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Der Klassik-Gipfel

Ihr Leben ist Grosse Oper: Rolando Villazón, Plácido Domingo und Anna Netrebko erzählen im Gespräch mit dem stern über Abba, Aberglauben, geplatzte Hosen und den Schutzheiligen des Halses.

Frau Netrebko, Herr Villazón, Herr Domingo: Der Schriftsteller Peter Handke schrieb als junger Internatsschüler an seine Mutter: "Mach dir keine Sorgen um mich. Ich werde sicher weltberühmt." Wann ahnten Sie, einmal ein Weltstar werden zu können?

Villazón: Meine Eltern konnten mit Opern ebenso wenig anfangen wie ich. Mein erstes Kunsterlebnis hatte ich mit zehn, als mein verrückter Onkel mir einen Magic Mushroom zu essen gab. Als die berauschende Wirkung des Pilzes einsetzte, las er mir Gedichte von Rimbaud vor. Da habe ich erstmals begriffen, wie Wörter Türen aufstoßen können. Von da an wollte ich immer zu den Helden der Bücher werden, die ich gerade las. Als ich mit Gandhis Memoiren fertig war, rasierte ich mir eine Glatze und kaufte eine Brille, die aussah wie seine. Nach der Lektüre von "Don Quijote" habe ich mein nagelneues Fahrrad so lange demoliert, bis es ähnlich elend aussah wie Don Quijotes Gaul Rosinante.

Netrebko: Ich habe als Zehnjährige in Krasnodar im "Palast der Pioniere" Songs von Abba im Chor gesungen. Mein Traum war es, Operetten- oder Musicalstar zu werden. Ich wollte tanzen und Spaß haben. Opernsänger waren für mich singende Brokatvorhänge. Wenn im Radio eine Oper kam, habe ich sofort einen anderen Sender gesucht. Das änderte sich erst, als ich mit 17 Verdis "Othello" sah. Das war wie ein Schock. Als der Vorhang fiel, hatte ich Tränen in den Augen. Die Oper hatte mich!

Villazón: Achtung, jetzt folgt Annas rührende Aschenputtelstory!

Netrebko: Diese Geschichte ist nicht meine Erfindung, Rolando! Es wird immer geschrieben, ich sei als trällernde Putzfrau im Marinskij-Theater in St. Petersburg entdeckt worden. Das ist natürlich Unsinn. Ich habe diesen Job nur gemacht, um gratis Proben und Aufführungen miterleben zu können.

Domingo: Ich bin von euch das einzige Theaterkind. Meine Eltern waren Sänger in Madrid, und ich habe schon als Knirps kleine Rollen gespielt. Meine Eltern haben mir nie eine andere Wahl gelassen als die Musik. Meine erste Oper habe ich aber erst mit 15 gesehen: "Tosca" mit Anita Cerquetti. Ich fühlte mich auf fast religiöse Weise berührt und dachte: "Das hier hat nichts mit dem Operettengesang deiner Eltern zu tun. Sieh zu, wie weit du in diese Wunderwelt vordringen kannst." Es gab dann aber immer wieder Phasen, in denen ich lieber Torero, Fußballprofi oder Filmschauspieler werden wollte. Mit Anfang 20 legte ich schließlich einen Eid ab: "Wenn du es bis 30 nicht geschafft hast, an der Metropolitan Opera in New York und an der Scala in Mailand zu debütieren, gibst du die Oper endgültig auf!" Ich habe dann mit 27 an der Met gesungen und mit 28 an der Scala.

Netrebko: Singen ist ein einsamer Beruf, und wir müssen leider diszipliniert leben wie Hochleistungssportler. Was Ronaldo und ich von Maestro Domingo lernen können, ist, sich mit Enthusiasmus und Leidenschaft über Jahrzehnte an der Spitze zu halten. In der Popmusik reicht es, drei Jahre lang ein Star zu sein, um in die Hall of Fame aufgenommen zu werden. Eine Opernkarriere dagegen ist ein Marathonlauf.

Domingo: Ich war nicht immer so vorbildlich. In meiner Hamburger Zeit Ende der Sechziger bin ich nach meinen Vorstellungen immer mit dem Dirigenten Nello Santi ins Hotel gefahren. Er spielte Klavier, und ich sang noch mal 24 Arien. 24! Danach sind wir in ein Restaurant gegangen und haben weitergesungen. Wenn wir ins Hotel zurückkamen, war es meist schon hell. Das war im Grunde vorsätzlicher Mord der Stimme.

Villazón: Ich bin leider ein bisschen verrückt und rede oft wie ein Schlagzeugsolo. Ich sollte viel öfter meinen Mund halten und meine Stimme schonen. Aber ich mache Fortschritte beim Stillsein - zum Beispiel singe ich nicht mehr, wenn ich auf der Toilette sitze.

Netrebko: Der Unterschied zwischen uns ist, dass Rolando nicht zwischen Bühne und Leben unterscheidet. Er spielt immer und genießt den Hype um sich wie eine Sauerstoffdusche. Er ist wie eine Kerze mit einem Dutzend brennender Dochte. Er rennt durch Abflughallen, weil er wie immer zu spät ist, schmettert dabei die Titelmelodie von "Indiana Jones" und telefoniert gleichzeitig. Mich erschöpft schon, ihm dabei zuzusehen.

Villazón: Wir Latinos sind nun mal extrovertierte und positive Menschen. Zu viel Ruhe und Entspannung würde uns fade machen - und das kannst du unmöglich wollen, Anna!

Netrebko: Warum telefoniert ein positiver Mensch wie du eigentlich mehrmals in der Woche mit seinem Psychoanalytiker in Mexico City?

Villazón: Meine Frau ist Psychologin. Sie hat mir vor zehn Jahren vorgeschlagen, eine Psychoanalyse zu beginnen. Ich war erst mal geschockt und fragte, ob sie mich etwa für psychisch krank halte. Ihre Antwort war: "Nein, aber du bist jetzt 24, und ich beobachte seit Jahren, dass du so ziemlich alles tust, um deine Gesangskarriere zu sabotieren." Inzwischen kann ich meinem Analytiker Dinge erzählen, die ich privat für unsagbar halte. Das hilft mir, mich besser zu verstehen. Wer weiß, ob ich ohne diesen Mann überhaupt hier sitzen würde. Man singt einfach besser, wenn einem die störenden Seiten des eigenen Ichs nicht so quer im Magen liegen. Mein Analytiker sagt, dass mein Beruf sehr gut zu mir passt: Ich kann jeden Abend ein anderer sein!

Während einer Aufführung von "Turandot" biss Ihr Kollege Franco Corelli der Sopranistin Birgit Nilsson ins Ohr, weil sie im Duett mit ihm den Ton länger gehalten hatte. Nilsson wiederum stand mal hinter der Bühne der Met, als Montserrat Caballé sang. Als sie gefragt wurde, was sie da mache, sagte sie: "Ich bin hier, um Madame Aballé zu hören." - "Madame Aballé? Sie meinen Madame Caballé." - "Nein. Madame Aballé. Sie hat ihr C verloren." Tun Sie nur so freundlich miteinander?

Villazón: Nein. Maestro Domingo war erst mein Vorbild, dann mein Mentor und Freund. Durch seine Schallplatte "Perhaps Love" habe ich die Oper für mich entdeckt. Mit 27 habe ich einen Preis bei seinem Nachwuchswettbewerb Operalia gewonnen. Und bei meinem ersten Auftritt in Europa rief er mich acht Minuten vor Beginn der Vorstellung an, um mir Glück zu wünschen. Ich muss keinen Vatermord begehen.

Herr Domingo, bis in die Achtziger haben Sie sich mit Luciano Pavarotti furiose Interviewduelle geliefert. Er beschimpfte Sie als "publicitysüchtig" und "unehrenhaft". Sie keulten im stern zurück: "Pavarotti ist eifersüchtig. Er erträgt es nicht, dass ich sechs Jahre jünger bin. Aber ich kann ihm nicht helfen."

Domingo: Luciano und ich haben 1968 an der Met debütiert, und ich gebe zu, dass es lange eine gewisse Eifersucht und Rivalität zwischen uns gab. Aber irgendwann überwogen Respekt und Kollegialität. Wir sind beide nicht mit einem goldenen Löffel im Mund geboren worden. Luciano hat meines Wissens früher Lebensversicherungen verkauft.

Tenöre sind auf die Rolle des virilen Helden und Ladykillers abonniert. Färbt das aufs Private ab?

Domingo: Die Bühne lehrt uns auch Demut. Bei einer "Carmen"-Aufführung in Tel Aviv ist mir mal mitten im Duett die Hose geplatzt. Villazón: Bei einer Aufführung von "La Bohème" in Paris hatte uns der Regisseur angewiesen, auf der Bühne Hähnchen zu essen. Irgendwann rutschte mir ein Stück Hähnchen in die Gurgel. Mein Gesang klang, als würde man eine bellende Hyäne erwürgen.

Netrebko: Ich war am Konservatorium dünn wie ein Nagel. Deshalb trug ich bei Auftritten ein Korsett, um einen großen Busen vorzutäuschen. Einmal sollte mir mein Gesangspartner ein Taschentuch aus dem Ausschnitt ziehen. Er suchte vergebens. Ich habe mich dann vom Publikum weggedreht und das Tuch in der Nähe meines Bauchnabels wiedergefunden.

Der stern schrieb vor zwei Jahren über Sie: "Die Verführung hat schwarze Augen, die jedem alles versprechen. Auf den Sandaletten von Manolo Blahnik schreitet sie wie eine Ballerina zur Zarenzeit, das Schlauchkleid trägt sie sinnlich wie eine Katze." Mögen Sie es, als Klassik-Babe wahrgenommen zu werden?

Villazón: Lass mich antworten, Anna! Es ist doch großartig, dass du auch eine wunderschöne Frau bist. Wäre ich unverheiratet, würde ich mir Groupies wünschen, die mir ihre Handynummer auf ihre Unterwäsche schreiben.

Netrebko: Wenn ich in Russland aus der Oper komme, lauert da immer ein Fanclub alter Frauen. Wir nennen sie "Babuschki". Sie bestürmen einen mit Sätzen wie: "Kindchen, heute hast du viel zu viel Make-up getragen." Oder: "Warum bist du denn in letzter Zeit so fett geworden?" Sie denken, man wäre Teil ihres Lebens, und wollen einen ständig korrigieren.

Opernsänger gelten als extrem abergläubisch. Pavarotti zum Beispiel bleibt am 17. jeden Monats am liebsten im Bett und wirft jeden aus seiner Garderobe, der etwas Purpurrotes trägt. Sind Sie auch so?

Domingo: Ich trage immer ein Gebetbuch in der Tasche und bete vor jedem Auftritt zu Santa Cecilia, der Schutzheiligen der Musik, und natürlich auch zu Sankt Blasius, dem Schutzheiligen des Halses. Nach dem Konzert gehe ich auf die leere Bühne, spreche ein Dankgebet und singe den Anfang der Oper, die ich als Nächstes mache. Auf die Bühne gehe ich immer mit dem linken Fuß zuerst, und wenn ich auf dem Bühnenboden einen Nagel sehe, bücke ich mich nach ihm und bewahre ihn auf.

Seit den "Drei Tenören" triumphiert der Kapitalismus auch in der Oper. Reut es Sie heute, mitverantwortlich zu sein für PR-Gewese und schnöden Kommerz?

Domingo: Wenn Sie sich die Geschichte der Oper ansehen, war die Show oft wichtiger als die Kunst. Der Lockruf des Geldes und der Virus des Ruhms sind keine neuen Phänomene. Die Gier nach Superlativen können Sie schon bei Farinelli und Caruso studieren. Caruso sang in Stierkampfarenen und bekam 1919 in Mexiko 15000 Gold-Dollar pro Auftritt - ein kleines Vermögen. Beim ersten Auftritt der "Drei Tenöre" 1990 in den römischen Caracallathermen ahnte keiner der Beteiligten, dass sich der Mitschnitt des Konzerts mehr als zehn Millionen Mal verkaufen würde. Unser Konzert 1994 in Los Angeles haben dann 1,5 Milliarden Menschen am Fernseher verfolgt. Puristen warfen uns Prostitution vor, aber diese Konzerte haben die Oper populär gemacht - bei den Massen und bei Politikern, die über die Vergabe von Subventionen entscheiden. Jeder, der etwas mit Oper zu tun hat, ist seither in einer sehr viel besseren Position.

Sie singen, dirigieren, leiten die Opern in Washington und Los Angeles, veranstalten den Nachwuchswettbewerb Operalia, betreiben ein mexikanisches Restaurant in New York, und zu Ihren zahllosen Schallplatteneinspielungen zählt selbst Entlegenes wie "Heidschi Bumbeidschi". Hatte Thomas Bernhard Recht, als er Sie den "Weltbeherrscher der Oper" nannte?

Domingo: Wollen Sie, dass ich nur noch golfe, Wein verkoste und gelegentlich bei einer Gala vor arabischen Ölscheichs auftrete? Mich würden schon vier Wochen Urlaub am Stück krank machen. Wenn ich singe, lenke ich die Zuhörer von ihren Problemen ab - dasselbe gilt aber auch für mich! Nichts ist für mich ausgleichender, reinigender und entspannender als ein Auftritt vor Publikum. Ohne Auftritte müsste ich mir wahrscheinlich schnell die Nummer von Ronaldos Psycho-Doktor besorgen.

1982 sagten Sie dem stern: "Ich werde noch zehn Jahre singen und dann nur noch als Dirigent auftreten." Werden Sie irgendwann wie Elvis in Las Vegas enden?

Domingo: Ich stehe seit 45 Jahren auf der Bühne. Das Schwierigste dieser langen Karriere wird es sein, den Zeitpunkt auszuwählen, Good-bye zu sagen. Ich will keinen Tag länger singen, als ich sollte - aber eben auch keinen weniger! Ich werde diese Entscheidung spontan fällen. Eine Faustregel unseres Gewerbes ist: Wer dreimal hintereinander schlecht singt, hat ein gravierendes Problem. Und ich habe Gott sei Dank eine Frau, die kompetent und couragiert genug ist, um mich nach dem dritten Mal beiseite zu nehmen.

Tenöre können feine Sektgläser zersingen und bringen es beim hohen C auf 523 Stimmlippenschwingungen pro Sekunde. Caruso klagte einmal: "Beim hohen C klemme ich den Arsch zusammen und stemme drei Zentner hoch." Wie lange geben Sie Ihrem Arbeitsgerät noch?

Domingo: Die Tenorstimme bleibt ein Rätsel. Niemand kann vorhersagen, wann sie abgenutzt ist. Ich bin ein schicksalsgläubiger Mensch. In der Sekunde, in der ich nicht mehr singen kann, werde ich Gott auf Knien dafür danken, dass mein Kehlkopf nicht schon viel früher schlapp gemacht hat.

Was wird in Pavarottis Kopf vorgehen, wenn er am 7. Juli das Konzert von Ihnen dreien auf der Berliner Waldbühne am Fernseher verfolgt? (Orchester der Deutschen Oper Berlin, Dirigent: Marco Armiliato, Kartentelefon: 01805/33 24 33)

Domingo: Ich habe Luciano längere Zeit nicht gesehen, aber es gibt für ihn eigentlich keinen Grund, bitter zu sein. Er gibt ja immer noch alle paar Tage ein Konzert.

Villazón: Aber Maestro Domingo, Pavarotti wird etwas ganz Entscheidendes verpassen!

Domingo: Du hast Recht. Als der Impresario Peter Schwenkow mich fragte, ob ich erstmals gemeinsam mit Anna und Rolando singen würde, hatte ich einen Hintergedanken. Zwei Tage nach unserem Konzert findet in Berlin das Endspiel der Fußball-WM statt. Da ich seit 1982 kein WM-Finale verpasst habe, war das auch ein Grund, zuzusagen. Oper und Fußball haben viele Gemeinsamkeiten. Zum Beispiel wird in beiden Disziplinen sehr viel geschrien - in der Oper allerdings mit etwas mehr Technik.

Sven Michaelsen/print
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