Sie war das Partygirl der wilden Sechziger und die Muse der Rolling Stones - und egal, was die Sängerin Marianne Faithfull heute macht, gegen diese Vergangenheit kommt sie nicht an.

Mit diesem Blick verführte sie die Stones
Von Oliver Link
Natürlich kommt sie nie allein, wenn sie einen Raum betritt. Sie bringt sie alle mit; Mick Jagger setzt sich direkt neben sie an den Tisch, Bob Dylan nimmt in der Ecke Platz. Und Keith Richards. Und Jimi Hendrix und David Bowie, die ganzen alten Geschichten. Marianne Faithfull schleppt ihre Vergangenheit mit sich herum wie einen viel zu schweren Koffer. Dabei hat sie der Vergangenheit inzwischen genug Eigenes entgegengesetzt, ist eine faszinierende Sängerin, und ihre neue, großartige Platte »Kissin' Time« ist gerade auf dem Markt - ein Album, das sie mit den zurzeit wichtigsten jungen Musikern wie Beck, Jarvis Cocker, Damon Albarn oder Billy Corgan aufgenommen hat.
Doch egal, was die inzwischen 55-Jährige anstellt, sie wird immer die Muse der Stones bleiben, die im Abglanz der Legenden der Rock'n'Roll-Geschichte gelebt hat - das hübscheste Gesicht im Swinging London der sechziger Jahre. Und ihr größter Erfolg als Sängerin wird wohl auch für immer und ewig ihr erstes Lied bleiben: »As Tears Go By«, das ihr Jagger und Richards schenkten. Sie wird diesen Schatten nie loswerden. Denn die, die ihr in der Sonne stehen, sind größer als sie. Sie: das ewige Mädchen von Mick Jagger. Eine Liebe, der wir drei Lieder verdanken, die alles über die beiden erzählen.
I'll satisfy your every need, every need
And I know you will satisfy me
Let's spend the night together
Now I need you more than ever
Let's spend the night together now
schrieb ihr Jagger. Damals. Nachdem sie ihre erste Nacht miteinander verbracht hatten. »Als ich noch kein Make-up brauchte«, sagt sie mit ihrer dunklen, rauen und doch sanften Stimme, lacht in sich hinein, holt einen kleinen Spiegel aus der Tasche, sagt: »Oh God, geben Sie mir einen Moment«, kramt Lippenstift und Puder raus und ist die eine oder andere Minute beschäftigt.
Damals also, sie ist 19, verheiratet, Mutter eines kleinen Jungen namens Nicholas, fährt sie in ihrem neuen Mustang über Land nach Bristol; Mick Jagger und Brian Jones haben sie eingeladen zum Colston-Hall-Auftritt der Stones. Mick war in sie verliebt, seit er sie das erste Mal auf einer Party gesehen hatte, den »Engel mit den großen Titten«, wie Stones-Manager Andrew Loog Oldham sie nannte, zu ihr hinging und sie unter Vertrag nahm für »As Tears Go By«.
»Ich habe mich einen Scheiß für Mick interessiert damals, die Stones waren nicht mehr als Schuljungs«, sagt sie.
Erst in Bristol ändert sich das. Sie gehen die ganze Nacht im Park spazieren, rauchen Joints, reden über König Arthur und Jean Genet. Sie landen im Bett, und sie ist »bewegt von seiner Freundlichkeit, er war sehr süß in dieser Nacht«. Doch erst Keith Richards klärt sie darüber auf, dass Mick sich in ihr verloren habe. Und zwar nach einer Nacht mit ihm, Richards, den sie immer interessanter fand als Mick.
»Es war eine wunderbare Nacht, vielleicht die beste, die ich je in meinem Leben hatte - a great fuck«, sagt sie und lacht, eine Spur zu laut vielleicht für eine Lady.
Irgendwann schmeißt Jagger seine damalige Freundin Chrissie Shrimpton raus, verhöhnt sie mit dem Song »Under My Thumb«, und Faithfull nimmt ihre Stelle ein. Ein Leben wie im Rausch beginnt, ein Leben mit Partys und Affären, sie lernt Bob Dylan und Jimi Hendrix kennen, und dann kommen noch mehr Drogen und viel zu viele Skandale.
Als die Polizei 1967 Richards' Landhaus Redlands in Sussex stürmt, werden Richards und Jagger festgenommen, und Faithfull geht in die Geschichte ein als das »Mars Bar Girl« - die Polizei habe sie, so die offensichtlich erfundene Geschichte, vorgefunden, als Jagger gerade einen Marsriegel aus ihrer Vagina aß. Dem »Redlands Bust« gehören die Titelseiten, Faithfull ist das Opfer von sexgeilen, drogenbenebelten Musikern.