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Spielen, bis es Sinn ergibt

Zwischen Soul, Jazz und Folk: Mit ihrem markanten Stilmix singt sich die 22-jährige Britin Lianne La Havas derzeit in die Herzen aller Musikkritiker. Ihr Debütalbum "Is Your Love Big Enough?" ist gerade erschienen.

Ihr Vater ist Grieche, Ihre Mutter stammt aus Jamaika. Auch wenn es in unserer globalisierten Welt vielleicht ein Klischee ist: Hat Sie dieser kulturelle Mix musikalisch geprägt?
Bestimmt. Ich weiß, dass mich alles beeinflusst hat, was ich damals hörte. Weil ich schon immer besessen von Gesang war, sind es vor allem die Stimmen aus meiner Kindheit, die mir in Erinnerung geblieben sind. Meine Mutter liebte Soul-Diven, mein Vater zeigte mir dann die ersten Akkorde auf der Gitarre und dem Klavier. Er spielte mir griechische Musik auf dem Akkordeon vor. Und natürlich hörte ich sehr viel Reggae (lacht) - zu Hause bei meinen Großeltern.

War Ihre Mutter der Schlüssel zur Welt der großen Sängerinnen?
Ja, auf jeden Fall. Meine Mutter hörte gern R'n'B und Soul. Ich hörte mich durch ihre Michael-Jackson-Vinylplatten durch. Außerdem spielte sie mir viele Mary-J.-Blige-Songs vor. Dazu die Fugees und Jill Scott. Ich wuchs mit all diesen Frauen, diesen starken Sängerinnen auf. Über die bin ich später an Nina Simone und Ella Fitzgerald geraten. Ella Fitzgerald ist meine absolute Lieblingssängerin.

Man kann es kaum glauben - als Kind sollen Sie scheu gewesen sein, was das Singen betrifft. Stimmt es, dass Sie nur gesungen haben, wenn garantiert keiner in der Nähe war?
Das stimmt. Es ist eine interessante Erfahrung, wenn man mit dem Singen beginnt. Weil es so sehr ein Teil von dir ist. Es kommt aus deinem Körper heraus. Wenn ich als Kind gesungen habe, dachte ich immer, ich würde etwas Ungezogenes tun. In etwa so, als würde ich mich selbst entblößen. Deshalb sang ich auch nur für mich. Ich war in dieser Hinsicht tatsächlich sehr schüchtern. Wenn ich meinen Großvater die Treppe hochkommen hörte, dachte ich, mein Herz bliebe stehen. Es dauerte also bis ich in den Chor eintrat, als jemand meinen Gesang hörte. Da war ich 13 Jahre alt und musste vorsingen, um aufgenommen zu werden. Es war eine gute Sache - um meine Ängste zu überwinden.

Seit wann wissen Sie, dass Sie tatsächlich Sängerin werden wollen?
Ich bin nicht so arrogant und selbstsicher, dass ich behaupten könnte, das wollte und wusste ich schon immer. Ich weiß erst seit Kurzem, dass Musik wirklich zu meinem Job werden kann. Eigentlich studierte ich am College Kunst und plante, eventuell Lehrerin zu werden. Während ich studierte, begann ich für einige Freunde als Backgroundsängerin zu arbeiten. Darüber habe ich sehr viele Leute kennengelernt, andere Musiker. Deshalb fing ich auch an, Gitarre zu spielen. Irgendwie bin ich da so reingefallen und habe nun mein Herz an die Musik verloren.

Sie sind eine exzellente Gitarristin mit einem außergewöhnlichen Stil. Wann haben Sie mit dem Spielen angefangen?
Da war ich schon 18. Früher spielte ich Klavier, Keyboard - also Tasteninstrumente. Dann traf ich all diese Musiker, und einfach jeder spielte Gitarre. Ich dachte also: Vielleicht ist es noch nicht zu spät, das zu lernen. Wir fanden eine Gitarre im Internet, mein Vater kaufte sie mir. Er zeigte mir alles, was er darauf spielen konnte. Mein Vater besitzt eine Art Basiswissen, was die Gitarre betrifft, und er mag Finger-Picking. Daher kommt wohl auch meine Vorliebe für all die rhythmischen Dinge, die ich auf der Gitarre mache.

Tatsächlich ist Ihr Stil einzigartig: sehr rhythmisch, ein bisschen verhuscht, dennoch sehr groovy. Ist das einfach nur Jazz?
Ich spiele gern ohne Plektrum. So hast du alle fünf Finger zur Verfügung - damit kann man eine ganze Menge anstellen. Ich kann verschiedene Rhythmen gleichzeitig spielen, Betonungen setzen. Ich spiele meine Gitarre einfach nur nach Gefühl und irgendwann finde ich etwas, das einen Sinn ergibt - so entstehen meine Songs. Diesen Stil habe ich so lange geübt, bis er in mein Muskelgedächtnis übergegangen ist. Ich benutze gerne alle Saiten der Gitarre gleichzeitig. Die tiefen Saiten, um meiner Musik einen Bass zu geben, darüber dann Akkorde und kleine Melodien - alles zur selben Zeit. Beim Spielen und Komponieren bin ich wie mit meinem Instrument verwachsen, deshalb fällt es mir auch nicht schwer, auf der Bühne zu singen und gleichzeitig Gitarre zu spielen. Ob man das Jazz nennen kann, weiß ich nicht, aber ich nehme es gern als Kompliment.

Wie entsteht ein typischer Lianne-La-Havas-Song?
Ich mag es, über Dinge zu schreiben, die so tatsächlich in meinem Leben passiert sind. Deshalb sind meine Texte auch sehr direkt, leicht verständlich und meistens kaum lyrisch kodiert. Manchmal fallen mir Textzeilen ein, die mehrere Bedeutungen haben können. Irgendwann später finde ich dann aber immer einen klaren Bezug zu diesen Textstellen, der von etwas Erlebtem kommt. Da nehme ich dann also einen Song auf, schreibe die Texte dazu und merke erst dann, wenn er fertig ist: Aha, darum geht es also. Ein Song kann bei mir auf verschiedene Arten entstehen - aber er ist immer sehr persönlich.

"Is Your Love Big Enough?" ist der Titel Ihres ersten Albums. Es gibt aber auch einen Song, der so heißt. Was hat es mit dieser Frage auf sich?
Dieser Song steht für einen der glücklichsten Momente meines Lebens. Ich hatte eine ganze Weile nichts mehr geschrieben und fühlte mich deshalb ein bisschen deprimiert. Ich ging nach New York, um dort zu schreiben. Der Text des Songs "Is Your Love Big Enough?" ist zunächst mal die Aufzählung all dessen, was mir auf diesem Trip passierte. Ich fand mich selbst in einer Gitarre wieder, ich tanzte so lange, bis ich nicht mehr betrunken war, ich fand Freunde in der U-Bahn - all das. Doch dann heißt es im Refrain: "Is Your Love Big Enough For What's To Come".

Wofür steht diese Frage?
Für mich ist das die Frage danach, ob du genug Liebe in deinem Herzen hast, um auch dich selbst zu lieben. Damit besitzt du nämlich auch die Fähigkeit, andere zu lieben. Ich merkte auf dieser Reise, dass ich mich selbst wieder lieben konnte. Ich habe mich dadurch verändert. Deshalb heißt das Album so. Es ist außerdem ein fröhlicher Titel und einer der ganz wenigen Songs auf dem Album, der nicht von meinem Freund oder von Ex-Freunden handelt (lacht).

Sie singen gern über Ex-Freunde - wie in "Forget" ...
Ja, "Forget" ist die musikalische Antwort auf die Anfrage eines Ex-Freundes. Er ist selbst Musiker und fragte mich nach einer ziemlich üblen Trennung, ob ich auf einem Song, den er über mich geschrieben hatte, mitsingen könnte. Und das, nachdem er mein Herz gebrochen hatte! Er hatte die Beziehung beendet, und ich war lange Zeit ziemlich durcheinander. Als ich endlich darüber hinweg war, wollte er nun also in mein Leben zurückkriechen, sich entschuldigen und mir sagen, dass er mich doch noch liebte. Statt ihm zu antworten, schrieb ich diesen Song - "Forget" - und hatte eine Menge Spaß beim Aufnehmen.

Was sagen Sie Ihrem Ex-Freund in diesem Song?
Der Text handelt davon, dass ich lieber nicht vollgesülzt werden will. Ich verwende dafür viele Worte, die mit Musik zu tun haben. "Forget" ist vielleicht mein Lieblingssong auf dem Album, wenn es ums Spielen geht. Weil ich mit diesem Lied eine Menge Aggression loswerden kann.

Immerhin haben Sie auch einen Song über einen aktuellen Freund auf dem Album. "Age" hat ebenfalls eine interessante Geschichte ...
Ja, "Age" erzählt eine wahre Geschichte. In Form eines Songs versuche ich die Entscheidung zu treffen, ob ich mich mit einem älteren Mann einlassen soll, der mich sehr gut behandelt, oder ob ich bei einem jüngeren Mann bleiben soll, der mich nicht gut behandelt hat. Und während ich den Song singe, treffe ich meine Entscheidung (lacht). Darum geht es in "Age". Manchmal erschrecke ich selbst darüber, dass ich in meinen Liedern immer so ehrlich bin. Aber das ist momentan die einzige Art und Weise, wie ich Lieder schreiben kann.

Eric Leimann, Teleschau/TELESCHAU
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