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8. Juli 2007, 12:43 Uhr

Ein Kessel Buntes

Es dauerte lang, bis der Meister kam. Er sagte: "Schön, wieder auf der Erde zu sein" und entschwand rasch wieder. Vermutlich musste auch Yusuf Islam noch seine Glühbirnen wechseln. Eine Reportage von Hannes Ross

"Malle für alle": die georgische Sängerin Katie Melua© Roland Magunia/ddp

Al Gore sagt, in zehn Jahren ist es zu spät. Wofür? Dann ist die Klimakatastrophe da. Die Welt geht dann unter. Deshalb sind wir hier: in der HNH-Nordbank-Arena, ehemals AOL-Arena. Oder sagen wir es einfach: im Volkspark-Stadion bei Live-Earth, einem von sieben Konzerten auf sieben Kontinenten, die zugunsten des Klimaschutzes veranstaltet werden. Die Welt soll ein Zeichen setzen, sagt Gore.

Es regnet und die Sonne scheint. Im zehn Minuten-Wechsel. In Hamburg scheint an diesem Nachmittag die Klimakatastrophe schon da zu sein. Nur ein Drittel des Stadion ist voll. Mehr blaue leere Plastiksitze als Zuschauer. Wo sind die Menschen? Eine Live-Earth-Mitarbeiterin sagt: "Heute ist auch der Schlagermove auf der Reeperbahn in Hamburg. Und dann gibt es die Party 'Malle für Alle' in der Fischaktionshalle. Das ist schon hartes Konkurrenz-Programm." Ach, so. Na, dann.

Drahtbürste meets Korallenriff

Das Radio hatte gemeldet: die Zuschauer kommen in umweltfreundlichen Brennstoff-Bussen des Hamburger-Verkehrsverbundes zum Konzert. Andreas Schlüter, 43, Telekommunikationstechniker, ist mit seinem Golf, Baujahr 1998, aus Hamburg-Barmbek gekommen. "Ich will Shakira sehen. Und Lotto King Karl." Sagt er und beißt in seine Bratwurst. Seine Freundin Inge, 38, Arzthelferin, freut sich auf Enrique Iglesias, "weil der super aussieht." Ihre zwei Kinder Torben und Sandra, 12 und 17, wären eigentlich lieber zuhause geblieben anstatt hier jetzt im Nieselregen zu stehen. "Das läuft nämlich auch im Fernsehen", sagt Sandra. "Und im Internet", sagt Torben.

Birnentausch verpflichtend

Fernsehen gibt es auch bei Live-Earth. Neben der Bühne werden auf einer Großleinwand Aufklärungsfilme zum Thema Klimaschutz. Man sieht brennende Ölfelder und Taucher, die mit Drahtbürsten Korallenriffe säubern. Dazwischen gibt es einen Aufruf, was man selbst tun kann: "Tausche vier Glühbirnen zuhause gegen vier Energiesparbirnen aus." Das ist natürlich gut und richtig, nur warum es ausgerechnet vier Energiesparbirnen sein soll, erschließt sich nicht wirklich.

Dann begibt sich der Konzert-Marathon zur Weltrettung: von 14 Uhr bis 23 Uhr werden unter anderem auftreten: Shakira, Jan Delay, Enrique Iglesias, Roger Cicero, Juli, Katie Melua, Mando Diao, Stefan Gwildis, Lotto King Karl, MIA, Yusuf Islam, Silbermond, Chris Cornell, Samy Deluxe. Da sollte eigentlich für jeden etwas dabei sein. Ein Kessel Buntes. Shakira schwingt standesgemäß ihre Hüften, der kleine Anzugträger Roger Cicero spielt den ewigen Frauenversteher, Stefan Gwildis röhrt seine Soulklassiker mit deutschen Unsinnstexten, Silbermond rocken schön und klingen im Stadion dann leider doch wie die Widergänger von Doro Pesch, MIA-Sängerin Mieze wirft ihre Engelsfügel ins Publikum. Nur Stimmung will sich nicht einstellen. Das liegt vor allem daran, dass keiner länger als 20 Minuten auf der Bühne ist. Sasha beginnt gerade das Publikum für sich zu gewinnen, da muss er schon wieder gehen.

Pausenfüller vom Privatfernsehen

Zwischen den Auftritten gibt es quälend langweilige Umbaupausen, die oft noch deprimierender werden, wenn sie mit deutschem Privatfernsehen-Personal gefüllt. Es treten unter anderem auf Gülcan Karahanci (Nein, lieber stern.de-Leser, diese Frau müssen Sie nicht kennen) oder Oliver Petszokat (auch den Mann brauchen Sie jetzt nicht googlen). Beide schreien etwas von "Geiler Stimmung" und versuchen das Publikum zu einer Laola-Welle zu bewegen. Das Hamburger-Publikum bleibt vernünftig. Keine Welle, sondern Entsetzen und Buhrufe. Man will ja einiges tun um die Welt zu retten, aber so etwas ertragen. Nein,danke.

Ein wenig wehmütig stimmen einen die Live-Übertragungen aus den anderen Konzertstädten, die manchmal über die Großleinwand flimmern: In London sieht man die Red Hot Chilli Peppers, in New York spielen The Police und an der Copacanbana in Brasilien schaut Jennifer Lopez sehr schön aus.

Endlich: der Meister

In Hamburg muss man bis 23 Uhr durchhalten um einen Meister zu sehen. Ein Mann mit Brille und Bart ist der Höhepunkt von Live-Earth in Hamburg. Yusuf Islam alias Cat Stevens. Er tritt auf und sagt: "Es ist gut, wieder auf der Erde zu sein." Was er damit mein, weiß niemand so genau, aber es klingt sehr anrührend.

Dann fahren 30.000 Menschen nach Hause. Manche mit umweltfreundlichen Brennstoff-Bussen, die meisten mit ihrem Auto. Hauptsache, sie tauschen daheim ihre vier Glühbirnen aus.

Ihre Meinung

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Eine Reportage von Hannes Ross
 
 
KOMMENTARE (6 von 6)
 
Merzer (09.07.2007, 02:22 Uhr)
Gut, diese Konzerte...
... ich spüre schon, wie Al Gore Gutes tut und wie die Konzerte wirken. Dauerregen und 15 Grad in Hamburg beim Konzert. Da kommen dem Klimaschützer Freudentränen ob des politisch korrekten Wetters. Endlich wieder ein deutscher Sommer, wie wir ihn seit Jahrzehnten kennen und schätzen! Schön kalt und naß! Auf einer höheren Ebene der Dialektik weist dies sicher auf die bevorstehende Klimakatastrophe hin, weil sich die globale Erwärmung durch Abkühlung ankündigt. Oder so ähnlich. Oder vielleicht müssen wir jetzt wieder alle vor der neuen Eiszeit Angst haben wie vor 30 Jahren. Ist ja auch egal - der Mensch ist immer schuld, und Al Gore und Bono retten uns davor. Wenn beim Afrika-Engagement noch Zeit bleibt.
s-man (09.07.2007, 01:57 Uhr)
Klimawandel - find ich gut
Was ist eigentlich so schlecht am "Klimawandel"? Ich bin voll dafür! Endlich keinen Schnee mehr, In MeckPomm werden spanische Verhältnisse herrschen, in Ostfriesland auch. Wahrscheinlich werden bei uns mehrere Ernten möglich sein. Die Heizkosten werden sinken.
Also, ich lasse meine Glühbirnen drin..
jhr61 (08.07.2007, 19:07 Uhr)
Eine unbequeme Wahrheit
Der Autor hat das deutsche Problem erkannt, ja nicht über den Rand der Spaßgesellschaft hinaus schauen. Es könnte vielleicht zum Nachdenken anregen, wollen wir das überhaupt? Es lebt sich doch so viel besser.
goessnitzer (08.07.2007, 16:41 Uhr)
klimawandel, menschlich beschleunigt
der eine glaubts, der andere noch nicht; aber Absahnen geht immer, bitterblue..,- s. 'yusuf' ~
El_Schut (08.07.2007, 14:32 Uhr)
"Typisch deutsch"
Das Wetter: Grausam - und niemanden kann man dafür belangen.
Die Moderatoren: Unerträglich niveaulos - wo bleibt da der Anspruch? Pöbelhafte Versuche, für Stimmung zu sorgen statt der in einem Stadion gebotenen Eloquenz.
Die Umbaupausen: Viel zu lang. Festival? Ja bitte, aber können nicht alle Bands mit dem selben Equipment spielen?
Die Stars: Zu wenig Format - na ja, bis auf Yusuf vielleicht.
Die Spieldauer: Zu kurz! Aber bitte "für jeden was dabei" und den "Konzert-Marathon" nicht noch mehr in die Länge ziehen.
Das Klimaschutz-Anliegen: Ist ja richtig und wichtig, aber vier Glühbirnen austauschen? Also wirklich, so ein Unfug!
Die Konzerte im Ausland? Na, bei DENEN war bestimmt alles viel besser!! Gehen wir einfach mal davon aus - und schwelgen weiter in unser geliebten deutschen Unzufriedenheit.
inge_je (08.07.2007, 13:29 Uhr)
Konzert
Meine Gluehbirnen sind schon laengst ausgetauscht, mein Stromverbrauch minimal,bei uns wird alles abgeschalten,inklusive Microwelle wenn nicht nicht benutzt wird. Dazu braucht es kein Konzert wo die Stars mit SUV's ankommen und doch die groessten Umweltsuender sind. Und fuer Cat Stevens haet ich gleich 2 mal kein Geld ausgegeben. Aber egal, hauptsache die Kasse klingt,mit Thema Umwelt kann man momentan gut verdienen.
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