Ein Exklusiv-Interview mit dem englischen Schriftsteller Nick Hornby ("High Fidelity") zu der Frage, wie Elvis, Hendrix und Co. die Welt veränderten.

"'Anarchy In The U.K.' von den Sex Pistols war mein 'Rock Around The Clock'": Punkfan Hornby in London© Duncan McKenzie
Hornby: Rockmusik ist genauso wenig tot wie der Roman oder der Film. Es wird immer Leute geben, die großartige Songs rausbringen. Aber als Instrument für sozialen Wandel ist Rock 'n' Roll tot. In den Sechzigern und Siebzigern war er eng verbunden mit Protestbewegungen. Seit die tot sind, hat auch er seine Bedeutung verloren.
Das ist sehr komisch, ich glaube aber, es hatte nichts mit ihm zu tun. Jeder Song, der in jenem Jahr rausgekommen und ungefähr so geklungen hätte, hätte die Leute entflammt. Die Zeit war reif. Es war die farblose Nachkriegszeit, bei uns in England waren noch immer die Lebensmittel rationiert, die jungen Leute waren frustriert - und da kam plötzlich dieses Lied.
Nein, sie wäre ihm peinlich gewesen. Er hätte sie vielleicht mit 14 gekauft, aber sofort wieder weggeschmissen, weil sie bei jeder Hochzeit gespielt wurde.
Es ist kaum zu fassen, dass ausgerechnet dieses Lied die Leute dazu gebracht hat, Sachen kaputtzumachen. Es ist ja nicht der tollste Song aller Zeiten. Aber nach Haley wurden die Leute schlauer, sie wollten Sänger, die besser aussahen.
Haley war einfach nicht gut und hübsch genug, um eine längere Karriere durchzuhalten. Und andere, wie Little Richard mit seiner Tuntenhaftigkeit, waren zu schockierend für Teenager in den Fünfzigern. Wenn man 15 ist, will man nicht rätseln, ob der Typ nun eine Frau oder ein Mann ist. Da will man schnelle, laute Musik.
Als ich 18, 20 war, habe ich das auch geglaubt, aber so einfach ist das nicht. Wenn man sich die Musik heute unvoreingenommen anhört, muss man sagen: Die Rolling Stones haben den Songs von Muddy Waters etwas zugefügt, das sie vorher nicht hatten: Sie hatten nun mehr Energie, sie waren jünger, lauter und schneller.
Die ersten Bands, die ich bewusst gehört habe, waren die Beatles und die Monkees. Jeder hatte damals seinen Lieblings-Beatle oder -Monkee. Besonders die Monkees waren sehr beliebt, das war die Boy Band von 1966.
Die Monkees hatten bessere Songschreiber.
Nie, ich wollte lieber Leute sehen, die in jenem Moment angesagt waren. Diese Retro-Shows von Chuck Berry und Co. waren ja berühmt dafür, mies zu sein. Weil sie zu knickerig waren, ihre eigene Band mitzubringen, haben sie sich zweitklassige Typen zusammengesucht. Chuck Berry hat doch mitten im Song auf die Uhr geschaut und ist gegangen, wenn die vereinbarte Zeit vorbei war.
Wer ist das?
Wir hatten Cliff Richard, wir brauchten euren Peter nicht. Ich glaube, jedes Land hatte damals seinen Elvis-Stellvertreter auf Erden. Wie diese Leute, die im Irak Saddam Hussein doublen mussten.