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Im Orchester der Zukunft

Touchscreen statt Trompete: Was gestern noch Science Fiction war, inspiriert heute die Musikavantgarde. Die entdeckt völlig neue Klangwelten. Die Industrie verheißt Musikwunder für Jedermann. Doch auch die beste Technik kann eines nicht ersetzen: Inspiration.

Von Annina Loets

Wie ein Swimmingpool bei Nacht schimmert der blaue Tisch in dem dunklen Raum. Eine schwarze Hand legt einen Würfel auf die Oberfläche, es ertönt ein surrender Ton. Wird der Würfel gedreht oder auf eine andere Seite gelegt, verändert sich der Klang. Andere Hände kommen hinzu, schieben Objekte auf dem Tisch herum. Bässe beginnen zu stampfen, schnelle Rhythmen füllen den Raum und in nur wenigen Minuten hat sich ein Musikstück entwickelt. Gespielt wird es auf dem "Reac-Table", einem neuen Instrument, mit dem man per Touchscreen musizieren kann. Orchestergraben ist bald von gestern.

Gitarre, Trompete, Klavier - passé, möchte man meinen, bei solchen Möglichkeiten. Wer will noch seine Blastechnik verfeinern oder Seiten zupfen, wenn er nur eine Glasscheibe berühren muss, um Klänge zu erzeugen? Der "Reac-Table" arbeitet mit einer Software, die Position und Neigung der Objekte auf dem Tisch über eine Kamera erfasst und je nach Einstellung unterschiedliche Töne ausspuckt.

Auf der Suche nach neuen Klängen

Es sind vor allem die Entwicklungen im IT-Bereich, die seit den 1990er Jahren eine Welle der Innovation in der Musik losgetreten haben. Bisher hätten sich Instrumente sehr langsam erneuert, so Karlheinz Essl, Komponist und Professor für Komposition an der Wiener Musikuniversität. "Eines der neueren Instrumente ist das Saxofon - und das stammt aus dem 19. Jahrhundert". Der Synthesizer habe zwar neue Klänge gebracht, sei aber den Tasten und Registerknöpfen treu geblieben. Seit Rechner und Software günstig verfügbar sind, besteht dagegen für jedermann die Möglichkeit, seine eigenen Programme zu entwickeln. Daraus entstünden einmalige Instrumente, die genau das realisierten, was der Künstler sich vorstellt, so Essl.

Neue Klangwelten

Softwarebasierte Instrumente haben weltweit Künstler dazu inspiriert, neue Klangwelten zu entdecken. So spielt der Pariser Komponist Remi Dury einen selbsterfundenen Klangstab, der auf den ersten Blick an eine Klarinette erinnert. Feine Sensoren am Klangkörper übermitteln Schwingungen an eine integrierte Software, die dann die Töne generiert. Die Sängerin Pamela Z aus San Fransisco lässt sich bei ihren Auftritten nicht etwa von einem Flügel begleiten, sondern modelliert ihre Stimme direkt mit Datenhandschuhen, die Informationen an ein Computerprogramm weitergeben. Auch Karlheinz Essl ist Erfinder einer eigenen Software, die er mit Hilfe von Reglern und Konsolen wie ein Instrument spielen kann. Seit zehn Jahren verbessert er "m@ze°2" kontinuierlich und benutzt es in zahlreichen Improvisationskonzerten.

Querflöte als E-Schlagzeug

Doch traditionelle Instrumente hätten deswegen noch nicht ausgedient, sagt Essl. Es ginge nur darum, Althergebrachtes mit neuen Augen zu betrachten. "Wenn man eine Querflöte mit den Augen eines Kindes anschaut, ist das zunächst ein Blechrohr mit Löchern, auf denen Klappen angebracht sind. Drückt man, ertönen verschiedene Klacklaute, wie bei einem Schlagzeug. Wenn man im Inneren Mikrofone anbringt, hat man ein ganz neues Instrument", erklärt der Komponist.

Der Wandel hin zu elektrisch verstärkten Instrumenten ist mittlerweile auch in den Musikfachgeschäften angekommen. "Früher haben 60 Prozent der Leute ihren Kindern erst einmal ein akustisches Instrument gekauft", sagt der Musikalienhändler Sven Kolar. Heute entschieden sich 60 Prozent direkt für ein elektronisch verstärktes Instrument.

Geldmache mit der Innovation

Wo Neues entsteht, ist auch ein Markt: Schon versprechen Unternehmen Musikwunder für Jedermann. Die amerikanische Firma "Beamz Interactive" vermarktet eine Laserharfe als futuristisches Instrument. Dabei sind Laserharfen seit den 1980er Jahren und den Konzerte von Jean Michel Jarre nichts Neues: Ein fächerförmig gestreuter Laserstrahl ist über Fotodioden mit einem Synthesizer verbunden. Unterbricht man mit Hand oder Finger einen der Strahlen, wird das von der Elektronik registriert und an den Synthesizer weitergegeben. Der Klang verändert sich. Die Laserharfe dient aber nur dazu, die Klänge zu visualisieren. "The beamz", das angeblich neue Instrument, bedient sich dieser Technik. Natürlich ist diese Laserharfe kleiner, wohl-designter und verspricht dem Käufer, ein ganzes Orchester bereitzustellen. Ansonsten funktioniert sie genau wie ihr Vorgänger: Mit der Hand kann der Benutzer Laserstrahlen unterbrechen und so Töne abspielen. Der Klang ist aber nicht von der Fingerfertigkeit des Einzelnen abhängig: "Jede Vorführung ist ein Erfolg, egal welchen Strahl Sie durchbrechen, die Musik bleibt harmonisch!", wirbt die Firma. Das bedeutet konkret: Wer die Laserharfe "beamz" kauft, musiziert nicht selber. Das Gerät spielt verschiedene Melodien, die man an- und ausschalten kann. Anstatt sich für 300 Euro die Laserharfe zu kaufen, könnte man also auch einfach sechs CD-Player anschaffen und diese abwechselnd an- und ausschalten.

Mythos der unkomplizierten Musik

Die Grenzen zwischen Produzent und Konsument aufheben, Musik demokratischer machen - das sind die Argumente, wenn es darum geht, von musikalischen Innovationen finanziell zu profitieren. "Das ist doch alles bloß Ideologie mit der Demokratisierung!", sagt Karlheinz Essl. Kunst sei in ihrem innersten Wesen undemokratisch. "Wenn man über das Durchschnittliche hinausgehen will, muss man sich der Musik in einer Art hingeben, die man nicht von einem Durchschnittsbürger verlangen kann", so Essl.

Dem japanischen Medienkünstler Toshio Iwai ist es offenbar geglückt, ein Instrument zu erfinden, das beides kann: Musikavantgardisten wie Björk inspirieren und breiteren Schichten die elektronische Musik näher bringen. Das kleine Wunder heißt "Tenori-On", ist mit 20 mal 20 Zentimetern etwa so groß wie ein Nintendo und lässt sich als eine Mischung aus Sequenzer und Synthesizer beschreiben: Das Gerät durchläuft immer wieder eine Sequenz von vier Tönen, dabei kann der Musiker mit 252 Knöpfen die Klänge und Tonhöhen regulieren. Außerdem ist es möglich das Gespielte aufzunehmen und eine neue Melodie damit zu unterlegen. Das Tenori-On ist handlicher als ein Sequenzer und ein Synthesizer - ohne dabei stumpfsinniges Konsumgut wie die "beamz" Laserharfe zu sein.

Üben, üben, üben

Doch auch hier dominieren kommerzielle Ziele: Das Tenori-On wird von dem Technologiekonzern Yamaha produziert und verkauft. Der hypt es als das "digitale Instrument des 21. Jahrhunderts" und wirbt, dass mit ihm "jeder intuitiv musizieren" könne. Dabei braucht man eine gute Feinmotorik und ein musikalisches Grundverständnis, um dem Gerät etwas Interessantes zu entlocken: "Wenn man das Tenori-On benutzt und einfach nur blöd darauf herumdrückt, kommt nur das heraus, was vorher in das Gerät einprogrammiert wurde", sagt Karlheinz Essl. Trotz aller Neuerung bleibt also eine Wahrheit auch im 21. Jahrhundert bestehen: Wer Musik machen will, die über das Durchschnittliche hinausgeht, der braucht Talent, Übung und viel Geduld.

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