Vor dem Konzert in Berlin boten die Brachialrocker von Rammstein ihren Fans ein ganz besonderes Spektakel: Sie ließen sich medienwirksam zu Grabe tragen. Von Ulla Scharfenberg

Die Totenmasken der Rammstein-Bandmitglieder im Mausoleum© Thomas Peter/REUTERS
Für das angekündigte Spektakel wurde extra die "blaue Stunde" ausgewählt, der Himmel ist kurz vor Sonnenuntergang in tiefes Blau getaucht. Pressevertreter und einige Hundert Fans warten auf dem Gelände der O2-World in Berlin-Friedrichshain. Am Abend wird hier Rammstein auftreten, eine Band, die für ihre spektakulären Bühnenshows bekannt ist und mit ihrem düsteren Brachialrock Fans in aller Welt begeistert.
Für das Konzert in ihrer Heimatstadt haben sich die Rocker etwas ganz besonderes ausgedacht. Auf dem Vorplatz der Multifunktionshalle steht ein geheimnisvoller schwarzer Quader, rund 25qm Grundfläche, gutgemachtes Marmorimitat. "Made in Germany" steht in goldenen Lettern neben einer ebenfalls goldenen Gittertür. Lose darum verteilt, haben sich Fackelträger postiert, vermutlich nicht hauptberufliche, sie scheinen sich im Zentrum der Aufmerksamkeit nicht so recht wohlzufühlen. Um kurz vor vier ertönt Musik aus den Lautsprechern, "Mein Herz brennt", vom Erfolgsalbum "Mutter". Dann geht ein Raunen durch die Menge, die ersten haben die Kutsche erblickt. Ein Leichenwagen aus dem frühen 19. Jahrhundert nähert sich, gezogen von vier Pferden und begleitet von Männern mit würdevollen Mienen. Dem Wagen voraus geht ein Herr im knielangen Fellmantel, es ist Holger John, der Künstler, der die ganze Show inszeniert hat.
Im offenen Leichenwagen sind die Totenmasken der sechs Bandmitglieder aufgestellt, einfache weiße Gipsskulpturen, die sich auf den ersten Blick gar nicht so richtig unterscheiden lassen. Eine nach dem anderen wird ins "Mausoleum" getragen, wo sie zwischen brennenden Kerzen auf Säulen gestellt werden. Blitzlichtgewitter für die Männer in Schwarz, die sich bemühen andächtige Gesichter zu machen. So richtig stimmungsvoll ist das irgendwie dann doch nicht, das mag aber auch an der Horde von Fotographen liegen, die sich auf einer echten Totenfeier ganz sicher nicht so verhalten würden.
Anlass der mystisch-kruden Inszenierung ist die Veröffentlichung vom Best-Of-Album "Made in Germany 1995 - 2011". Pünktlich zum Weihnachtsgeschäft kommt die Rammstein-Werkschau mit 15 Hits und einem neuen Song, "Mein Land", auf den Markt. Zudem tourt die Rockgruppe gerade durch Deutschland und die Nachbarstaaten. Von insgesamt 15 Konzerten finden vier in Berlin statt, zwei an diesem Wochenende, ausverkauft ist keiner der Hauptstadt-Gigs.
Die großen Skandale liegen einige Jahre zurück, es ist ruhig geworden um die sechs Rocker aus Ostberlin, das letzte Album ist schon über zwei Jahre alt. Immer wieder schaffte es Rammstein in die Schlagzeilen. Schon der Name selbst sorgte für Diskussionsstoff, erinnert er doch stark an das Flugschau-Unglück 1988 im westpfälzischen Ramstein, bei dem 70 Menschen starben. Gezielte Provokationen und bewusste Tabubrüche bilden die Grundlage des internationalen Erfolgs. Die Verherrlichung von (sexueller) Gewalt in Texten und Darstellungen führten zwar hin und wieder zur Indizierung einzelner Lieder oder Videos, kurbelten aber auch die Verkaufszahlen mächtig an. Im Sommer 2009 stieg "Pussy" auf Platz Eins der Charts ein, als erste Rammstein-Single überhaupt. Im Text heißt es "Schönes Fräulein, Lust auf mehr / Blitzkrieg mit dem Fleischgewehr / Schnaps im Kopf, du holde Braut / Steck Bratwurst in dein Sauerkraut". Das dazugehörige Video darf nur zensiert im Fernsehen ausgestrahlt werden, den explizit pornographischen Clip sahen sich aber Millionen Menschen im Internet an.
Die Fans in Berlin dürfen jetzt, einer nach dem anderen, das "Mausoleum" betreten, in einer langen Schlange aufgereiht, warten sie auf ihren großen Moment. Die erste, die sich ins "Kondolenzbuch", im Inneren des Quaders, einträgt, erzählt sie habe durch Rammstein Deutsch gelernt und sie hofft, dass diese Totenfeier nicht das Ende ihrer Lieblingsband bedeutet. Florian (22) ist für seinen Freund Sven gekommen, "den größten Rammstein-Fan der Welt", der es nicht geschafft hat, selbst vor Ort zu sein. Florian, der aus dem Wendland "vor dem Castor nach Berlin geflohen ist", wird sich das Konzert heute nicht ansehen, er hat Karten für den Auftritt am Montag in Hamburg. Es sind überwiegend junge Menschen, die dem Spektakel beiwohnen, die meisten schwarz gekleidet, viele mit Fan-Equipment ausgestattet. "Ganz normale Leute", die sich auf das Konzert ihrer Lieblingsband freuen also. Sollte man denn Anderes erwartet haben?
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