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Wann ist eine Band rechtsextrem?

Die Echo-Verleihung ist eine Woche her. Doch der Wirbel um die Band Frei.Wild hallt in der Musikindustrie nach: Wann ist eine Band rechtsextrem? Die Frage bereitet der Branche Kopfzerbrechen.

Rechte Propaganda oder Kunstfreiheit? Frei.Wild-Sänger Philipp Burger (r.) und weitere Bandmitglieder vergangene Woche vor der Messe Berlin, wo die Echos verliehen wurden.

Rechte Propaganda oder Kunstfreiheit? Frei.Wild-Sänger Philipp Burger (r.) und weitere Bandmitglieder vergangene Woche vor der Messe Berlin, wo die Echos verliehen wurden.

Egal was wir getan hätten, es wäre falsch gewesen." Auch eine Woche nach der Echo-Gala in Berlin wirkt Dieter Gorny nachdenklich über den Ausschluss der Band Frei.Wild von der Preisverleihung. Nach den Vorwürfen gegen die Südtiroler, ihre Texte seien völkisch und nationalistisch, habe der Bundesverband Musikindustrie handeln müssen, sagt sein Vorsitzender.

Die Band ausschließen oder die Proteste ignorieren? Gorny spricht von einer medialen Erregung, die gedroht habe, den Preis zu beschädigen. Doch Gorny sorgt sich um die Kunstfreiheit. Zusammen mit dem Deutschen Kulturrat will der Musikverband über die Folgen solcher "Empörungswellen" für das Kulturleben öffentlich debattieren.

Massentauglicher, latent völkischer Nationalismus

Der Wirbel um Frei.Wild zeigt: Die Frage, ab wann ein Liedtext als rechtsradikal gilt, ist umstritten - und sie erregt die Gemüter. Für den Musikwissenschaftler Thorsten Hindrichs von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz ist die Band aus Brixen zwar keine offen faschistische Gruppe. Aber sie verbreite massentauglichen, latent völkischen Nationalismus.

Auf der Internetseite der Band steht: "Deutschrock ist Leidenschaft und hat mit ausgrenzenden, menschenverachtenden Inhalten nichts zu tun." In ihren Konzerten rufe sie immer wieder gegen jede Form von Extremismus auf. Sänger Philipp Burger hatte erklärt, er habe sich schon vor 15 Jahren von seiner Vergangenheit als Skinhead gelöst.

"Das wird man ja wohl noch sagen dürfen"

Musikwissenschaftler Hindrichs forscht an seinem Mainzer Institut über Musik und Jugendkulturen. Ein Aspekt: Rechtsrock. "Die Anziehungskraft dieser Gruppen funktioniert über Schwarz-Weiß-Denken und die einfachen Erklärungsmodelle "unten-gegen-oben"", sagt er. Die Blut- und Heimatideologie in ihren Texten rechtfertigten die Bands meist mit Argumenten wie "Das wird man ja wohl noch sagen dürfen"

Musik spielt in der Szene eine große Rolle. Konzerte und Liederabende sollen den Zusammenhalt fördern oder Neulinge anziehen - nicht zuletzt über Schulhof-CDs, die etwa von der rechtsextremen NPD an Schüler verteilt werden.

Aber was macht Musik zu diesem Klebstoff für die Szene und zum Lockstoff für Einsteiger? Die Musiksoziologin Sarah Chaker von der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien erklärt: Musik könne dem Gruppenerhalt dienen und erlaube gleichzeitig eine Abgrenzung nach außen, von "den anderen". "Musik zeigt an, wer oder was Menschen sein wollen, welcher Gruppe sie zugehören wollen, und vor allem auch: wer oder was sie nicht sein wollen." Dies gelte nach Expertenmeinung besonders für Jugendliche.

"Indiziert wird nur, was angezeigt wird"

Deutschlandweit gingen 2011 laut Bundesamt für Verfassungsschutz 131 rechtsextremistische Konzerte über die Bühne (2010: 128). Die Anzahl aktiver rechtsextremistischer Musikgruppen stieg 2011 auf 178 an (2010: 165). "Es ist schon längst nicht mehr nur Rumpel-Rock wie von den Bands Störkraft und Endstufe auf dem Markt", sagt Hindrichs. Inzwischen sei sogar Rap in der rechten Szene angekommen, etwa mit der Formation "Sprachgesang zum Untergang".

Viele rechtsradikale Songs sind zwar für Käufer bis zu einem Alter von 18 Jahren verboten, aber längst nicht alle. "Indiziert wird nur das, was angezeigt wird, und dieses Verfahren ist kompliziert", sagt Hindrichs. "Besitzen dürfen Erwachsene fast alles - hier greift das Recht auf freie Meinungsäußerung."

So vielfältig die rechte Musik, so uneinheitlich ist auch die Szene insgesamt. Woran erkenne ich überhaupt noch einen Neonazi? Glatze, Springerstiefel und ein gegröltes Horst-Wessel-Lied? Nein, so einfach ist das schon lange nicht mehr. "Bis zur Jahrtausendwende war rechts eine klare Sache, Rechtsradikale waren meist allein schon durch ihr Äußeres zu erkennen", sagt der Wissenschaftler. Seit den vergangenen Jahren bedienten sich Rechtsradikale vieler verschiedener Styles und Codes - sogar aus der linken Szene. "Nazis von heute hingegen erkennt man längst nicht mehr so leicht."

Andrea Löbbecke, Esteban Engel/DPA/DPA

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