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8. April 2006, 10:03 Uhr

Der Klassik-Gipfel

Ihr Leben ist Grosse Oper: Rolando Villazón, Plácido Domingo und Anna Netrebko erzählen im Gespräch mit dem stern über Abba, Aberglauben, geplatzte Hosen und den Schutzheiligen des Halses.

Eifersucht? Intrigen? Missgunst? Damit sollen sich die anderen rumschlagen. Rolando Villazón, Plácido Domingo und Anna Netrebko - hier in der New Yorker Metropolitan Opera - kennen und schätzen einander© Ethan Hill

Frau Netrebko, Herr Villazón, Herr Domingo: Der Schriftsteller Peter Handke schrieb als junger Internatsschüler an seine Mutter: "Mach dir keine Sorgen um mich. Ich werde sicher weltberühmt." Wann ahnten Sie, einmal ein Weltstar werden zu können?

Villazón: Meine Eltern konnten mit Opern ebenso wenig anfangen wie ich. Mein erstes Kunsterlebnis hatte ich mit zehn, als mein verrückter Onkel mir einen Magic Mushroom zu essen gab. Als die berauschende Wirkung des Pilzes einsetzte, las er mir Gedichte von Rimbaud vor. Da habe ich erstmals begriffen, wie Wörter Türen aufstoßen können. Von da an wollte ich immer zu den Helden der Bücher werden, die ich gerade las. Als ich mit Gandhis Memoiren fertig war, rasierte ich mir eine Glatze und kaufte eine Brille, die aussah wie seine. Nach der Lektüre von "Don Quijote" habe ich mein nagelneues Fahrrad so lange demoliert, bis es ähnlich elend aussah wie Don Quijotes Gaul Rosinante.

Netrebko: Ich habe als Zehnjährige in Krasnodar im "Palast der Pioniere" Songs von Abba im Chor gesungen. Mein Traum war es, Operetten- oder Musicalstar zu werden. Ich wollte tanzen und Spaß haben. Opernsänger waren für mich singende Brokatvorhänge. Wenn im Radio eine Oper kam, habe ich sofort einen anderen Sender gesucht. Das änderte sich erst, als ich mit 17 Verdis "Othello" sah. Das war wie ein Schock. Als der Vorhang fiel, hatte ich Tränen in den Augen. Die Oper hatte mich!

Villazón: Achtung, jetzt folgt Annas rührende Aschenputtelstory!

Netrebko: Diese Geschichte ist nicht meine Erfindung, Rolando! Es wird immer geschrieben, ich sei als trällernde Putzfrau im Marinskij-Theater in St. Petersburg entdeckt worden. Das ist natürlich Unsinn. Ich habe diesen Job nur gemacht, um gratis Proben und Aufführungen miterleben zu können.

Domingo: Ich bin von euch das einzige Theaterkind. Meine Eltern waren Sänger in Madrid, und ich habe schon als Knirps kleine Rollen gespielt. Meine Eltern haben mir nie eine andere Wahl gelassen als die Musik. Meine erste Oper habe ich aber erst mit 15 gesehen: "Tosca" mit Anita Cerquetti. Ich fühlte mich auf fast religiöse Weise berührt und dachte: "Das hier hat nichts mit dem Operettengesang deiner Eltern zu tun. Sieh zu, wie weit du in diese Wunderwelt vordringen kannst." Es gab dann aber immer wieder Phasen, in denen ich lieber Torero, Fußballprofi oder Filmschauspieler werden wollte. Mit Anfang 20 legte ich schließlich einen Eid ab: "Wenn du es bis 30 nicht geschafft hast, an der Metropolitan Opera in New York und an der Scala in Mailand zu debütieren, gibst du die Oper endgültig auf!" Ich habe dann mit 27 an der Met gesungen und mit 28 an der Scala.

Netrebko: Singen ist ein einsamer Beruf, und wir müssen leider diszipliniert leben wie Hochleistungssportler. Was Ronaldo und ich von Maestro Domingo lernen können, ist, sich mit Enthusiasmus und Leidenschaft über Jahrzehnte an der Spitze zu halten. In der Popmusik reicht es, drei Jahre lang ein Star zu sein, um in die Hall of Fame aufgenommen zu werden. Eine Opernkarriere dagegen ist ein Marathonlauf.

Domingo: Ich war nicht immer so vorbildlich. In meiner Hamburger Zeit Ende der Sechziger bin ich nach meinen Vorstellungen immer mit dem Dirigenten Nello Santi ins Hotel gefahren. Er spielte Klavier, und ich sang noch mal 24 Arien. 24! Danach sind wir in ein Restaurant gegangen und haben weitergesungen. Wenn wir ins Hotel zurückkamen, war es meist schon hell. Das war im Grunde vorsätzlicher Mord der Stimme.

Gefunden in ... Stern Stern
Ausgabe 14/2006

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