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Neue deutsche Leichtigkeit

Als Mia vor drei Jahren mit der Single "Was es ist" einen neuen Umgang mit der deutschen Identität besangen, wurden sie als Nationalisten gebrandmarkt. Ein Gespräch mit der Band über den erwachten Patriotismus und das neue Album "Zirkus".

Von Thomas Soltau

Wenn es heute noch eine Band gibt, die öffentlich stark polarisiert, dann muss schon etwas Ungeheuerliches geschehen. Um einen flächendeckenden Sturm der Entrüstung anzufachen, eignen sich deshalb am besten politische Parolen - bevorzugt solche, die einer rechten Ideologie verdächtig sind. Das konnte die Berliner Band Mia vor drei Jahren selbst erleben, als sie zwei Zeilen eines bekannten Gedichts von Erich Fried "Was es ist" vertonten und aus dem völlig unpolitischen Text ein politisches Manifest bastelten. "Verstand" reimte sich plötzlich zu flockigen Elektropop auf "deutsches Land", auf den offiziellen Fotos posierten die Bandmitglieder in Schwarz, Rot und Gold. Es dauerte nicht lange, bis die Linke ihnen blinden Nationalismus bescheinigte. Der Autor Feridun Zaimoglu hat über Mia und ihren Song gar von "grenzdebilem Blödsinn" gesprochen. Weitere Medien schlugen mit ähnlicher Wucht in die gleiche Kerbe. Mia und Sängerin Mieze fühlten sich missverstanden - aber jeder weitere Erklärungsversuch gipfelte in noch größeren Widersprüchen. Dabei wollten sie doch nur "die schwere Bedeutung der deutschen Farben neu belegen." Das war erstens ziemlich naiv und kam zweitens viel zu früh.

Mittlerweile sind drei Jahre ins Land gezogen, in denen sich einiges verändert hat. Nach der Fußball-WM mit seinem überschäumenden Party-Patriotismus gilt Deutschland endgültig als Musterland in Sachen Nationalgefühl. Selbst viele Linke glauben auf einmal an ein modernes Deutschland, das lässig ist und weltoffen, freundlich, tolerant - und dabei stolz auf sich. Der schwarzrotgoldene Sommerkarneval hat seine Wirkung offensichtlich nicht verfehlt.

"Wir sind ein buntes Völkchen"

Nach der Weltmeisterschaft gilt es als Schick, das Auto mit Deutschland-Fahnen zu behängen. Die schwere Last unserer Identität scheint vom vierwöchigen Bierkonsum geradezu weggespült zu sein. "Deutschland ist halt mehr als blonde Haare, blaue Augen und Steuern zahlen. Ich spüre zwar auch noch eine kritische Distanz, freue mich aber gleichzeitig über die neue deutsche Leichtigkeit", sagt Mia-Sängerin Mieze. Ob Mia 2003 mit ihrem Song "Was es ist" den jetzigen Patriotismus vorweggenommen haben? "Vielleicht. 'Was es ist' war in erster Linie als Frage zu verstehen und nicht als moralisch erhobener Zeigefinger. Wir sind nun mal ein buntes Völkchen, das ziemlich gut zusammenlebt. Immerhin können sich viele bewusst entscheiden, hier zu leben. Und das tun jede Menge Menschen. Schließlich scheint es Sicherheiten zu geben, die ich woanders nicht finde. Wenn ich es hier nicht aushalten würde, wäre ich doch schon längst weg", sagt die Frontfrau.

Und einmal in voller Fahrt, fährt sie ungebremst fort: "Trotzdem ist der Umgang mit Deutschland kritisch, die Kommentare bleiben schnippisch - aber sie werden nicht mehr von der Last der Vergangenheit erdrückt. Es geht auch nicht um ein neues Nationalgefühl, sondern darum, Verantwortung zu übernehmen und die Frage: Wo komme ich her und wo gehe ich hin? Ich mag eben nicht coole Behauptungen wie 'Das ist nicht mein Land' und Alles-geht-mir-am Arsch-vorbei-Einstellungen."

Euphorie statt Stillstand

Mit dieser Einstellung trifft das Berliner Quintett sicherlich den Nerv der Nation. Auch wenn Mieze nicht unbedingt an eine dauerhafte Veränderung der Nation glaubt, spürt sie doch ein anderes Denken in der Gesellschaft. Zum Beispiel, das Diskussionen über Deutschland wieder möglich sind. "Ein Wort wie Deutschland und die Diskussion darüber ist kein Tabu-Thema mehr. Es verstummt niemand mehr, alle haben eine Meinung zum Thema. Es wird immer Fragen zu Deutschland geben, auch die Bewältigung der Vergangenheit wird uns immer begleiten. Und damit meine ich nicht nur die Nazi-Zeit sondern auch die jüngere Vergangenheit, den Fall der Mauer etwa. Immer noch verdienen Westler mehr als Ostler. Das sind wichtige Facetten, die in der ganzen Schwarzrotgold-Hysterie gerne übersehen werden."

Ihr neues Album "Zirkus" dürfte in politischer Hinsicht jedenfalls keinerlei Aufschrei auslösen. Da wird geschickt mit Worten jongliert und das Publikum aufgeheitert, als stünden Clowns auf der Bühne. Alles mit unaufgeregtem Pop, der zuweilen auch mal an banale Songs von Rosenstolz erinnert. Das Quintett um die quirlige Mieze liebt eben Richtungswechsel: Elektropunk, Neue Deutsche Welle und Pop haben sie in ihrer fast zehnjährigen Geschichte schon abgehakt. "Das Konstanteste an mir ist die Veränderung. Früher konnten wir nichts anderes spielen als Punk. Mittlerweile sind wir technisch gereift und spielen Songs, mit denen man Aufwachen und Einschlafen kann", sagt Mieze. Das ist ihnen gelungen. Eine musikalische, völlig unpolitische Sommerbriese, die mit ihrer ungebrochenen Euphorie das Leben umarmt und nur eines nicht will: Stillstand.

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