Der Musikfan ist anspruchsvoll. Er will möglichst viele Songs am besten gratis überall hören können. Einziges Problem: Die Plattenfirmen und Künstler hätten gerne ein bisschen Geld dafür. Der Konflikt scheint derzeit lösbarer denn je. Von Johannes Gernert

Künstler wie Kanye West und DJ Steve Aoki gehen auf Myspace Music Tour© Frank Micelotta/Getty Images
Jamie Kantrowitz projiziert die deutsche Zukunft auf eine Leinwand. In den USA ist diese Zukunft schon Gegenwart. Kantrowitz, knapp über 30, Vizechefin von Myspace International, sitzt im Büro des Sozialnetzwerks in Berlin-Mitte. Sie hat einen Laptop aufgeklappt, der auf der Rückseite voller bunter Aufkleber ist. Neben Kantrowitz sitzt der Deutschland-Chef des Labels Sony BMG und schaut auf die Leinwand. Kantrowitz loggt sich in ihren Myspace-Account ein, und man sieht eine Liste mit allen Songs, die sie zuletzt gehört hat. Sie tippt den Namen für eine neue Playlist ein: "Berliner Rocks". Der Sony-Chef lacht.
Kantrowitz geht auf die Seite des US-Rappers T.I., dort sind alle seine Alben aufgeführt, jeder Titel. Sie entscheidet sich für "Whatever you like" und zieht das Stück in ihre Playlist. Bis zu 100 Songs lang kann die Liste werden. Die Auswahl ist riesig. Alle vier Major-Labels haben ihre Kataloge zur Verfügung gestellt. Von Amy Winehouse bis ZZ Top sind tausende Künstler mit ihrem gesamten Werk vertreten. Kantrowitz klickt auf den Myspace-Player, der als neues Browser-Fenster aufpoppt. Aber auch wenn sie sich bei Myspace abmeldet, kann sie "Whatever you like" von T.I. und sämtliche andere Titel beim Surfen anhören. Gratis.
Das neue Angebot, das Kantrowitz hier vorführt, heißt Myspace Music. Es ist gerade in den USA gestartet, und es könnte ein Schritt in Richtung Versöhnung sein. Einer Wiederannäherung zwischen Musikliebhabern und Plattenindustrie. Der Graben ist tief: Die einen haben sich daran gewöhnt, dass Musik dank des Internets in rauen Mengen verfügbar ist und wollen dafür möglichst wenig zahlen. Die anderen sind beleidigt, dass die ehemaligen Kunden kaum noch CDs kaufen und kämpfen gegen die Gratis-Kultur im Netz, indem sie Online-Piraten in Grund und Boden klagen.
Zwar profitieren die Labels auch von einer steigenden Zahl von Download-Verkäufen - gerade erst hat eine Studie ergeben, dass in Deutschland insgesamt zwölf Millionen Songs in Internet-Shops verfügbar sind, acht Millionen davon beim Marktführer iTunes. Demnach sind 30 Prozent mehr Titel als im Vorjahr heruntergeladen worden. Die Einbrüche im CD-Geschäft aber kann das lange nicht wettmachen.
Bei Myspace Music arbeiten Myspace und die größten vier Labels nun zusammen. Auch eine Indie-Firma ist dabei, mit den anderen wird gerade noch zäh verhandelt. Die Versöhnung sieht so aus: Die mehr als 200 Millionen registrierten User bekommen ein riesiges Angebot an Songs, das sie online gratis hören können. Währenddessen wird über Banner Werbung gezeigt. Auch der Myspace-Player ist gesponsert: In Amerika gibt es einen Toyota Tuesday, das ist der Tag an dem die neuen Stücke heraus kommen. Über die Werbung verdienen die Labels Geld.

Jamie Kantrowitz, Vizechefin von Myspace International© Myspace
Ein alternatives Geschäftsmodell, sagt Kantrowitz: "Sie können sich so ein neues Wirtschaftsumfeld aufbauen". Außerdem hat die Industrie auch etwas davon, wenn dank des Internet-Shops von Myspace Music die Download-Zahlen weiter steigen. Neben jedem Song findet sich ein "Buy-Button". Der versöhnliche Teil für den Kunden: Die Titel aus dem Shop sind Kopierschutz-frei. Er kann damit machen, was er möchte und muss sich nicht mit verschiedensten Formaten wie AAC, WMA oder M4a herumärgern, die nicht mit jedem MP3-Player harmonieren.
Die Plattenfirmen gehen mit dem massiven Streaming-Angebot, das es so im Netz bisher nicht gab, ein enormes Risiko ein. In gewisser Weise akzeptieren sie damit die Gratis-Kultur. Im Gegenzug werden sie an den Einnahmen beteiligt. Es gibt erste Anzeichen, dass die Annäherung funktionieren könnte. Etwa eine Milliarde Songs haben Online-Hörer nach dem Start von Myspace Music in den USA per Streaming abgerufen, verkündet Kantrowitz.