luftwaffe trug ich zwar eine Uniform, aber zu meinen Aufgaben gehörte in erster Linie das Proben und Auftreten vor müden Soldaten."

La nouvelle naïveté

In ihren Texten politisch Standpunkt zu beziehen, ist Naims Sache nicht. Wie ihre Vorgängerin Leslie Feist, die mit "1 2 3 4" Apple emblematisches Liedgut für den letzten iPod-Spot zur Verfügung stellte, kokettiert Naim mit einer mädchenhaften Naivität.

"I'm a new soul / I came to this strange world / hoping I could learn a bit about how to give and take / But since I came here / Felt the joy and the fear / Finding myself making every possible mistake/ La-la-la-la-la-la-la-la..." (Ich bin eine neue Seele/ Ich kam in diese seltsame Welt/ um ein bisschen Geben und Nehmen zu lernen/ Aber seitdem ich da bin/ Freude und Furcht gespürt habe/ mache ich jeden erdenklichen Fehler). Mit dem Refrain von "New Soul" sang sie sich nicht nur in das Herz der werbetreibenden Wirtschaft, sondern verführt seit Anfang des Jahres auch ein millionenstarkes Fernsehpublikum.

Doch nicht immer lief es im Leben des kulleräugigen Mädchens so glatt. Das Debütalbum, das sie 21-jährig bei einem großen Musikkonzern veröffentlichte und für das sie extra nach Paris umzog, floppte. Der geplatzte Traum ließ sie demütig werden. Mit David Donatien, ein Percussionist, dessen Vater aus Martinique stammt, fand sie zu neuer Form zurück. Naim und Donatien trafen sich zu Jam-Sessions, und Naim begann, Songs auf Hebräisch zu schreiben. "Nach vier Jahren in Paris fühlte ich mich, als hätte ich die Verbindung zu meiner Heimat, meiner Familie, meinen Freunden verloren. Meine Muttersprache war ein Weg, diese Verbindung wieder herzustellen", erklärt sie den Umstand, warum die Hälfte ihres zweiten Albums in hebräischer Sprache verfasst ist.

Label-freies Leben

Hätten die beiden Vollblutmusiker zu diesem Zeitpunkt bei einer Plattenfirma unter Vertrag gestanden, vermutlich hätten es gerade mal die Songs "Levater" und "Shelcha" auf das Album geschafft - als exotische Schmankerl sozusagen. Das Label-freie Leben lässt das Duo sein Werk ohne marketingstrategische Zwänge komponieren, denn von einer Veröffentlichung oder gar kommerziellen Erfolg gingen sie zunächst gar nicht aus.

So fanden die Aufnahmen zu "Yael Naim & David Donatien" dann auch im Apartment der Sängerin statt, was dem Klang der Stücke eine Intimität verleiht, in die sich schon mal das Brutzeln eines Spiegeleis oder das Klappen einer Tür verirrt.

Plattencover: Yael Naim & David Donatien© Warner

Keine Angst vor Ausverkauf

Von Intimität kann freilich keine Rede mehr sein, seitdem Steve Jobs das Stück "New Soul" auf die auditive Weltbühne gezerrt hat. "Keine Fan-Enttäuschung kann größer sein, als das Lied, zu dem man sich verliebt oder geheiratet hat, plötzlich in einer Waschmittelwerbung zu hören", soll Nick Cave einmal gesagt haben. Und Feist, das ehemalige Indie-Darling, kann ein Lied von Sell-Out-Vorwürfen singen, die sie sich seit ihrem Einsatz in einer iPod-Werbung gefallen lassen musste.

Diesem Stress müssen sich Naim und Donatien nicht aussetzen, schließlich hatten sie vor der Veröffentlichung von "New Soul" nicht viele Fans, was es unwahrscheinlich macht, dass sich tatsächlich einer zu besagtem Hit verliebt, verlobt oder verheiratet hat. Man muss dem Apple-Giganten ganz im Gegenteil also dankbar sein - so scheint es - denn mit seinem neuesten Spot hat er endlich ein Bedürfnis geweckt, das sich zu stillen lohnt. Und das ist die Entdeckung der zwölf weiteren Perlen, die auf dem Album "Yael Naim & David Donatien" neben "New Soul" zu finden sind.

Von Verena Stöckigt
 
 
KOMMENTARE (1 von 1)
 
BerndHH (05.04.2008, 16:46 Uhr)
Bitte erst die Apartheid beenden. Stern lässt sich oft kaufen.
Ist die Apartheid-Mauer in arabischen Gemeinden schon abgerissen? Was soll dann dieser bezahlte Artikel? Im letzten Jahr hieß es "Sex in Israel". Wie interessant. "Sex in der Apartheid" wäre treffender gewesen. Später kam raus, dass Stern für diese Titelseite vom isr. Aussenministerium bezahlt wurde. Peinlich. Warum lässt sich der Stern so offensichtlich einkaufen? Die Leser werden hier unterschätzt. Wir "riechen" den Konflikt und die billige Ablenkung. Gegen eine Annäherung an israelische UND arabische Künstler hätte ich sonst nichts einzuwenden.
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