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Es ist schon wieder "Do they know it's Christmas"-Zeit

Mit Band Aid 30 will Bob Geldof im Kampf gegen Ebola helfen. Campino sorgt für eine deutsche Version. In Berlin haben sie zusammen um Unterstützung gebeten. Aber was bringt das Gesinge eigentlich?

Von Sophie "Bananarama" Albers Ben Chamo

Ich war 13 Jahre alt und entflammt. Ich würde Äthiopien helfen! All diesen kleinen, verhungernden Kindern mit den Fliegen um die Augen, die es dauernd im Fernsehen zu sehen gab. Die mich schockierten, die ich im nächsten Augenblick aber auch wieder vergaß, weil sie in meinem heilen Kleinstadtleben von 1984 eben nur ein Fernsehbild waren, das sofort wieder verschwand. Aber jetzt. Ich würde diese Single (Vinylscheibe mit zwei Songs, Vorgänger von CD und MP3) kaufen, "Do they know it's Christmas", und mit meinem Taschengeld, das hatte ein Mann mit wirren Haaren in der "Bravo" versprochen, würden die Menschen in Äthiopien endlich zu essen bekommen.

Ich erinnere mich genau an dieses Gefühl, das mich damals durchströmte: Ich hatte der Hilflosigkeit etwas entgegenzusetzen, und wenn es nur ein bisschen Vinyl war. Zuerst musste ich aber an meinem Vater vorbei, der mir das Ganze mit seinen Erwachsenen-Fragen zu vermiesen drohte: "Wer bekommt das Geld wirklich?", fragte er. "Wieviel von den Einnahmen wird tatsächlich gespendet?" "Erreicht die Spende wirklich die sterbenden Kinder?" Ich wollte das alles nicht hören, fühlte mich altersgemäß unverstanden, wurde wütend, kaufte die Single heimlich und hörte sie um so lauter. Jetzt half ich nicht nur Äthiopien, ich konnte auch noch rebellieren.

Diesmal geht es um Ebola

30 Jahre später (Holy Shit!) sitze ich vor dem Mann mit den wirren Haaren. Sie sind jetzt weiß, und ich weiß, dass sie Bob Geldof gehören. Außerdem weiß ich, dass ein Jahr nach Band Aid die amerikanische Version mit "We are the World" und Michael Jackson folgte. Dass es Äthiopien nach fünf Jahren immer noch nicht besser ging und deshalb Band Aid II aufgelegt wurde. Dass 20 Jahre später, 2004, Band Aid 20 gegen die Hungersnöte in Darfur und im Sudan ansang. Und dass Bono immer dabei war. Außerdem gab es die Konzert-Aktionen Live Aid (1985) und Live 8 (2005). Und jetzt, im Dezember 2014, gibt es Band Aid 30. Damit den Menschen in den Ebola-Gebieten geholfen wird.

Mittlerweile weiß ich leider auch, dass mein großartiges Gefühl über meine wohltätig angelegten sechs Mark kein reines war. Band Aid und Live Aid haben damals rund 150 Millionen Dollar eingesungen. Tatsächlich kam ein Großteil des Geldes in Äthiopien an, und es wurden auch Menschen gerettet. Aber möglicherweise sind genauso viele gestorben, weil die Gründe für die Hungersnot nicht nur natürliche, sondern auch politische waren, und Teile des Geldes definitiv nicht in Ernährung angelegt wurden, sondern unter anderem Rebellen Waffen finanzierten.

  Bob Geldof (rechts) und Campino bei der Band-Aid-30-Pressekonferenz in Berlin

Bob Geldof (rechts) und Campino bei der Band-Aid-30-Pressekonferenz in Berlin

Das macht es schwierig, sich Bob Geldofs auch nach 30 Jahren ungebrochener Wut und Leidenschaft entgegenzustellen - und meinem eigenen moralischen Dilemma, etwas tun zu wollen. "Ebola muss gestoppt werden." Natürlich, Sir Bob. "Die finanziellen Mittel reichen nicht." Stimmt, Sir Bob. "Wir müssen das Thema wieder in die Diskussion bringen." Ist es das nicht, Sir Bob?

Geldof geht zum Angriff über am Donnerstagnachmittag in der Berliner Luxusherberge Soho House. Die deutschen Medien kümmerten sich mehr um die Ukraine als um Ebola. Deutschland, das reichste, mächtigste Land Europas, habe sein Versprechen nicht gehalten und nicht ausreichend Hilfe nach Afrika geschickt. Merkel tue nicht genug. Die deutsche Wirtschaft trinke Putins "dreckigen Champagner". Und die Ukraine sei weiter entfernt von Deutschland als Liberia. Mindestens Letzteres ist Unsinn, Sir Bob.

"Fuck you, die ihr über uns lacht!"

Neben Geldof sitzt auch Campino von den Toten Hosen, denn es soll dieses Mal nationale "Do they know it's Christmas"-Versionen geben. In Frankreich singt Carla Bruni mit Daft Punk und Johnny Hallyday, in Deutschland Haftbefehl mit Max Raabe und Ina Müller (Nein, Helene Fischer ist nicht dabei. Campino hatte ihre Handynummer nicht). Der Kampf gegen Ebola sei ein Wettlauf mit der Zeit, sagt Campino. Und er wiederholt, was Geldof schon mehrfach wiederholt hat: Es gehe nicht um das Lied. Es gehe um die Sache. Genauer gesagt um die Zahlen, sagt Geldof. Denn die Politik interessiere sich nur für Zahlen, und wenn die Musiker die Zahlen zustande brächten, dann fände das Anliegen auch Gehör, so die Argumentationskette. Campino nickt, und Geldofs Knie flattern. Er wirkt plötzlich müde, lustlos und ist offensichtlich beleidigt, dass "die Arbeit" immer an ihm hängenbleibt.

"Ich verstehe nicht, warum wir Musiker das machen müssen. Das ist nicht cool. Es ist peinlich. Aber es ist wichtig!", pöbelt er ein bisschen. Und die ganzen zynischen "Reiche Leute beruhigen ihr Gewissen"-Ablass-Vergleiche hat er natürlich auch gelesen: "Fuck you, die ihr über uns lacht!"

"Do they know it's Christmas" ab dem 5. Dezember

Der Song soll spätestens am 5. Dezember veröffentlicht werden. Campino und seine Leute gehen am Montag ins Studio. Geldof versammelt schon am Samstag Großbritanniens und Irlands Pop-Elite - von Adele bis Ed Sheeran - und natürlich ist Bono wieder dabei. Zudem soll es ab Samstag eine App zu kaufen geben, die Einblick ins Studio gewährt.

Wir haben also noch ein bisschen Zeit, darüber nachzudenken, ob der Popsong zur Katastrophe noch hilft, oder ob wir uns etwas anderes überlegen müssen. Etwas tun müssen wir auf jeden Fall.

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