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Vom Sternenmann zum schwarzen Stern

Eben noch das Pik-As ins Fenster gehängt, da tritt nach Lemmy schon die nächste Legende ab: David Bowie stirbt mit 69 Jahren. Was tun? Mehr Jack Daniel‘s besorgen? Auf der Straße tanzen? Unser Autor hat auch keine Antwort. Nur ein paar Zeilen.

Von Ingo Scheel

Nachruf auf David Bowie

Blumen für Bowie: Vor der Haustür in der Hauptstraße 155 in Berlin hinterlassen Fans letzte Grüße für die verstorbene Musiklegende

So erfährt man es denn in diesen Zeiten, wenn einer der Großen geht. Irgendjemand postet wortlos einen Clip, weiter unten das erste R.I.P., schnell gedrechselte Einzeiler, die irgendwie Esprit mit Empathie verknoten sollen. Nicht anders an einem Tag wie diesem. Another One bites the Dust. Wir haben einen Helden verloren. Grüß‘ Major Tom. Was ich im Sinn hatte? Siehe oben. Der Sternenmann ist jetzt ein schwarzer Stern. Was für ein Scheiß. David Bowie ist tot. Punkt.

Zwischen Kaffee trinken und mit dem Kind zum Arzt fahren erfährt man mal so nebenbei, dass einer der größten, einflussreichsten, schillerndsten, talentiertesten, vielschichtigsten, faszinierendsten, verehrtesten, furchtlosesten, bestaussehendsten Künstler aller Zeiten gestorben ist. Papa, können wir? Klar. Papa muss sich nur noch schnell die Tränen wegwischen.



Der nächste aus der obersten Etage geht

Gerade erst habe ich beim Anblick der Bilder von Lemmys Memorial-Veranstaltung festgestellt, dass ich noch nicht mal das richtig verinnerlicht habe. T-Shirts mit der Aufschrift „Lemmy 1945 - 2015“. Was soll das? Das macht keinen Sinn. Und jetzt geht der nächste aus der obersten Etage. Und auch das - macht keinen Sinn.

Krebstod mit 69 Jahren - das ist, bitte nicht falsch verstehen - nun nicht gerade die unerwartbarste aller Möglichkeiten. Aber wenn die Monumente vom Sockel fallen, dann bebt eben die Erde. Auch meine. Dabei war ich noch nicht mal das, was man einen ausgesprochenen Fan nennen würde. Was nicht heißt, dass ich nicht auch sechs oder sieben Alben im Plattenregal habe, sämtliche Collections, Compilations, Outtakes. Kein Fan? Na klar. Wie mag es erst bei jemandem aussehen, der das wirklich von sich behaupten kann?

Man selbst nimmt doch zumeist auch einen wie ihn als, wenn schon nicht unsterblich, dann zumindest irgendwie selbstverständlich hin. Nach seinem Geburtstag vor wenigen Tagen wollte ich so etwas posten wie "Ganz vergessen, Bowie zu gratulieren. Hoffentlich ist er nicht sauer." Ha-ha. Lustig. Im Berliner Meistersaal wurde letzte Woche sein neues Album - sein letztes, wie wir jetzt wissen - feierlich auf einer Party vorgestellt. Hatte ich mich um eine Einladung verzehrt? Nö. Beim Anblick eines Fotos davon in meiner Timeline dachte ich: Hey, so einen coolen Jutebeutel mit Bowie-Druck hätte ich doch auch gerne gehabt. Ein Jutebeutel. Mann, Scheel. Am Sonntag läuft bei uns BBC 6Music, "Moonage Daydream". Ich spiele Luftgitarre. Ich sollte mich doch mal mehr mit der Ziggy-Phase beschäftigen, denk ich noch. Einen Tag später ist Bowie nicht mehr, ein völlig surrealer Gedanke.

Ich erinnere mich an ein Konzert der Sex Pistols in Roskilde 1996. Die Band hatte unter Flaschenwürfen nach fünf Songs das Konzert abgebrochen. Ich stand da mit Wuttränen in den Augen. Ich hatte es kaum erwarten könnnen, meine Lieblingsband zu sehen. Da war es schon wieder vorbei. So früh? So kurz? Neben mir machten ein paar Deppen darüber Scherze. Ihnen war es scheissegal. Bis ein Typ, in Tränen aufgelöst, wie ein Derwisch einen von ihnen an den Schultern packte und mit den Worten „Kapiert ihr das nicht - das sind die verdammten Sex Pistoooools!“ zusammenstauchte.

Könnte der Typ mich - und bestimmt auch einige der anderen da draußen - vielleicht auch noch mal an den Schultern packen? Und versuchen, uns das Unglaubliche ein wenig um die Ohren zu hauen?

Man musste kein Fan sein - er war immer präsent

Was schrieb ich hier noch gleich? Ich war kein Fan? Das musste man bei Bowie auch nicht sein. Er war trotzdem immer präsent. Am Scheitelpunkt der 60er, in Glam und Punk, für Blitzkids und Waver, New Romantics und Postpunks, Internet, Videos, Remixes, Clubbing, Dubbing, Disco - you name it.

Bevor mir der Text hier völlig aus dem Fokus fällt, schließe ich lieber. Was ich eigentlich sagen wollte? David Bowie ist tot. Ich bin sehr, sehr traurig. Und ziehe jetzt eines seiner Alben aus dem Regal, um es auf den Plattenteller zu legen. Vielleicht mache ich dann doch noch meinen Bowie-Facebook-Post. Ach ja, die Platte: "Never let me down". Ich weiß, ich weiß. Schwächstes Album. Uninspiriert. Blöde Produktion. Mir egal. "Time Will Crawl" ist eines meiner Lieblingslieder.

I've never sailed on a sea

I would not challenge a giant

I could not take on the church

Time will crawl

Till the 21st century lose

Schwächstes Album? Immer noch gut genug für die Ewigkeit.

Bowie eben.
Farewell, Spaceboy.

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