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7. März 2008, 08:01 Uhr

Nackte Haut gegen Stimmgewalt

Es war ein Herzschlagfinale: Mit 50,5 Prozent der Stimmen konnten sich die No Angels in der allerletzten Runde beim nationalen Vorentscheid für den Eurovision Song Contest gegen die Musicalsängerin Carolin Fortenbacher (49.5 Prozent) durchsetzen. stern.de war live in Hamburg dabei, als sich Deutschlands erfolgreichste Castingband halbnackt das Ticket nach Belgrad sicherte. Von Julia Stanek

Sehen immer noch knackig aus: Die No Angels vertreten Deutschland beim Grand Prix in Belgrad© Ulrich Perrey/DPA

Der Wind bläst den vier Engeln ins Gesicht, pastellfarbene Seidentücher flattern um ihre Körper. Es glitzert und funkelt. Dazu die eingängige Melodie des neuen No Angels-Ohwurms "Disappear". Liebreizend trällern die vier Sängerinnen ihre Passagen, die Choreographie sitzt perfekt. Gut so. Denn die "No Angels" werden Deutschland dieses Jahr beim Eurovision Song Contest (ESC) vertreten. Dafür stimmten knapp eine Million Zuschauer, während Thomas Herrmanns, Erfinder des "Quatsch Comedy Clubs", zum dritten Mal in Folge, verbindlich wie eh und je, den Grand-Prix-Vorentscheid moderierte.

Gegen die professionelle Darbietung der No Angels war zumindest die männliche Konkurrenz chancenlos. Die Latino-Band Marquess aus Hannover wäre gerne nach Belgrad geflogen, konnte aber mit ihrem spanischen Popsong "La Histeria" nicht an den Erfolg ihres Sommerhits "Vayamos Compañeros" (2007) anknüpfen. Sowohl musikalisch als auch in Sachen Performance war ihr Beitrag fade - ein lateinamerikanischer Standard-Rhythmus macht eben noch keinen Grand-Prix-Hit. Zweifelhaft ist auch, wie viel "ritmo permanente" die vier Nordlichter überhaupt vertragen.

Die Glamrock-Band Cinema Bizarre wollte zwar die "georgischen Hausfrauen" mit ihrer Mischung aus Pop, Elektro und Rock überzeugen, hätte sich aber lieber überlegen sollen, wie man das deutsche Grand-Prix-Publikum auf seine Seite holt. Mit zittriger Stimme und Manga-Optik jedenfalls nicht, Jungs. Dabei machen die Newcomer nichts anderes als einen Trend aufzugreifen: Während des Auftritts baute sich im Hintergrund eine futuristische Stadt im Stil des Anime-Films "Metropolis" auf. Und mit Einflüssen aus der japanischen Jugendkultur hat schon die Teenie-Band Tokio Hotel große Erfolge gefeiert. Gewöhnungsbedürftig. Durchaus.

Bemerkenswert ist allerdings: Mit ihren 18 bis 22 Jahren gingen die Jungs von Cinema Bizarre beim diesjährigen nationalen Vorentscheid als jüngster Act an den Start. Es ist jedoch fraglich, ob am dürftigen Auftritt der Band tatsächlich bloß die mangelnde Erfahrung und die vorgeblich angeschlagenen Stimmbänder des Sängers Strify schuld waren.

Kann eine Liebeserklärung kitschiger sein?

Als Einzelkünstler ist beim Grand-Prix-Vorentscheid Tommy Reeve angetreten. Der 27-jährige Sänger und Songwriter wollte mit seiner souligen Schnulze "Just One Woman" vor allem die Herzen - und die Stimmen - des weiblichen Publikums erobern. Bei seinem Auftritt am Konzertflügel kam der Münchner als stilsicherer Musiker rüber mit grauen Turnschuhen zum Anzug.

Und weil sich mehr als "nur eine Frau" in Tommys braune Augen verlieben sollte, wurden Nahaufnahmen des Charmeurs auf großen LED-Bildschirmen gezeigt. Während der letzten Takte rieselte Goldregen von der Decke - kann eine Liebeserklärung kitschiger sein? Reeves Monogamie-Ballade jedenfalls wollte bei den Zuschauern nicht so richtig einschlagen. Auch er schaffte es nicht in die zweite Abstimmungsrunde.

Zittern und Banken für die Paten: Moderator Thomas Hermanns und die Sängerin Katja Ebstein© Ulrich Perrey/DPA

Mit dem No Angels-Ohrwurm "Disappear" konnte es nur eine Kandidatin aufnehmen: Die stimmgewaltige Musicalsängerin Carolin Fortenbacher. Die 43-jährige Hamburgerin war der älteste Hase im Musikbiz - immerhin steht sie seit über 20 Jahren auf der Bühne und spielte in den letzten fünf Jahren die Hauptrolle im ABBA-Musical "Mamma Mia".

Mit ihrem Beitrag "Hinterm Ozean" setzte Fortenbacher den dramatischen Akzent des Vorentscheids. Für ihre Fünf-Oktaven-Stimme ist die Sehnsuchtsballade zwar fast anspruchsloser Singsang. Dennoch gab der von Pe Werner geschriebene Titel über eine Fernbeziehung Carolin Fortenbacher die Möglichkeit, ihre Ausdruckskraft zu beweisen. Im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg hatte die Musicaldarstellerin und Mutter einer zwölfjährigen Tochter übrigens mit Abstand den größten Fan-Club: Es gab schrilles Gekreische, Leuchtstäbchen während ihrer Darbietung sowie Standing Ovations und einen tosenden Applaus.

Für alle Kandidaten hatten sich im Vorwege prominente Paten gefunden, die live bei der Show mitfieberten: Moderatorin Kim Fisher schmachtete für Tommy Reeve, das Grand-Prix-Urgestein Katja Ebstein unterstütze Carolin Fortenbacher, Entertainer Oliver Pocher feuerte - mehr oder weniger ernsthaft - Marquess an, der Tagesschau-Sprecher Marc Bator kam für die No Angels aufs Promi-Sofa, und Schauspieler Tetje Mierendorf warb während der Show für Cinema Bizarre um Stimmen. In Wahrheit waren sie da, um ein bisschen Grand-Prix-Nostalgie zu versprühen. Gemeinsam überraschten die Musik-Paten und Moderator Hermanns Katja Ebstein mit einem Schlager-Medley aus ihren Hits "Diese Welt", "Wunder gibt es immer wieder" und "Theater". Immerhin zählt Ebstein zu Deutschlands erfolgreichsten Grand-Prix-Teilnehmerinnen aller Zeiten.

"Die Frauen haben die Männer heute von der Bühne gepustet"

Gleich zu Anfang der Live-Show sollte die Ukrainerin Ruslana, Siegerin des Eurovision Song Contests 2004, dem Publikum mit wilden Tänzen und Pyrotechnik einheizen. Mehr als ein schwefeliger Geruch blieb jedoch nicht im Schauspielhaus hängen. Dann kam die Schwedin Charlotte Perrelli Nielsson, Siegerin von 1999, auf die Bühne gehopst. Und schließlich gab die Gewinnerin von 2007, Marija Serifovic aus Serbien, ihren Grand-Prix-Hit zum Besten. Letztere lockte Oliver Pocher wenigstens einen Witz aus dem Ärmel - ihn erinnerte die Serbin an ein Playmobil-Männchen.

Ein echter Höhepunkt des Abends war der Auftritt des deutschen ESC-Teilnehmers 2007: Roger Cicero. Der Swingsänger verzauberte den Saal noch einmal mit seinem Erfolgshit "Frauen regier'n die Welt". Und genau genommen trifft zumindest an diesem Abend der Text ein bisschen zu. Thomas Hermanns fasst es so zusammen: "Die Frauen haben die Männer heute von der Bühne gepustet."

Die "No Angels" galten zwar bereits vor dem Grand-Prix-Vorentscheid als Favoriten. Sandy, Jessica, Nadja und Lucy legten eine professionelle Performance auf der Bühne hin, ihre perlmuttfarbenen Glitzeroutfits ließen viel Platz für nackte Haut. "Wir haben nichts zu verbergen", rechtfertigt Sängerin Lucy die freizügigen Kostüme. "Wir lieben es Frau zu sein. Und wir lieben es, zu zeigen, was wir können." Stimmlich überzeugte Deutschlands erfolgreichste Castingband zwar nicht, aber wen stört das schon: Sex sells.

Am 24. Mai in Belgrad wird sich zeigen, ob die "No Angels" auch das europäische - und vor allem das osteuropäische Publikum - für sich gewinnen können. Gegenüber der Presse entgegnete Lucy: "Man sollte Europa nicht in Ost und West teilen. Diese Zeiten sind vorbei." Wo sie Recht hat, hat sie Recht. Außerdem, ergänzt sie, sei ein Teil der "No Angels" auch osteuropäisch - Lucy selbst ist gebürtige Bulgarin, Nadja hat eine serbische Großmutter.

Wie die "No Angels" ihre Chancen im Mai einschätzen? "Darüber denken wir jetzt gar nicht nach. Erstmal sind wir glücklich, dass wir nach Belgrad schweben dürfen." Für Oliver Pocher jedenfalls steht eines fest - Völkerverständigung hin oder her: "Mit diesen knappen Paillettenkostümen werden die No Angels in Osteuropa beste Chancen haben."

Von Julia Stanek
 
 
KOMMENTARE (10 von 17)
 
Jenny29 (07.03.2008, 23:56 Uhr)
wie immer...
Wahre Qualität muss sich eintönigem Durchschnitts-Pop einer Casting-Band geschlagen geben...traurig, traurig, dass Können offensichtlich nicht mehr zählt!
Redaktion (07.03.2008, 12:25 Uhr)
@sternchen2007
Liebe/r sternchen2007!
Vielen Dank für Ihren Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert.

Herzliche Grüße,
Ihre stern.de-Redaktion
maindelfin (07.03.2008, 11:09 Uhr)
Richtig gut geht anders!
Was da gestern so geboten wurde, hat mich nicht wirklich vom Hocker gerissen. Mit den No Angels hat das kleinste Übel gewonnen. Die waren aber auch schon mal wesentlich besser. Aber liebe Julia Stanek: Die Outfits der Mädels zeigten zwar viel Haut – das als „halbnackt“ zu bezeichnen ist aber übertrieben.
Carolin Fortenbacher mag eine gute Musicalsängerin sein. Gestern lag sie aber bei ihrem Beitrag oft DEUTLICH neben den richtigen Tönen. Ganz davon abgesehen, dass der Song auch nicht so richtig toll war. Fortenbacher hat eine kräftige und laute Stimme. Aber laut ist nicht immer mit schön gleichzusetzen. Besonders dann nicht, wenn die richtigen Töne mehrfach verfehlt werden.
Die restlichen Teilnehmer konnte man getrost vergessen. Das war ja wohl gar nix.
Das Schlechteste des Abends war aber das vorgetragene Medley von Ebstein-Liedern. Kim Fischer und Co. dürfen das unter Androhung von Prügelstrafe keinesfalls wiederholen. Mit „grottenschlecht“ ist das wohl noch zu harmlos beschrieben. Ich hatte wirklich Angst, dass mein Fernseher platzt! Selbst unsere Katze hat fluchtartig das Wohnzimmer verlassen.
Einzig Roger Cicero war hörenswert. Den schlechten Gesamteindruck der Veranstaltung kann er aber nicht ändern.
Ich finde Deutschland sollte am Grand-Prix nicht mehr teilnehmen. Dann kann sich auch keiner blamieren.
r.k. (07.03.2008, 11:07 Uhr)
@Runner84
Absolut richtig !!!!
r.k. (07.03.2008, 11:06 Uhr)
Ostblock Gesülze
...und was soll eigentlich immer das ganze Gerede, die Ostblockländer würden sich die Punkte für den Sieg zuschustern. Von den letzten 10 GP, sind 4 von ehemaligen Ostblock-Staaten gewonnen worden, 4 von westlichen und 2 von Ländern, die eigentlich gar nicht dazu gehören sollten. Wenn man gute oder aber verrückte Beiträge hinschickt, dann hat man auch eine Chance auf den Sieg.
Runner84 (07.03.2008, 11:04 Uhr)
Besser wäre Rammstein
Wir sollten, wollen wir den Kram denn wirklich noch einmal gewinnen, Bands wie Rammstein oder Scooter in den Grand Prix schicken. Die sind in ganz Europa bekannt und beliebt. Und Scooter sind immerhin schon angetreten, aber das deutsche Publikum hat es sich halt mal wieder selbst versaut.
r.k. (07.03.2008, 10:56 Uhr)
Was erwartet man denn....
von einem Land, in dem der 'Kuschelsong' auf Platz 1 der Charts steht ?!?!?!?! Und was kommt bei den Castingshows raus ?? Auch nur Müll. Wo sind die Kelly Clarkson's oder Leona Lewis' aus Deutschland ??? Alles One-Hit-Wonder!!!
endbenutzer (07.03.2008, 10:53 Uhr)
Keine Angst...
...den Song-Contest in Belgrad tragen doch sowieso wieder die ehemaligen Ostblock-Staaten unter sich aus. Ich tippe mal auf Slowenien, oder Weissrussland, oder Lettland - obwohl ich deren Beitrag noch nie gehört habe.
MRP66 (07.03.2008, 10:50 Uhr)
Gott sei Dank!!
habe ich mir den Mist nicht angeschaut!
Echoes (07.03.2008, 09:49 Uhr)
muzak
gute musik hat noch nie was mit song-contesten oder castings zu tun gehabt.
es geht hier um die schnelle mark, nur für den erfolgsfall freilich.
man kann bei solchen veranstaltungen das musikverständnis ruhig ausschalten.
mich ärgert, dass man uns dergestalt was von qualität vorgaukeln will.
qualität reift von selber und setzt sich alleine durch; sie entsteht nicht deswegen, ob wer wann wo anruft oder ob dieter bohlen den daumen oben oder unten hat.
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