Facebook? Zeitverschwendung. Casting-Shows? Schwachsinn! Paul Weller nimmt auch anno 2010 kein Blatt vor den Mund. Anlässlich seines neuen Soloalbums spricht der "Modfather" im stern.de-Interview über den Fluch der Moderne, alte Weggefährten und den tieferen Sinn einer Schaffenskrise.

Sprüht mit 51 Jahren nur so vor Schaffenskraft: Paul Weller© Universal
Mr. Weller, zehn Solo-Alben in 18 Jahren - viele Künstler nehmen sich Auszeiten und schrauben jahrelang an ihren Platten, für Sie scheint das nicht zu gelten.
Wenn ich könnte, würde ich jedes Jahr ein Album herausbringen, aber dafür fehlt dann doch die Zeit. Wenn ich einmal nicht mehr bin, dann soll da ein ordentlicher Brocken Musik zurückbleiben. Nun läuft mir nicht gerade die Zeit weg, aber das Leben ist kurz und ich will soviel arbeiten und schaffen, wie es geht. Ich will mit meiner Musik Spuren hinterlassen.
Mit Bruce Foxton war der damalige Bassist Ihrer Band The Jam beteiligt. Wie war es, zum ersten Mal nach 28 Jahren wieder mit dem einstigen Weggefährten Musik zu machen?
Ich dachte, es könnte ein wenig merkwürdig werden. Wir würden vielleicht fremdeln nach all den Jahren, aber so war es gar nicht. Wir waren schon nervös, aber sobald die Musik lief, war alles bestens.
Dachten Sie dabei an mögliche ...
Nein.
... Schlagzeilen bezüglich einer Jam-Reunion, die diese Zusammenarbeit auslösen würde?
Na klar, daran habe ich gedacht, aber es war mir letztlich egal, und so wild war es dann auch gar nicht. Davon abgesehen gibt es die Gerüchte ohnehin mit schöner Regelmäßigkeit. Wenn sich irgendwo eine alte Band wieder zusammentut, dann wird auch immer über The Jam gemunkelt. Ich habe mich daran gewöhnt, aber es wird niemals passieren. Nicht in den letzten 28 Jahren und auch nicht in den nächsten. Never ever!
"Wake Up the Nation" ist der wohl expliziteste Titel Ihrer Soloplatten. Welchen Schlaf schläft denn da die Nation?
Es resultiert aus einer gewissen Ödnis, die ich empfinde. Niemand geht Risiken ein, alle gehen auf Nummer sicher. In der Kunst, in der Musik, im TV. Das soll gar nicht mal so sehr ein politisches Statement sein, ich frage mich einfach auch: Wo gibt es denn mal wieder neue aufregende Bands? Alle drehen auf Nonsens wie die Castingshow "X-Factor" durch. Oder verbrennen Zeit mit Schwachsinn wie Facebook. Es ist bizarr. Wo ist denn das gute, alte Telefonat geblieben? Warum ruft ihr euch nicht einfach an und sprecht mal wieder miteinander?
Sie haben selbst Kinder, sind dieser Internet-Generation damit durchaus sehr nahe. Wird das manchmal zum Problem?
Was soll ich da machen? Das ist der Gang der Dinge. Mein 4-Jähriger beherrscht schon den Computer, da kann ich dem Fortschritt dann auch nicht mehr im Weg stehen.
Selbst ich habe jetzt angefangen, SMS zu schreiben.
Wie lebt der Nachwuchs mit einem Vater, der zu den angesehensten Künstlern des Landes gehört?
Für die bin ich am Ende des Tages einfach nur Dad. Sie wissen, was ich tue. Sie kommen zu meinen Shows.