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Miley Cyrus - plötzlich süß

Miley Cyrus versteht sich auf Provokationen. Jetzt gibt sich der Popstar erstaunlich brav. Was steckt dahinter? Eine Begegnung mit einer wunderbar Wandelbaren.

Es fällt nicht schwer, Miley Cyrus im achten Stock des Hyatt Hotels in New York zu finden. Die Fahrstuhltür öffnet sich, und da ist auch schon ihre Stimme zu hören, tief, rauchig, immer wieder unterbrochen von einem derben Lachen.

Also dem Lachen nach, rechts den Flur hinunter bis zur Suite 806. Dort steht sie vor einer großen Couch am Fenster, trägt eine weiße Schlaghose und Plateauschuhe, die sie gut 15 Zentimeter größer machen. Sie kommt zwei Schritte heran, streckt die Hand aus, und weil man ihr Miley-Lachen ja gerade über den Flur donnern hörte und außerdem weiß, dass sie zu Hause in Malibu mit zwei Schweinen, zwei Pferden und sieben Hunden lebt, erwartet man nun den dazu passenden Farmer-Händedruck.

Doch dann legt sie ihre Hand federleicht in die ihres Besuchers und deutet zur Begrüßung auch noch höflich einen Knicks an. So ist das eben bei Miley Cyrus, es kommt immer anders, als wir denken.

Miley Cyrus: "Erwachsen zu sein empfinde ich als Stillstand. Kinder sind ehrlich und frei."

Mit Perwoll gewaschen: Cyrus, 24, tritt nach ihrer jüngsten Verwandlung als Country-Mädchen auf


"Sexuell provokativer Tanz unter Einbeziehung stoßender Hüftbewegungen"

Da müssen dieser Tage auch ihre Fans durch. In den vergangenen Jahren hatten sie "ihre" Miley als Enfant terrible des Pop verehrt, sie als neue Madonna gefeiert. Sie trat auf als eine Frau, die auf gesellschaftliche Konventionen pfeift, die Drogen konsumiert und öffentlich dazu steht. Miley Ray Cyrus, die von sich sagte, Männer wie Frauen zu begehren, die nackt auf einer Abrissbirne schaukelte und bei Auftritten so provokativ mit ihrem Unterkörper "twerkte", dass der Protest der amerikanischen Sittenwächter bis nach Europa hallte und das Wort "twerking" daraufhin in das ehrwürdige Oxford Dictionary aufgenommen wurde: "Sexuell provokativer Tanz unter Einbeziehung stoßender Hüftbewegungen".

Immer bunt, immer provokant: Miley in der "Wrecking Ball"-Phase 2015

Immer bunt, immer provokant: Miley in der "Wrecking Ball"-Phase 2015

Doch wenige Tage vor der Begegnung im Hyatt schockierte Cyrus ihre Fangemeinde mit diesem öffentlichen Bekenntnis: "Ich bin total clean. Ich habe seit drei Wochen kein Gras geraucht, ich trinke keinen Alkohol, und ich nehme auch sonst keine Drogen." Und dann mokierte sie sich auch noch, dass Rapmusik inzwischen zu sexistisch sei. "Zu viel Ich-hab-ein-Mädchen-auf-meinem-Schwanz", sagte sie.

Das alles passt irgendwie nicht richtig zu einer Twerk-Queen, oder? Da kräuselt Miley Cyrus die Augenbrauen, als hätte man ihr gerade erklärt, Milwaukee liege in China. "Wieso?", fragt sie. "Das sind keine Widersprüche. Das ist Evolution. Das ist Leben."

Doch das Showgeschäft ist nicht das Leben. Im Showgeschäft ist Evolution nur in verträglichen Dosen gefragt. Deshalb klingen die Stones nach einem halben Jahrhundert immer noch wie die Stones, und deshalb zwängt sich Madonna trotz ihrer 59 noch immer in zu enge Lederdessous. Miley Cyrus macht dagegen mit gerade mal 24 Jahren ihren dritten radikalen Wandel durch, äußerlich wie musikalisch. Zunächst Disney-Teeniestar "Hannah Montana", der geschmeidigen Pop sang, von 2006 an jeden Sonntag in die Kirche ging und einen Purity-Ring trug, der Jungfräulichkeit bis in die Ehe versprach. Dann die nackte, Gras rauchende Tabubrecherin, die klassischen Rock machte und Ausflüge ins Psychedelische unternahm – das alles ist Geschichte.

"Ich wache jeden Tag auf und fühle mich anders"

Die neue Cyrus, die wieder einmal Gehäutete, hat gerade ihr Album "Younger Now" vorgestellt. Auf der ersten Single-Auskopplung "Malibu" ist ein Banjo zu hören. Country also. Ihr Vater, Schauspieler und Countrystar Billy Ray Cyrus, so erzählt es Miley, habe vor Rührung geheult, als er den Song zum ersten Mal hörte. Passend zum Countrystil trägt Miley derzeit bevorzugt Cowboyhut, Stiefel, Jeans und Blusen.

Obendrein fällt der altmodische Diamantring an ihrer linken Hand auf. "Ein Verlobungsring", mutmaßte Amerikas Klatschpresse. Der Verdacht: Cyrus' Bekenntnis zum familientypischen Countrygenre sei gleichzeitig das Signal für die bevorstehende Hochzeit mit Langzeitimmer-wieder-mal-Freund Liam Hemsworth. Aber wenn bei Cyrus auf eines Verlass ist, dann darauf, dass sie sich in kein Korsett pressen lässt. Auch nicht in das der Ehe.

Bedeutet denn die Wandlung der Musikerin automatisch auch die Wandlung der Privatperson? Da wiegt sie den Kopf und überlegt. "Das frage ich mich auch oft", sagt sie schließlich. "Die Antwort ist, ich weiß es nicht. Ich wache jeden Tag auf und fühle mich anders. Aber wahrscheinlich bin ich genau das: ein Mensch, der ständig seine Person ändert, aber nicht seine Persönlichkeit."

Miley Cyrus mit ihren Eltern Billy Ray und Leticia Cyrus

Miley Cyrus mit ihren Eltern Billy Ray und Leticia Cyrus

Zu ebendieser Persönlichkeit gehört, die Evolution von sich als Musikerin und als Mensch zur Kunstform zu erheben. Das macht sie – neben ihrer eindrucksvollen Stimme – zur Ausnahmekünstlerin. Was die Fans auf der Bühne sehen, ist echt, Cyrus pur, und kein Produkt einer im Hintergrund brummenden PR-Maschine. Natürlich beschäftigt auch sie ein Heer aus Managern und Beratern. Aber fast scheint es, als brauche sie all diese Profis nur, um sie mit ihrer Sprunghaftigkeit ständig vor den Kopf zu stoßen. Sie sagt: "Ich mache am Ende doch das Gegenteil von dem, was sie sagen."

Und das immer mit Erfolg: Als Hannah Montana war sie die jüngste Künstlerin aller Zeiten mit vier Alben auf Platz eins der Billboard Charts. Das Video zu "Wrecking Ball" wurde am Tag des Erscheinens 19 Millionen Mal geklickt, der Song allein in den USA über drei Millionen Mal verkauft. Es gibt eine Miley Cyrus Fashion Line, sie drehte mit Woody Allen eine TV-Serie und saß 2016 in der Jury der Castingshow "TheVoice".

Auch die Country-Cyrus schlägt nun ein bei den Fans: Der Song "Younger Now" war schon am Tag der Erstveröffentlichung einer der meistgehörten bei Apple Music.

"Schon mein Vater war in den Neunzigern Friedensaktivist"

Miley Cyrus ist als Künstlerin wie geschaffen für das Zeitalter von Facebook, Instagram und Twitter. Sie bestimmt in Hochgeschwindigkeit Trends, das aber mit Langzeitwirkung. Songs wie "Party in the U.S.A." werden noch jahrelang im Radio gespielt werden. Gleichzeitig nutzt sie ihre Prominenz, um Einfluss auf die Gesellschaft zu nehmen. Sie sagt: "Schon mein Vater war in den Neunzigern Friedensaktivist. Er hat mir beigebracht: Popularität ist ein riesiges Megafon. Es wäre Verschwendung, sie nicht zu nutzen." Cyrus kämpft für die Rechte von sexuellen Minderheiten, sie hat eine Stiftung für obdachlose Jugendliche gegründet, und während des Präsidentschaftswahlkampfs schrieb sie ein Lied für Hillary Clinton. Allerdings will sie sich nicht als Trump-Gegnerin instrumentalisieren lassen. "Ich hasse weder Trump noch die Menschen, die ihn gewählt haben. Viele sehen für sich gute Gründe. Das respektiere ich." Sie wolle politisch aktiv sein, ohne in ihrer tief gespaltenen Heimat noch mehr Hass zu verbreiten. "Für mich ist die Gewalt auf den Straßen unbegreiflich", sagt sie. "Die Zeiten sind doch vorbei, in denen man Barrikaden in Brand stecken musste, um gehört zu werden. Die sozialen Medien geben jedem die Möglichkeit, seine Stimme friedlich zu erheben."

Miley Cyrus' neues Album "Younger Now" ist soeben erschienen

Miley Cyrus' neues Album "Younger Now" ist soeben erschienen

Je länger man mit Miley Cyrus spricht, desto stärker wird das Gefühl, man plaudere mit einer guten Bekannten. Sie springt von Thema zu Thema, gerade wie es ihr durch den Kopf schießt. Irgendwann fragt sie: "Ergibt das eigentlich Sinn, was ich hier erzähle?" Und ja, das tut es. In vielen Momenten spricht sie, als sei sie ihre eigene Therapeutin. Überlegt. Reflektiert. Darüber, wie es sich angefühlt hat, so früh von einem Millionenpublikum beobachtet zu werden. In einer so öffentlichen Familie aufzuwachsen, mit Dolly Parton als Patentante und Johnny Cash als Unterstützer ihres Vaters.

Miley Cyrus wird mit jedem Jahr erfolgreicher

"Es war verrückt", sagt sie. "Und es war oft verdammt wenig Kindheit." Viele sind schon mit solch einem Leben gescheitert. Kinder, die in die Fußstapfen ihrer berühmten Eltern treten sollten und dann an der Erwartung, dem Druck der Medien zerbrachen. Miley Cyrus dagegen wird mit jedem Jahr erfolgreicher, ohne ihre Natürlichkeit zu verlieren. Sie ist mit gerade einmal 24 Jahren so weit, dass sie nur noch an einer Person gemessen wird: an sich selbst.

"Glücklich zu sein hat viel damit zu tun, nicht erwachsen zu werden", sagt sie. "Vielleicht habe ich das besser als andere erkannt, weil ich so wenig Kindheit hatte. Erwachsen zu sein empfinde ich als Stillstand. Es bedeutet, nichts Neues mehr zu probieren. Kinder sind ehrlich und frei. Das versuche ich mir zu bewahren. Das bringt mich dazu, spontan zu sein und Experimente zu wagen."

Und so kann die Welt mit Spannung erwarten, was wohl die nächste Miley Cyrus bringen wird.

Der Artikel über Miley Cyrus ist dem aktuellen stern entnommen:




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