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"Ich habe Sex und Kaffee"

Zusammen mit Jim Morrison gründete er 1965 die Doors. Nun bringt Ray Manzarek das Gesamtwerk der Band neu heraus. Im stern-Interview erzählt der Musiker von den wilden 60er Jahren, der trüben Gegenwart - und warum die Zukunft besser wird.

Von Carsten Heidböhmer

Ray Manzarek, Keyboarder von den Doors

Mitbegründer der Doors: Ray Manzarek bei einem Konzert 2004

Gleich mit ihrem Debütalbum spielten sich die Doors 1967 über Nacht in die erste Liga der US-Musikszene und entwickelten sich zu einer der einflussreichsten Musikbands der 60er Jahre. Gegründet wurde die Gruppe 1965 von den beiden Filmstudenten Ray Manzarek und Jim Morrison. Zusammen mit Gitarrist Robby Krieger und dem Schlagzeuger John Densmore erspielte sich das Quartett schnell einen Ruf als legendäre Live-Band und wurde 1966 von dem kalifornischen Label Elektra Records unter Vertrag genommen. Der Sound der Gruppe war stark von Manzareks eindringlichem Orgelspiel und Jim Morrisons dunkler, sonorer Stimme geprägt. Vor allem aber seine charismatische Ausstrahlung und sein exzessiver Lebensstil entwickelten sich zum Markenzeichen der Band.

Bis zu ihrer Auflösung 1971 veröffentlichten die Doors sechs Studioalben, die nun neu abgemischt wieder aufgelegt werden. Parallel dazu erscheint eine neue Hit-Sammlung: "The Very Best Of" gibt es in zwei Ausführungen: Die "1-CD Edition" umfasst 20, die Doppel-CD 34 Songs. Das Interview fand kurz vorher statt.

Guten Morgen Ray Manzarek. Bei Ihnen in Los Angeles ist es gerade 9.30 Uhr morgens. Ziemlich früh für einen Rockstar. Führen Sie kein Rock'n'Roll-Leben mehr?

Doch, meine Frau und ich sind jede Nacht auf und machen Party. Ich bin heute nur so früh wach, weil ich wusste, dass Sie anrufen. Normalerweise würde ich natürlich noch schlafen - ich bin ja ein Rockstar!

Die Doors hatten immer das Image, ein Leben mit Sex, Drugs & Rock'n'Roll zu führen. Traf dieses Image zu?

Ja, absolut. Es triff immer noch zu. John Densmore zum Beispiel hält noch immer viel von Sex und Drogen.

Was ist mit Ihnen?

Ich auch. Ich habe Sex und Kaffee.

Sonst noch was?

Und Wein! Mein Gott, ich trinke viel Wein! Obwohl ich 68 Jahre alt bin, bin ich noch immer ein wildes und verrücktes Tier.

In den 60er Jahren war die Presse immer auf das wilde Leben von Jim Morrison fixiert. War das ein Problem für die anderen Bandmitglieder?

Ja, wir hatten ein Problem, mit ihm mitzuhalten. Wir haben es versucht, aber er war so wild und feierte so hart, dass wir davon müde wurden. Jim wurde dagegen nie müde, er machte immer weiter. Er war dionysisch, wie die Griechen sagen würden.

Aber war es nicht gerade diese Mischung zwischen dem ungezügelten, dionysischen Jim Morrison und den gemäßigten, apollinischen Rest der Band das Erfolgsgeheimnis, das die Doors bis heute erfolgreich macht?

Ja, das glaube ich. Es war der dionysische Wahnsinn von Jim Morrison und die apollinische Ordnung der Bandmitglieder. Genau davon sprach der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche in "Die Geburt der Tragödie": Der Künstler muss die Vermählung des Dionysischen und des Apollinischen vollziehen. Genau das haben die Doors getan.

Ist die Band in dem Moment zerbrochen, wo sie die Balance zwischen diesen Polen nicht mehr halten konnten?

Ja. Und dann starb Morrison. Wir konnten die Balance nicht mehr halten, und er starb. Er starb in einem dionysischen Traum in Paris - wild und verrückt. Aber was für ein Leben! Alle Ihre Leser sollten einmal im Leben ein solch wildes und verrücktes Tier treffen. Es war so viel Freude.

Immerhin kenne ich zahlreiche Menschen, die auf den Pariser Friedhof Père Lachaise gepilgert sind, wo Jim Morrison begraben liegt.

Sehr gut (lacht). Das habe ich auch gemacht. Auch John Densmore und Robby Krieger waren da. Wir alle lieben Jim Morrison und vermissen ihn sehr.

Zusammen mit den beiden anderen verbliebenen Doors veröffentlichen Sie dieser Tage die sechs Studio-Alben der Doors und eine neue Hit-Compilation. Gibt es noch Menschen auf diesem Planeten, die kein Doors-Album besitzen?

Natürlich! Viel mehr Menschen besitzen Platten von Kiss als von den Doors.

Sind Sie da sicher?

Kiss ist viel größer als die Doors. Viel wichtiger, und viel populärer. Klar, es gibt viele Menschen, die Doors-Alben besitzen. Auch in Deutschland. Deutschland und die Doors - mein Gott! Bertolt Brecht und Kurt Weill. Deutsche Musik und Doors-Musik ist praktisch identisch. Als ich in den 60er Jahren zusammen mit Jim Morrison in L.A. am College studierte, hatten wir einen Kurs bei Joseph von Sternberg, dem großen Regisseur von "Der blaue Engel". Dieser Film - das war deutsche Philosophie von Friedrich Nietzsche mit deutscher Musik. Natürlich Beethoven und deutsches Kino. Das war sehr wichtig für uns.

Wollen Sie damit sagen, dass die Doors von deutscher Kultur beeinflusst waren?

Absolut. Von deutscher Kunst. Und von Bauhaus.

Was ist der Grund für die zeitlose Popularität der Doors?

Gute Musik. Wir waren nicht einfach ein paar Hippies, die herumgenudelt haben. Unsere Songs sind gut komponierte Musikstücke, und sie sind absolut wild und verrückt. Die Doors repräsentieren Freiheit. Wir verlangen vom Hörer, sich über Kirche, Staat, Schule und Familie zu erheben und frei zu werden. Das ist natürlich nicht leicht. Aber die Doors sagen dir: Komm mit uns! Lass all das hinter dir und werde ein freier Mensch auf dem Planeten Erde.

Als die Doors 1967 ihr erstes Album veröffentlichten, waren US-Truppen in einen blutigen Krieg auf einem anderen Kontinent verwickelt. Heute befinden sich die USA in einer ähnlichen Situation - aber junge Menschen rebellieren nicht in dem Maße gegen den Krieg, wie sie es vor 40 Jahren getan haben. Woran liegt das?

Sie nehmen kein LSD.

Sie glauben wirklich, das hilft?

Sie nehmen gar nichts: Keine Pilze, kein LSD - die Leute haben Angst, ihre Pforten der Wahrnehmung zu öffnen. Denn wenn sie das täten, wäre niemand da, der ihnen hilft. Sie wären ganz allein, frei. Dann könnten sie sagen: Stoppt den Krieg. Aber momentan haben sie davor Angst. In Amerika haben wir alle Angst vor George Bush. Aber es ist fast vorbei. Das Blatt wendet sich gerade. Ich freue mich auf die Zukunft, das neue Zeitalter der Liebe.

Wollen Sie damit sagen, dass sich die Ideale der 60er Jahre von Love and Peace im neuen Jahrhundert erfüllen werden?

Ja, es wird um 2012 losgehen. Dann endet ein Zyklus im Maya-Kalenders, der Maya aus Mexico. Der Maya-Kalender bewegt sich in großen Zyklen von 700 Jahren. Viele Menschen befürchten, dass damit das Ende der Welt eintritt. Aber natürlich ist das nicht der Fall. Es wird das Ende des jüdisch-christlich-muslimischen Zeitalters sein. Wir beginnen gerade, die vorherrschende Religiosität hinter uns zu lassen.

Funktioniert die Musik der Doors ohne Drogenkonsum?

Natürlich. Für mich sind allerdings LSD oder Pilze keine Drogen. Man nimmt ein paar Blätter, trocknet und raucht sie. Sind das Drogen? Damit öffnet man die Pforten der Wahrnehmung. Drogen sind für mich Heroin, Kokain und Crystal Meth.

Die Doors wurden in den 90er Jahren durch den Film von Oliver Stone populär. Sie mochten den Film damals nicht. Warum?

Der Film war kein Porträt von Jim Morrison, sondern von Oliver Stone als Rockstar. Der Mann im Film ist nicht der, mit dem ich Musik gemacht habe, er hat keine Selbstkontrolle. Jemand hat mich gefragt: Wie konntet ihr in dem Zustand jemals Musik machen? Im Film sieht man nur betrunkene Wildheit. Jim Morrison war viel intellektueller. Wie nüchterner, viel intelligenter. Am schlimmsten ist: Im ganzen Film lacht niemand. Niemand scheint eine gute Zeit zu haben. Aber das waren die Sixties - wir haben damals sehr viel zusammen gelacht. Wir hatten eine gute Zeit mit den Doors. Der Film verkehrt diese Zeit in ihr Gegenteil.

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Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo

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