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Man hört deutsch

Im vergangenen Jahr hat sich ein Trend fortgesetzt, der schon seit längerem zu beobachten ist: Die deutschen Charts werden von deutschen Künstlern dominiert. Warum ist das so?

Von Carsten Heidböhmer

  Nur Adele verkaufte 2011 in Deutschland mehr Platten: Mit seinem Livealbum hat es Udo Lindenberg auf Platz zwei der Jahrescharts geschafft

Nur Adele verkaufte 2011 in Deutschland mehr Platten: Mit seinem Livealbum hat es Udo Lindenberg auf Platz zwei der Jahrescharts geschafft

In den vergangenen zwölf Monaten schallte aus den hiesigen Boxen auffallend häufig deutsche Musik: Elf der 15 meistverkauften Alben des Jahres 2011 stammen von deutschen Künstlern, neun davon sind sogar in deutscher Sprache gesungen. Udo Lindenberg, Herbert Grönemeyer, Unheilig, Rosenstolz, Tim Bendzko sowie je zwei Mal Helene Fischer und Andrea Berg brachten heimische Klänge in die oberen Chart-Regionen. Dazu kommen Lena und Pietro Lombardi, die auf englisch sangen.

Mit Adele, Bruno Mars und Lady Gaga haben es nur drei Künstler aus dem anglo-amerikanischen Raum in die Jahresbestenliste geschafft. Dort ist auch die französische Nouvelle-Chanson-Sängerin Zaz vertreten. Vorbei die Zeiten, als über die Dominanz englischsprachiger Popkultur gejammert wurde. Deutschland hört wieder überwiegend deutsch. Woran liegt das?

Deutsch ist wieder cool

"Schon in den letzten Jahren war deutsch angesagt", sagt Florian Drücke, Geschäftsführer des Bundesverbandes Musikindustrie (BVMI), im Gespräch mit stern.de. "Wir haben mit Udo Lindenberg und Herbert Grönemeyer Stars, die lange dabei sind und die im vergangenen Jahr tolle Platten veröffentlicht haben." Es seien aber auch viele exzellente neue Acts dazu gekommen, wie der Blick in die aktuellen Jahrescharts zeigt. "In dieser Vielfalt werden immer wieder neue Künstler aufgebaut, die sich gegenseitig beflügeln. Es gibt unter den Musikern ein neues Selbstbewusstsein." Das wirke sich auch auf die Hörer aus: Es ist offenbar wieder cool, deutsch zu hören, so Drücke.

Ähnliche Gründe führt Tim Renner an, Gründer des Musiklabels Motor und von 2001 bis 2004 Vorstandsvorsitzender der Universal Music Group in Deutschland. In dieser Zeit baute er Künstler wie Element of Crime, Sportfreunde Stiller und Rammstein auf. Bis 2004 habe der Anteil deutscher Musik am Gesamtmarkt lediglich bei 28 Prozent gelegen - deutlich geringer als in den Nachbarländern, wo der Anteil einheimischer Musik 40 bis 60 Prozent ausmachte. Seit 2004 wachse der Anteil deutscher Künstler am Gesamtmarkt kontinuierlich.

Dafür nennt Renner vier Gründe: Zum einen habe es einen Nachholbedarf gegeben, und einige große Labels hätten verstärkt deutsche Künstler unter Vertrag genommen. Dies habe sich im Laufe der Jahre ausgezahlt.

"Die Technik ist viel günstiger geworden"

Einen großen Anteil misst Renner aber auch der Digitalisierung bei. Sie habe geholfen, die lokal stark unterschiedlichen Aufnahmebudgets einander anzugleichen. "Ein Album aus Deutschland kann heute ohne Problem so gut klingen wie das des amerikanischen Konkurrenten, der den Weltmarkt bedient. Denn die Technik ist viel günstiger geworden", sagt Renner stern.de.

Als dritten Punkt nennt Renner neue Abspielplattformen. An die Stelle von Radio seien Youtube und auch Filesharing getreten. Das begünstige lokale Musik, denn das Radio habe sich zumindest bei den großen Stationen auf bewiesene Hits konzentriert - und die seien eben aus dem Ausland gekommen. Und schließlich profitiere Deutschland davon, mit Westernhagen, Maffay, Lindenberg und Grönemeyer über Künstler zu verfügen, mit denen ganze Generationen groß geworden seien. "Das bindet und schafft treue Kunden."

Das Deutsche Musik-Exportbüro sieht eine Normalisierung im internationalen Vergleich: "In allen Ländern hören die Menschen meist am liebsten Musik in ihrer Muttersprache. Das ist in Deutschland auch so", heißt es auf Anfrage von stern.de. Der Anteil deutscher Musik könnte sogar noch deutlich höher sein - wären da nur nicht der Rundfunk: "Deutsche Hörfunksender spielen durchschnittlich nur zu zehn Prozent Musiktitel in deutscher Sprache", heißt es in einer Untersuchung, die das Deutsche Musik-Exportbüro zusammen mit dem Verein Deutscher Sprache vorgenommen hat. Eine Langzeitbeobachtung der Verkaufslisten von Media Control und Amazon hätte dagegen ergeben, dass die deutschen Musikhörer durchschnittlich 20 bis 30 Prozent deutschsprachige Musik kaufen. "Wenn sich die Sender nach den Hörerwünschen richten würden, wäre der Anteil deutschsprachiger Musik in den Hitlisten noch viel höher."

"Normaler, europäischer Maßstab"

Das sieht auch Florian Drücke so: Die Jahrescharts seien ein "starkes Signal, das man nicht einfach übergehen sollte". Von den Radiosendern wünsche er sich, dass diese sich verstärkt von der Musikvielfalt inspirieren lassen.

Neben rein musikalischen Gründen nennt Drücke aber auch gesellschaftliche Ursachen für den Boom deutscher Musik: In Zeiten der Globalisierung sei es nachvollziehbar, dass sich die Menschen verstärkt mit lokalen Erzeugnissen befassen.

Es sieht nicht danach aus, dass dieser Trend so schnell vorbei ist. Tim Renner resümiert: "Deutschland hat zu einem normalen, europäischen Maßstab gefunden."

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