Held einer Generation, tragischer Pop-Mythos: Mit 27 Jahren schoss sich der Nirvana-Sänger Kurt Cobain in den Kopf. Acht Jahre nach seinem Tod zeigen Tagebücher die Verzweiflung und Lebensangst des Idols.

Freitod mit 27: Kurt Cobain© AP
Von Hannes Ross
Als Kurt Cobain in den frühen Morgenstunden aus unruhigen Träumen aufwacht, weiß er, dass er sterben wird. Er weiß es, weil er auf diesen Moment gewartet hat. Er hat ihn sorgfältig geplant, schon Jahre zuvor.
Es ist dunkel im Schlafzimmer, nur der Fernseher spendet ein wenig Licht. Es läuft MTV ohne Ton. Kurt Cobain steht auf. Er trägt zerrissene Levi's-Jeans und schnürt sich seine Converse-Turnschuhe, das einzige Paar Schuhe, das er besitzt. Er darf jetzt keine Zeit verlieren, bald wird es draußen hell.
Alles liegt bereit. Aus einem Versteck im Wandschrank holt er sich eine Zigarrenkiste mit Heroin und eine Schrotflinte, Marke Remington. Die hat er sich vor ein paar Wochen in einem Jagdgeschäft besorgt. »Zum Selbstschutz«, wie er dem Verkäufer erklärte.
Kurt Cobain öffnet die Hintertür seines Hauses in Seattle, das er sich erst vor ein paar Wochen für mehr als eine Million Dollar gekauft hat, und läuft hinüber zum Gewächshaus im Garten. Dort klettert er die kleine Holztreppe hinauf und setzt sich auf den Linoleumboden im ersten Stock. Linoleum ist gut. Es wird viel Blut geben. Er hat zwei Handtücher mitgenommen.
Dieses Mal darf nichts schief gehen, zu oft haben sie ihm schon seinen Tod verpatzt. Haben ihn gefunden, zurückgeholt aus dem Drogenkoma, in dieses Leben, dessen er so unendlich müde ist.
Kurt Cobain zieht einen Notizblock aus der Tasche und beginnt seinen Abschiedsbrief zu schreiben. Die Worte muss er nicht suchen. Sie sind in seinem Kopf, schon als Teenager hat er sich diesen Abgang in seinen finsteren Tagträumen ausgemalt: »... schon seit vielen Jahren verspüre ich keine Aufregung mehr für Musik ... ich kann euch nichts mehr vormachen ... das schlimmste Verbrechen wäre, die Leute abzuzocken, indem ich Theater spiele ... also erinnere ich mich, es ist besser zu verbrennen als langsam zu verwelken ... Liebe, Kurt Cobain«
Er sitzt noch eine Weile da. Raucht, Camel Lights, fünf Zigaretten. Schaut hinaus in die Bäume, die das Gartenhaus verdecken. Hier kann ihn niemand sehen, hier ist er in Sicherheit. Dann hält er die Mündung der Schrotflinte an den Gaumen und drückt ab.
Sie finden ihn erst drei Tage später, doch die Nachricht von seinem Tod braucht nur wenige Stunden um die ganze Welt. MTV schaltet Sondersendungen, die »New York Times« bringt die Todesmeldung auf der Titelseite, und weltweit kommt es zu Traueraufmärschen hysterischer Teenager.
Es ist der Moment, in dem sich die einzelnen Bruchstücke zum Mythos um den Nirvana-Sänger Kurt Cobain zusammensetzen. Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison sind lange tot. Kurt Cobain aber ist hier und jetzt. Ein sensibler Rockstar, der in seinen Songs die Ängste, Wut und Hoffnungslosigkeit einer ganzen Generation widerspiegelt. Dem Ruhm, Reichtum und Glamour egal sind. Und der schließlich sein eigenes Leben gibt, weil er das beklemmende Gefühl nicht loswird, er habe nichts mehr zu sagen. Das ist der Stoff, aus dem Pop-Mythen gemacht sind.