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Guns N' Roses - muss ich mir die ansehen?

Die legendäre 80er-Jahre-Rockgruppe Guns N' Roses hat sich wieder vereint und geht auf Tournee. Die stern-Autoren Hannes Roß und Jochen Siemens streiten darüber, ob man dorthin muss. 

Guns N' Roses

1993 spielten sie letztmalig zusammen, nun wollen Axl Rose und Gitarrist Slash mit ihrer Band Guns N' Roses zusammen beim Coachella-Festival auftreten.

Ja, unbedingt!
Von Hannes Roß

Wahrscheinlich ist es dieser irre Schlangentanz, dieses Schleifen der Cowboystiefel über den Boden, während die Arme dabei ausgebreitet in der Luft schweben. Als ich 13 war, wollte ich so tanzen können wie Axl Rose im Video "Patience". Axl Rose sah damals aus wie ein hübsches rothaariges Mädchen. Weiche, feine Gesichtszüge. Auf dem Kopf eine umgedrehte Cappy und ein blaues Stirntuch darunter. Seine Art, sich zur Musik zu bewegen, hatte etwas Magisches, was es einem unmöglich machte, nicht hinzugucken und völlig hingerissen zu sein.

Niemand auf der Welt - außer Axl Rose - konnte so herum rennen und so tanzen, ohne dafür ausgelacht zu werden. Das merkte ich ziemlich schnell, bei meinen kläglichen Nachahmungsversuchen unter starkem Alkoholeinfluss auf den ersten Guns N' Roses-Kellerpartys. Gerade war ihr Debüt-Album "Appetite For Destruction" erschienen. "You know, where you are? You’re in the jungle, Baby, you’re gonna die“, kreischte Axl Rose wie eine Kreissäge im Intro von "Welcome To The Jungle" - und ich, der kleine Vorstadtspießer aus Hamburg-Niendorf, träumte plötzlich von Los Angeles, diesem schmutzigen Rock-Moloch aus dem die Junkie- und White-Trash-Band Guns N' Roses gekrochen war.

Guns N' Roses waren die letzte große Rockband, der es nicht in irgendeiner Form peinlich war, eine Rockband zu sein. Nach ihnen kam Kurt Cobain, ein introvertierter Grunge-Klemmi im Baumfäller-Hemd, der sich zeitlebens für den Ruhm schämte, den er zuvor gesucht hatte. Axl Rose, Slash, Duff, Izzy und Steven Adler waren anders. Sie kamen aus dem Dreck und nahmen alles mit, was sie kriegen konnten. Auf ihren Konzerten gehörte es zum festen Ritual, dass sie sich von ihren weiblichen Fans die Brüste zeigen ließen, um die schönsten davon danach hinter die Bühne zu holen. "Take me down to the paradise city, where the grass is green and the girls are pretty." Sie lebten den Größenwahn, von dem sie sangen. Mit Stripperinnen als Freundin, Hollywood-Villen mit Fuhrpark, Jack Daniel's zum Frühstück und Koks zum Dessert. Geld genug hatten sie ja, 30 Millionen Mal verkaufte sich allein ihr erstes Album.

Nun scheinen Guns N' Roses wieder Geld zu brauchen. Nachdem sie zuletzt 1993 in der Originalbesetzung spielten, haben sie nun einige Konzerte in den USA bestätigt, auch nach Deutschland sollen sie in diesem Sommer kommen. Es ist die Rede von 2,7 Millionen Euro, die sie pro Auftritt kassieren. Die Tickets soll es ab 250 Euro geben. Axl Rose sieht jetzt nicht mehr aus wie ein hübsches rothaariges Mädchen, sondern wie eine Mensch gewordene fette Wachsfigur, wie ein runtergerockter Autobahn-Typ, den man um sieben Uhr morgens auf einer LKW-Raststätte am Kasseler Kreuz beim Schnitzel-Essen beobachten kann. Ist mir aber egal. Er wird endlich wieder neben Slash auf der Bühne stehen. Und wenn ich Glück habe, wird der dicke Axl Rose auch noch einmal seinen Schlangentanz wagen. Es wird kein schöner Anblick werden, ganz sicher nicht, aber was tut man nicht alles dafür, um alte, goldene Jugend-Erinnerungen aus der Versenkung zu heben.


Nein, bitte nicht!

Von Jochen Siemens

Es gibt ja diese Frage, die fast ein Partyspiel ist: "Wärst du gerne nochmal 20, 25 oder 30?" Die Antwort ist immer gleich: "Ja, aber mit dem Wissen von heute." Nun, was heißt die Antwort eigentlich ganz genau? Körperlich wäre jeder von uns ganz sicher lieber nochmal 20, 25 oder 30. Fitter, schneller, keine Brille und so weiter. Aber seelisch und geistig? Hhhm. Die ganze schöne Aufgeregtheit des jungen Lebens nochmal? Das ganze Probieren, Versuchen, Lernen, Irren, die Moden, die Drogen, die ganzen Dummheiten die man gemacht hat, nochmal? Oder immer noch? Das ist ein bisschen so wie die Rock-Opas, die man manchmal auf der Straße sieht und die von ihren langen Haaren nicht lassen wollen, auch wenn die einstige Mähne heute nur noch ein dünner, grauer Pinselzopf im Nacken ist. Es gibt im Leben Dinge, Haltungen, Vorlieben und eben Moden, die nur zu bestimmten Jahren passen. Es gibt diesen Satz "wer mit 20 kein Kommunist ist, hat kein Herz; wer es mit 40 immer noch ist, hat keinen Verstand." Und hier kommen wir zu Guns N' Roses.
Als jetzt die Nachricht kam, Guns N' Roses werden im Sommer wieder auftreten, 20 Jahre nach ihrer Trennung, war die tödlichste Frage: Warum? Sie ist deshalb tödlich, weil es keine Antwort gibt, außer vielleicht viel, sehr viel Geld. Aber das ist keine Rock'n'Roll-Antwort, sondern eine Rolling-Stones-Antwort. Ganz im Ernst, es gibt keinen Grund, warum Guns N' Roses nochmal auf die Bühne sollten. Alles, wirklich alles, was die Band einmal großartig, wichtig und epochal machte, ist heute museal. 1990 bis 1996 waren die GnR-Jahre, Axl Rose und Slash waren die Piraten einer, ihrer, unserer Generation. Ihre Musik, ihre Haltung, ihr mal wüstes, mal romantisches Gerotze war das letzte Aufbäumen, der letzte Arschtritt, den man einer Gesellschaft gab, bevor man selbst Teil von ihr wurde. Mit "I'm on the nightrain, bottoms up I'm on the nightrain" im Ohr trat man damals, "fuck", die Tür des Establishments aus erster Anstellung, Ehe, Familienwagen und Latte Macchiato wenigstens erhobenen Hauptes und Wildheit im Herzen, ein. Andere taten das mit gesenktem Haupt und vielleicht den Pet Shop Boys im Ohr und ..., keine Ahnung, nie wieder gesehen. Dass Axl Rose damals schon wie Richard Clayderman am Klavier auch einen Blödsinn wie "November Rain" sang, zeigte ja auch, dass der Pirat ein Herz aus Alete hatte.
Heute sind alle bei Guns N' Roses über 50. Axl Rose, wenn die Bilder stimmen, ist fett geworden, Slash trinkt und raucht nicht mehr, was alles okay ist, weil jeder irgendwann aufhört, sich selbst zu zerstören. Es wird wohl knirschen und ächzen, wenn sie auf die Bühne gehen. Was ja auch noch okay ist, wir knirschen und ächzen ja auch manchmal. Aber dann werden sie spielen. Und zerstören, was sie mal waren. Ihre und unsere wüsten Jahre. Weil man im Kopf eben nicht nochmal 20, 25 oder 30 sein kann. 

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