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13. September 2004, 14:28 Uhr

"Das ist der Krawczyk, der ist ja echt locker"

Das Image vom griesgrämigen Bürgerrechtler wird Stefan Krawczyk kaum los. Dabei ist der Schriftsteller und Liedermacher eigentlich ein netter Kerl, wenn er im Berliner Nachtleben nach Geschichten fischt. Von Kerstin Schneider

Der Liedermacher und Schriftsteller Stephan Krawczyk© Peter Endig/DPA

Abends, meist gegen 22 Uhr, betritt ein seltsamer Gast die "Alibi" Bar in der Berliner Oranienstraße. Ein Mann - stoppelkurzes Haar, Dreitagebart - setzt sich in die Ecke an einen Tisch und zieht zwei Blatt Klopapier aus der Hosentasche. Während er auf sein Bier wartet, knetet er mit den Fingern zwei winzige Propfen aus dem Zellstoff und stopft sie sich in die Ohren.

Der seltsame Gast ist Stephan Krawczyk ("Der Narr"). Der Schriftsteller und Sänger kommt oft in die "Alibi" Bar um hier zu schreiben. Taub sitzt er im Trubel, wartet, bis ihm Ideen für seine Bücher und Songs zufliegen. In solchen Stunden entstehen Texte wie dieser: "Deutschland ist ein reiches Land, das sehen wir alle ein. Und weil das auch so bleiben soll, da müssen Deutsche sein. Doch irgendwas im diesem Land macht's uns Deutschen schwer. Ob er nicht will, ob er nicht kann. Es kommt selten zum Verkehr."

Das Lied mit der ironisch gemeinten Aufforderung "Macht deutsche Kinder" stammt von Krawczyks neuster CD: "Heute fliegt die Schwalbe hoch". Sie ist gerade für den Preis der deutschen Schallplattenkritik nominiert worden und steht als heißer Tipp auf der Liederbestenliste, die von Musikredakteuren verschiedener Rundfunkanstalten zusammengestellt wird.

Aufgeschnappte Geschichten

Am Nebentisch gestikuliert ein junger Mann. Sein Gegenüber klopft gelangweilt auf den Tisch. Plötzlich fegt sein Zeigefinger durch die Luft. Krawczyk dichtet: "...Der eine baut mit seinen Händen ein Haus. Die anderen Hände tun so, als wären sie damit längst fertig. Während sich hier faul ein Finger hebt, haben die fleißigen Hände dort ihrem Haus ein Spitzdach mit Giebel verpasst. Der faule Finger fängt gleichmäßig zu klopfen an, klopft schneller, fährt einmal zickzack durch die Luft. Die fleißigen Hände beginnen von vorn."

Eine "Shirtstory", also keine Kurz-, sondern eine "Hemdgeschichte" ist fertig. 111 "Hemdgeschichten" will Krawczyk schreiben. 97 hat er schon - sie erinnern ein bisschen an die Gedichte des amerikanischen Kultautoren Richard Brautigan. Kleine Geschichten, aufgeschnappt in Bars, auf der Straße, oder wo sonst noch das Leben tobt. "Sie konnte ihn festhalten. Zuerst stutzte sie ihm die Flügel. Dann die Krallen. Dann die Zähne. Dann die Ohren. Dann kappte sie ihm die Achillessehnen. Dann die Kniesehnen. Dann den Mund einschließlich der Zunge. Er hatte schon darüber nachgedacht, sie zu verlassen." Der Exot aus der Zone Ungewohnte Töne vom kritischen Barden, der in der ehemaligen DDR wegen seiner regimekritischen Lieder bei der SED in Ungnade fiel, mit einem Berufsverbot bestraft und 1988 gemeinsam mit seiner damaligen Frau der Regisseurin Freya Klier in die Bundesrepublik ausgewiesen wurde. Anfänglich scharrten sich die Medien um die Exoten aus der Zone. Die Leute erkannten Krawczyk auf der Straße, wollten Autogramme vom Dissidenten. Dann wurde es still um ihn. Sehr still. Krawczyk zettelte eine Aktion gegen FCKW an. Fast ein wenig verzweifelt wirkte das. Die Aktion blieb mit ihren 300.000 Unterschriften ohne Wirkung, kriegte aber den Bundespostpreis - weil die Bürgerinitiative so viel Porto verbraucht hatte.

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