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Der Survival-Guide für Festival-Besucher

Wer glaubt, dass zum - womöglich mehrtägigen - Besuch eines Open-Airs Musikbegeisterung und der Besitz einer Eintrittskarte ausreichen, irrt gewaltig. Doch jetzt naht für arglose Festival-Novizen Hilfe: mit dem Survival-Guide von stern.de.

Von Karin Spitra

Eines gleich vorweg: Der Besuch eines - vielleicht sogar mehrtätigen - Open-Air-Festivals ist nichts für Zartbesaitete. Deshalb brauchen auch Besitzer von Presse- oder VIP-Pässen, Sponsoren- oder AAA-Bändern, gar nicht erst weiter zu lesen. Dieser Überlebens-Leitfaden richtet sich an den großen Rest der ganz normalen Festivalbesucher. Die zwar ohne Privilegien, aber mit einem großen Herzen für den gemeinschaftlichen Musikgenuss ein nettes Wochenende verbringen wollen.

Musik oder Party?

Jeder sieht in so einem Wochenende etwas anderes: Für die einen steht die Party und der Exzess im Vordergrund, für die anderen zählen die Musik und die Bands. Wer eigentlich wegen der Musik angereist ist, sollte nicht schon als das Ende von Tag eins als Bierleiche verschlafen. Auch sonst gilt: Legale Drogen reichen. Alkohol gibt es in Hülle und Fülle, unter freiem Himmel herrschen auch für Raucher paradiesische Zustände, da kann man getrost die Finger von allem illegalen Zeug lassen. Auch ein Grund: Man weiß nie, was man bekommt...

Das Wetter bleibt eines der letzten großen Wagnisse, die sich erst ganz kurz vor einem Festival wirklich berechnen lassen. Der kluge Besucher berücksichtigt dies bei seiner Kleiderwahl. Mit Ausnahme von Festivals mit existierendem Dresscode (zum Beispiel dem Wave Gothic Treffen) empfiehlt sich legere Strandkleidung und festes Schuhwerk. So angenehm das Latschen in FlipFlops bei hochsommerlichen Temperaturen sein mag, so ungeschützt ist ein Fuß dann auch, wenn ihm aus Versehen ein Springerstiefel die Zehen quetscht. Spätestens beim Gedrängel vor der Bühne sind dann alle Messen gesungen.

Seid nett zur Security

Wer sein Hörvermögen nicht sowieso schon bei diversen Discobesuchen beschädigt hat, sollte die Wucht einer ordentlichen Festival-Soundanlage nicht unterschätzen. Also: Nicht vor die Boxentürme stellen, nicht vor einem der Delay-Towers plazieren - und wenn doch, dann bitte nur mit Ohrenstöpseln. Taubheit ist unsexy und ein Tinnitus schnell eingefangen.

Und zum Schluss noch ein Wort zur Security: Meist sind die Schutzleute nett und freundlich. Doch wenn sie schlecht behandelt werden, und man sie beim Crowdsurfen absichtlich tritt, dann ist das nicht cool, sondern schlicht blöd. Denn diese Leute sind dafür da, um einem in brenzligen Situationen aus der Klemme zu helfen. Also: Die Ordner am besten so behandeln, wie man selber von ihnen behandelt werden will.

1. Planung ist alles

Spätestens im Oktober des laufenden Jahres fangen die Veranstalter mit der Planung der kommenden Festival-Saison an. Ganz so früh müssen sich die Besucher nicht schlau machen, aber ab Januar lohnt sich schon ein Blick auf die jeweilige Homepage der Open-Airs. Einige Großveranstaltungen, wie zum Beispiel das britische Glastonbry Festival, haben eine sehr restriktive Ticketpolitik: Karten gibt es nur nach vorheriger Registrierung. Wer die verpasst, hat keine Chance mehr auf eine Karte, da diese außerdem noch personalisiert sind. Also: Rechtzeitig schauen, welches Festival-Angebot einen anspricht und dann frühzeitig Karten besorgen. Vorteil: Diese sind im Vorverkauf auch billiger.

Egal ob Tagesgast oder gleich Wochenend-Camper, einige Dinge sollten immer dabei sein:
Ein Survival-Pack mit einigen Pflastern, Fenistil-Gel gegen Mückenstiche und Sonnenbrand, Bepanthen-Salbe gegen kleinere Wunden, ein zusammenlegbares Regencape, einige Papiertaschentücher und einige Aspirin.

2. Transport

Wo lässt sich noch für wenige Tage eine improvisierte Stadt für über 30.000 Musikbegeisterte aus dem Boden stampfen? Richtig! Auf dem Acker. In wenigen Fällen sind es noch kleine Sportflughäfen, auch Gokart-Bahnen dienten schon als Kulisse. Aber meist finden Open Airs nun einmal inmitten von Wiesen und Wäldern statt. Für den Festivalbesucher sollte sich deshalb früh die Frage stellen: Wie komme ich hin?

Meist bieten die Veranstalter auf ihrer Homepage ein Diskussionsforum an, dort lässt sich prima nach Mitfahrgelegenheiten suchen. Auch sonst bemühen sich die meisten Veranstalter mit den Anbietern des öffentlichen Nahverkehrs, Sonderlösungen zu bieten: Manchmal sind die Festivaltickets gleichzeitig auch Fahrscheine für Bus und Bahn, manchmal werden Sonderzüge und Busse eingesetzt. Lohnend ist auch, sich von lieben Verwandten hinbringen und abholen zu lassen.

Wer jedoch gleich mehrere Tage auf dem Festival verbringt, nimmt meist auch die Gelegenheit zum Campen wahr - und dann ist ein Auto als Transportmittel der Habe kaum noch zu ersetzen. Angesichts der Wetterkapriolen nur noch ein kleiner Tipp: Autodächer und -fenster ganz schließen (ja, so ein sommerlicher Sturzregen hat schon viele Auto-Innenbezüge versaut) und wenn möglich die Frontscheibe von innen mit einer Faltpappe (gibt's von den Automobilclubs) vor siedender Hitze schützen.

3. Unterkunft

Ein Open-Air ohne Campen ist wie ein Biergarten ohne Bier. In fast jedem Festivalticket ist das Zelten und der Autoparkplatz mit im Preis drin. Das heißt aber nicht, dass man freie Wahl hat: Bei den Parkplätzen werden die Autos reihenweise von den Ordnern auf ihre finalen Stellplätze dirigiert. Beim Zeltplatz gilt: Wer zuerst kommt, sucht sich die besten Plätze. Dies ist übrigens auch der Grund, warum die Campings-Plätze der Festivals meist schon einen Tag vor dem offiziellen Startschuss öffnen - und auch erst einen Tag später schließen.

So pilgert dann vor den großen Open-Airs schon ab Donnerstagmorgen eine lange Karawane Richtung Festivalgelände, um erstmal die Zeltpflöcke in den Boden zu schlagen. Ob man es als Vorteil betrachtet, wegen der kurzen Wege in der Nähe der mobilen Toiletten zu zelten, oder doch lieber einen weiteren Fußmarsch in Kauf nimmt, dafür aber die Chance auf Atemluft ohne WC-Reiniger-Aroma hat, bleibt letztendlich jedem selbst überlassen.

Seit einigen Jahren nimmt auch die Zahl der "Luxus-Camper" beständig zu, dem tragen die Veranstalter mit eigenen Arealen für Caravans Rechnung. Statt Zelt an Zelt reiht sich dort Wohnwagen an Wohnwagen. Enormer Vorteil: Ein Platzregen ist besser auszuhalten - und ein eigenes Klo samt Dusche ist spätestens ab Ende von Tag zwei des Festivals eigentlich nur noch mit Gold zu bezahlen.

Besonders verwöhnte Menschen, man darf sie auch ruhig die älteren Jahrgänge nennen, tun gut daran, sich rechtzeitig über das Hotel- und Pensionsangebot in der Gegend um das Festival zu kümmern. Oft sind auch die Tourismusämter aus der Gegend bei der Suche nach einer Bleibe behilflich. Die Vorteile eine Hotelzimmers mit Bad, WC und Frühstück schaffen eine innere Ausgeglichenheit, die nicht zu verachten ist. Dafür ist die Erlebniswelt solcher Luxus-Festivalbesucher ärmer. Sie können keine Geschichten über freche Eindringlinge im Zelt berichten, lernen nie den Charme des unkontrollierten Wildpinkelns in Zeltstädten kennen und auch die Kenntnis über die Beischlafgewohnheiten des Zeltnachbarn werden ihnen ewig verborgen bleiben.

4. Verpflegung

Auf dem Festivalgelände selbst, also dem Bereich vor den Bühnen, ist die Mitnahme von Speisen und Getränken verboten. Dies gilt natürlich nicht für die Caravan-, Camping- und Parkplätze. Dort kann man prima seine Nahrung und Getränke horten - und zusehen, was Hitze für interessante chemische Reaktionen in Gang setzt.

Langjährige Versuche und Testreihen haben aber klar gezeigt, dass man ein mehrtägiges Festival überleben kann, ohne selber auch nur irgendetwas Nahrungsähnliches mitgenommen zu haben. Meist gibt es dort die üblichen Anbieter der schnellen Küche: Bratwurst, Steaks, trockene Asia-Reisgerichte, sogar Schweinebraten und Haxe, gebratener Leberkäse, Frikadellen, frittierte Zwiebelringe, gebratene Hühnerteile und zahllose Getränkestände. Neuerdings tauchen auch fahrbare Supermärkte auf, die völlig überteuerte Dinge anbieten (1 Tampon = 1 Euro). Aber man kann wenigstens Bier und Wasser nachkaufen, ohne mehrere Kilometer in den nächsten Ort zu fahren.

Was man auf Festivals leider meist vergeblich sucht: Obst, Salat und Suppe. Hier schlägt die große Stunde der Selbstversorger auf dem Camping-Platz.

Wer schon einen Grill mitschleppt, sollte sich vorher schlau machen, ob man überhaupt neben dem Zelt grillen darf und ob man das mit dem eigenen Teil darf. Manche Festivals nehmen das locker, andere bestehen auf die Ausgabe eigener Grillgeräte.

5. Alkohol

Selber mitbringen ist zwar immer günstiger, als die Alkoholika auf dem Gelände selbst zu kaufen - aber das Zeug muss ja auch zum Zelt geschleppt werden. Unbedingt Wasser mitnehmen, immer mindestens die gleiche Menge Wasser wie Alkohol trinken und bevor man bewusstlos wird, möglichst aus der Sonne torkeln.

Auf jedem Festival gibt es schon nach der zweiten Band des ersten Tages (also gegen 14.00 Uhr) die ersten Alk-Leichen, welche dekorativ in praller Sonne auf der Wiese liegen. Diese Absturztrinker wären wohl auch bei einer Kirchweih, einem Jahrmarkt oder Weinfest um diese Zeit schon hackenstramm.

Dennoch habe auch diese Leute ein Recht auf Rücksicht und Hilfe: Wenn möglich aus der prallen Sonne ziehen. Notfalls Sanitäter verständigen, die können besser unterscheiden, ob da nur jemand einen leichten Rausch ausschläft, oder gerade zu einer mittleren Alkoholvergiftung noch ein ordentlicher Sonnenstich kommt.

Nur böse Menschen benutzen diese Hilflosen als Vorlage für derbe Späße und schreiben üble Sachen mit Eding auf die Stirn oder rasieren ihnen Teile der Körperbehaarung ab. Noch ein Grund, solche Alk-Exzesse nicht alleine zu begehen, sondern im Schutz einer Gruppe von Freunden. Manchmal allerdings entpuppen sich Freunde dann aber als die bösesten Scherzbolde von allen...

6. Hygiene

Sprechen wir es offen aus: Dixie-Klos sind die Hölle. Oder zumindest der Hölle sehr nah. Natürlich sind Männer aus dem bekannten Gründen auf Festivals klar im Vorteil: Sie sind wie Hunde und pinkeln, wo sie stehen. Wer diese Aussage anzweifelt, war schlicht noch nie auf einem Festival. Deshalb auch das eiserne Festival-Gesetz für Frauen: Steht ein Mann in der Schlange vor den Klos, dann sofort die Schlange wechseln. Zum Pinkeln stellt der sich sicher nicht an...

Einige Veranstalter bieten auch Toiletten mit Wasserspülung an, die sind selbstverständlich allen anderen vorzuziehen. Dennoch empfiehlt sich die Mitnahme von Toilettenpapier (für Camper sowieso), und auch eine Packung Papiertaschentücher kann schnell zur Rettung in der Not werden. Ganz empfindliche Seelen können sich auch noch feuchtes Klopapier mitnehmen.

Weibliche Besucher, die gerade ihre Periode haben, sollten sich reichlich mit den erforderlichen Hygiene-Artikeln eindecken. Und die Wahl der Kleidung danach ausrichten: Am dritten Festivaltag auf einem verdreckten Dixie-Klo einen Tampon zu wechseln erfordert schon so genug Akrobatik. Sich dazu auch noch aus irgendwelchen geknöpften Hosen-Kreationen zu schälen braucht kein Mensch mehr...

Noch ein Rat an Gutgläubige: Denkt Schlechtes - meist stimmt es. Also sich niemals an Zäune oder Pfähle oder Gitter setzen. Am Abend vorher haben meist etliche Männer genau dagegen gepinkelt...

7. Freunde

Natürlich ist ein Musik-Festival ein Gemeinschaftserlebnis: Eine Horde relativ Gleichgesinnter feiert über mehrere Tage zur Lieblingsmusik - eigentlich reicht das schon für ein tolles Wochenende. Doch den Festivalbesuch gleich von vorneherein in einer Clique zu planen, bringt viele Vorteile:
Man ist nicht alleine und hat den Schutz der Gruppe (siehe: Alkohol). Man kann sich ein Zelt teilen, zusammen anreisen, die Kosten für den Proviant teilen, etc.

Freunde können aber auch gefährlich sein (siehe: Alkohol), zahllose Fotos auf den Festival-Seiten beweisen das. Da wird armen Schnapsleichen von den guten Freunden ein Hitlerbärtchen mit wasserfestem Filzstift aufgemalt, Tampons stecken in Gesichtsöffnungen, wo sie definitiv nichts zu suchen haben, und, und, und. Wie weit Scherz und Schabernack gehen, ist wohl Geschmackssache, aber es lässt sich vielleicht auch vorher verhandeln.

Auf jeden Fall sollten einige grundlegende Dinge noch in nüchternem Zustand geregelt werden: Wo trifft man sich spätestens, wenn einer "verloren" geht. Wer darf wie lange im gemeinsamen Zelt dringenden zwischenmenschlichen Bedürfnissen nachgehen? Muss immer einer auf das Zelt und die Sachen aufpassen? Zählt neben der Musik auch die Party - oder umgekehrt?

8. Sex

Sonne, tolle Musik und ausgelassene Stimmung: Open-Airs sind auch gigantische Flirt-Schauplätze. Doch trotz aufgeheizter Stimmung sollte nicht vergessen werden, dass es auch ein Leben nach dem Festival gibt. Wer also seinen Partner daheim gelassen hat, sollte sich vor zwischenmenschlichen Verstrickungen fragen, ob sich solche Fehltritte wirklich lohnen - geheim halten lassen sie sich ohnehin kaum.

Ob und wie man sich dann dem Austausch von Körperflüssigkeiten hingibt, mit der reellen Chance, auch gleich die Zeltnachbarn zur Rechten und zur Linken zu erfreuen, muss jeder für sich klären. Aber etwas sollte nicht vergessen werden: Auf einem Festival bist du niemals allein!

Zwar eigentlich eine Selbstverständlichkeit, aber dennoch erwähnenswert: Die Alkoholisierung junger Mädchen auszunützen, ist absolut letztklassig! Wer auf einem Festival gezielt auf die Pirsch gehen will, sollte den Schutz nicht vergessen. Bei den meisten Festivals werden lobenswerterweise nicht nur Ohrenstöpsel ausgegeben, sondern auch Gratis-Kondome verteilt.

Und dennoch haben sich noch jedes Jahr auf den Open-Airs Paare gefunden oder hatten besonders romantische Momente. Geht doch!

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