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2. November 2004, 18:22 Uhr

Thank you for the Music

Kaum eine andere Popgruppe hat die Menschen so polarisiert wie Abba. Das Musical "Mamma Mia!" bringt nun ihre Songs zurück - und die Erinnerung an das Beste, das neben Ikea und Astrid Lindgren je aus Schweden kam.

Zoom

Carolin Fortenbacher und Katja Berg sind Donna und Sophie© DPA

Von Tobias Schmitz

Sie hatten sich lange genug selbst betrogen. Hatten sich vorgemacht, alles würde seinen gewohnten Gang nehmen. Björn und Benny würden einen Nummer-eins-Hit schreiben und dann Agnetha und Frida ins Studio holen. Agnetha würde den Solopart singen und Frida sich dezent zurückhalten. Später würden sie ein paar Interviews geben, ein Video produzieren, lächeln und sagen, mit Abba sei alles in Ordnung. Aber nichts war in Ordnung, schon lange nicht mehr.

Björn und Agnetha hatten sich geliebt und waren gescheitert. Benny und Frida hatten sich geliebt und waren gescheitert. Sie hätten sich längst trennen können. Aber sie blieben und waren tapfer, unglaublich tapfer. Verbargen Erschöpfung unter dicker Schminke, bekämpften die Leere mit jenem Dauerlächeln, das mit jedem Tag dieses Jahres 1982 immer mehr zur Maske wurde.

Zehn Jahre lang hatten sie um Perfektion gekämpft, gegen Neid und Missgunst und hämische Journalisten - jetzt waren sie müde. Und dann ging plötzlich alles ganz schnell: 20. August 1982, Polar-Studio, Stockholm, Abbas letzte Aufnahme. »The Day Before You Came« war todtraurig, Lichtjahre entfernt von dieser unglaublichen Lebensfreude, die »Dancing Queen« zum vielleicht besten Popsong aller Zeiten gemacht hatte. 21. September 1982, Stockholm, das letzte Video zur letzten Aufnahme: Agnetha schleicht einsam über einen verregneten Bahnsteig. »The Day Before You Came« schaffte es in England gerade auf Platz 32. Ein Desaster.

Ein paar Monate später war Abba einfach weg. Verschwunden vom Pop-Planeten, der ihnen fünf, sechs Jahre lang erlegen war. Und niemand schien Björn Ulvaeus, Benny Andersson, Agnetha Fältskog und Anni-Frid »Frida« Lyngstad wirklich zu vermissen. »Abba macht nur eine Pause«, war die offizielle Sprachregelung.

Die Pause dauerte knapp zehn Jahre. Dann nahmen die englischen Elektronik-Popper von Erasure 1992 ein paar Abba-Stücke neu auf und leiteten damit die Renaissance der Schweden ein. Ungläubig starrten die vier in ihren Landsitzen und Anwesen auf die Verkaufslisten: Das Album »Abba Gold«, eine Zusammenstellung der größen Hits, katapultierte die Band ein Jahrzehnt nach der letzten Single weltweit zurück an die Spitze der Charts und verkaufte sich seitdem mehr als 20 Millionen Mal. Das Revival ging weiter, auch im Kino mit Filmen wie »Muriels Hochzeit« oder »Priscilla, Queen of the Desert«. Seit Beginn ihrer Karriere hat die Gruppe schätzungsweise 350 Millionen Alben verkauft, jeden Tag gehen weitere 3600 über die Ladentische dieser Welt.

Im April 1999 feierte in London das Musical »Mamma Mia!« Premiere, das auf 22 Abba-Hits basiert und inzwischen auch erfolgreich in Australien, den USA und Kanada läuft. Der Vorhang für die deutsche Version von »Mamma Mia!« hebt sich am 3. November im Operettenhaus Hamburg. Für die erste nicht englischsprachige Produktion wurde das ehemalige »Cats«-Theater für rund neun Millionen Euro umgebaut. Mehr als 100.000 Eintrittskarten für das Musical sind bereits verkauft - Rekord. Dabei ist »Mamma Mia!« keineswegs die vertonte Geschichte der Popgruppe, sondern ein eigenständiges Stück um ein junges Mädchen, das unter drei verschiedenen Männern seinen Vater herausfinden muss.

Zusammengehalten wird das Ganze durch die Songs, die der deutsche Komponist und Texter Michael Kunze geschickt ins Deutsche übertragen hat. Schon die Abba-Originaltexte waren oft banal bis zur Schmerzgrenze - zumindest zu Anfang ihrer Karriere. Und nun das Ganze auf Deutsch? »Das Publikum wird nach zehn Minuten vergessen, dass die Texte nicht auf Englisch sind«, prophezeit Björn Ulvaeus. »Mamma Mia!« ist ein schrilles Pop-Märchen, fröhlich und knallbunt mit einem Live-Sound, der das Publikum aus den Sitzen haut. Das 37-köpfige Ensemble könnte zu Björn und Bennys Musik auch das Telefonbuch der Hansestadt vorsingen, der Klangzauber bliebe derselbe.

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