Der härteste Bastard des Rock'n'Roll. Der Höllenhund am Metal-Bass. Der frauenverschleißende einsame Wolf, der auch noch Nazi-Devotionalien sammelt. Motörhead-Frontmann Lemmy Kilmister steht für vieles. Nur nicht für herzliche Wärme und Sensibilität. Kann er aber auch, jedenfalls für stern.de. Von Sophie Albers

"Mit zwölf hatte ich Sex schon hinter mir. Damals gab's noch kein Fernsehen"© Clemens Bilan/DDP
Eine Sache, die man erledigen sollte, bevor man den endgültigen Abgang macht: einen Soundcheck von Motörhead erleben - ohne Ohrstöpsel. Man hört das Schlagzeug schon auf dem etwa einen Kilometer langen Weg von der Straßenbahn zur Konzerthalle im Hafen von Bremen. Es regnet, der Himmel hängt bleischwer durch, und vor dem Eingang müssen sich bereits am späten Nachmittag ein paar dicke, langhaarige Lederjackenträger an Laternenpfählen festhalten. Lemmy Kilmister ist hier, Gründer von Motörhead, die gerade durch Deutschland touren, Überlebender von 40 Jahren Rock'n'Roll-Lifestyle. Einer, der Keith Richards aussehen lässt wie einen Müslifresser. Richards wirbt für Louis Vuitton? Kilmister - wenn überhaupt - für Chips zum Whiskey.
In der Halle ist es noch kalt, die Roadies schwitzen trotzdem. Alle in schwarz, alle tätowiert, die meisten langhaarig, ein paar kahlrasiert, dann aber mit ZZ-Top-Bart. Sie schleppen Boxen und Absperrgitter durch die Gegend. Das brachiale Getöse von der Bühne ignorieren sie. Dabei veranstalten Lemmy Kilmister und Drummer Mikkey Dee gerade eine Art ultimativen Soundcheck. Als seien sie noch immer auf der Suche nach dem Punkt, an dem die Verstärker von der Bühne kippen, die Lautsprecher durchknallen, die Grundkonstruktion der Halle ins Wanken gerät. Aber dafür dauert es dann doch nicht lange genug.
"Six", nuschelt Kilmister schließlich ins Mikrofon, als der Schmerz nachlässt. "Six, six. Sex sucks." Ein paar Roadies lachen. Der Tonmann, der so aussieht, als sei er von Anfang an dabei, hustet sich derweil die Lunge in Brocken aufs Mischpult. Wer bremst, verliert. "Everything louder than everything else", sagen Motörhead. Ein Roadie kommt vorbei und spendiert mit einem freundlichen Lächeln ein Paar Ohrstöpsel: "Für später."
Eine blonde Frau, die hauptsächlich schwarze Overknee-Lederstiefel trägt, weist den Weg hinter die Bühne. Kabelgewirr, Nebelmaschinen, noch mehr tätowierte, langhaarige Roadies. Durch eine Kiffwolke geht es eine schmale weiße Treppe nach oben, die Tür öffnet sich, tiefes Genuschel, und da ist er: Kilmister sitzt vor einem Spielautomaten, den er selbst mitgebracht hat. Vor ihm stehen ein paar Strongbow-Cider-Dosen, Aschenbecher, der übliche Jack-Daniels-Cola mit Eis, der aber auch nur Cola mit Eis sein könnte. Aus einem tragbaren CD-Player plärrt alter Soul. Kilmister fingert mit zittrigen Fingern eine CD heraus und legt die nächste ein. "Wissen Sie, wer das ist?", fragt er. "Das ist Paul McCartney. Denkt man nicht, was?" Er lacht ein kaputtes Raucherlachen. Zeit, die erste Frage zu stellen.
Frauen hören nicht Motörhead. Und wenn, dann nur weil sie vorher was mit der Band hatten. Dann müssen sie. (Das Lachen wird langsam sauberer. Er lacht sich warm.)
Vorgestellt? Da hatte ich's schon hinter mir. Mit der Hand und so, die Mädels an der Schule, verstehen Sie? Damals gab's noch kein Fernsehen.
Ich bin doch damit alt geworden. Ich bin 62. So lange es dich nicht umbringt, ist es in Ordnung. Leider hat es schon eine Menge Leute umgebracht, weil sie nicht wissen, wie es geht.
Ich probiere aus, was ich vertrage und nehme es dann. Viele Leute nehmen Zeug, das sie nicht vertragen.
Welche Groupies? Sind hier Groupies? Motörhead war nie eine Groupieband.
Nein, ist ja jeden Abend 'ne andere.
Honey, glaub' mir: Jeden Abend die Gleiche ist verdammt eintönig.
Das habe ich mal ein Jahr lang gemacht, und dann hat sie mich verlassen. Eigentlich werde immer ich verlassen, weil die Frauen erkennen, dass es keine gute Beziehung für sie ist. Ich bin zu viel unterwegs, und dann guckt entweder sie sich anderweitig um oder ich. Man merkt immer erst, wie gut eine Beziehung ist, wenn man nicht zusammen ist.
Nein. Mein Vater hat meine Mutter verlassen, als ich drei Monate alt war. Wo soll ich's denn herhaben? Ich kenne keine glücklichen Ehepaare.
Nein, Menschen quälen sich im Namen der Gesundheit. Die bringen sich sogar um. Leute rennen in Los Angeles Berge hoch, in der prallen Mittagssonne, und dann kriegen sie einen Herzinfarkt. Das soll gesund sein? Oder dieser ganze Kaffee. Die sind doch alle innen schon ganz braun. Das kann doch nicht gut sein.
Ich trinke keine warmen Getränke. Ich mag's nicht. Und Kaffee ist schlecht für die Haut.
(Pause) Jemand hat mal gesagt, ich sähe gut aus im Fernsehen. Ich habe schon einige bekommen, aber ich glaube nicht daran. So'n Typ steht vor mir und sagt: Lemmy ist Gott. Aber Gott kriegt doch keine Pickel, oder? (Lacht laut und warm)
Alles mögliche. Da kann man sich nicht festlegen. Wenn du in einer schönen Laune bist, dann ist alles schön.
Mit 200 60-jährigen Frauen auf einer einsamen Insel, kein Alkohol, keine Zigaretten, und ich kann nicht weg. Ist eigentlich meine Generation, ich sollte mich schämen.
Ungerechtigkeit macht mich rasend. Und davon gibt es ja mehr als genug. Völkermord, Kriege, Ruanda, Kambodscha. Da kannst du dich echt auf die Menschen verlassen.
Ja. Wir haben das Internet erfunden, das größte Kommunikationssystem überhaupt, und wofür nutzen wir es? Kinderpornografie. Na, herzlichen Glückwunsch.
Lesen Sie im zweiten Teil des Interviews, ob Kilmister ein guter Vater ist, und was er tut, wenn sein Herz gebrochen wird