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Fünf Noten, die die Welt erschüttern

"Satisfaction", der Welthit der Rolling Stones, feiert 50.Geburtstag. Unser Autor hat zurückgeblickt auf die Entstehungsnacht 1965. Und aufgeschrieben, warum der Song zu dem wurde, was er heute ist.

Von Jochen Siemens

Auch heute muss auf einem Rolling-Stones Konzert einmal "(I can't get no) Satisfaction" gespielt werden.

Auch heute muss auf einem Rolling-Stones Konzert einmal "(I can't get no) Satisfaction" gespielt werden.

Es war die Nacht, von der ein Mädchen sagte, dieser Irre mit den blonden Haaren habe sie geschlagen und vergewaltigt. Das Mädchen weinte und hatte blaue Flecken am Körper. Ein Mann, der Mike Dorsey hieß, stürmte in das Zimmer des blonden Irren und brach ihm zwei Rippen. Der Blonde musste ins Krankenhaus.

Es war eine Nacht im Mai 1965 im Fort Harrison Hotel in Clearwater in Florida. Der irre Blonde war Brian Jones von den Rolling Stones, der damals jungen britischen Band, die zum ersten Mal in den USA auf Tournee war. Es war die Nacht, in der ein anderer der Rolling Stones vor dem Einschlafen auf seiner Gitarre herumspielte, ein paar Minuten davon mit seinem Philips-Kassettengerät aufnahm und dann einschlief. Auf dem Band, so sagte er später, sei lange sein Schnarchen zu hören gewesen. Aber eben auch das: "Da-daaa-da-da-daa-da-daaa…", Gitarrenakkorde, später auch Riff genannt.

Rolling-Stones-Gitarrist Brian Jones 1969. Fünf Jahre nach "(I Can't Get No) Satisfaction" drängen die Stones ihn wegen seiner Alkohol- und Drogenprobleme zum Ausstieg. Wenige Wochen später liegt er tot in seinem Swimmingpool.

Rolling-Stones-Gitarrist Brian Jones 1969. Fünf Jahre nach "(I Can't Get No) Satisfaction" drängen die Stones ihn wegen seiner Alkohol- und Drogenprobleme zum Ausstieg. Wenige Wochen später liegt er tot in seinem Swimmingpool.

Mick, du musst dir einen Text einfallen lassen

Nur mäßig irritiert von dem Krankenwagen vor der Tür, dem schreienden Mädchen und dem Chaos auf den Gängen, schlurfte der Mann, der Keith Richards hieß, mit dem Tonband am Morgen in das Zimmer seines Freundes Mick Jagger und spielte ihm den Akkord vor. "Mick, das ist ein Song glaube ich, du musst dir einen Text einfallen lassen, nenn es wie diese Zeile aus dem Chuck-Berry-Lied 'Thirty Days'. Was singt er da noch? 'I can't get no satisfaction' glaube ich."

Und Mick schrieb. Mit einem Stift auf Papier, schnell, wie er immer schrieb. Er ratterte in Zeilen herunter, was ihm durch den Kopf ging. Zum ersten mal in Amerika, all die Werbung und die Nachrichten im Radio, die kreischenden Mädchen, die blütenweißen Hemden von Männern, die andere Zigaretten rauchten als er und überhaupt – die ganzen nutzlosen Informationen – alles zu viel und unmöglich, zufrieden zu sein. Es war genauso rau und hingerotzt wie das Gitarrenspiel , der noch sagte, sie könnten es ja mal im Studio aufnehmen und dann in Ruhe bearbeiten, sein Riff sollte dann von Bläsern gespielt werden, mit der Gitarre würde es ja wie diese Westcoast-Scheiße klingen.

Eine Art Marseillaise der späteren 68er

Am 10.Mai 1965, also vor genau 50 Jahren, spielten die Rolling Stones in einem Chicagoer Studio eine Reihe von Songs ein, ganz am Schluss auch noch dieses "Satisfaction" bei dem Richards zum ersten mal eine "Fuzz Box" benutzte, ein Pedal mit dem die Gitarrenklänge technisch verzerrt wurden und metallisch knarriger klangen. Aber alles nur ein Versuch, den richtigen Sound würden sie später machen. Brian Jones war gar nicht dabei, die Rippen, die Drogen und so. Heute kann man sagen, es war die Geburt eines der mächtigsten Songs der Welt. "(I can't get no) Satisfaction" wie der Titel genau hieß, war die akustische Granate die den bis dahin jugendlichen Traum von einer besseren Welt zu einer Revolte werden ließ, es war eine Art Marseillaise der späteren 68er Generation, Taktgeber, Einpeitscher und Hymne. Oder wie "Newsweek" später schrieb "fünf Noten, die die Welt erschütterten."

Diese fünf Noten kamen noch im Mai 1965 in den USA aus jedem Radio ohne das die Stones es vorher wussten. Ihr Manager Alan Klein hatte das eigentlich unfertige Lied an die Radiostation geliefert, die Stones selbst hörten es im Autoradio und Keith Richards war sauer. Er mochte "Satisfaction" nicht, er mag es bis heute nicht besonders. "Wir haben es lange Jahre nicht live gespielt, erst als Otis Redding eine Version davon machte, in der Bläser das spielen, konnte ich mich damit anfreunden", so Richards. Bis heute ist ein Stones-Konzert kein Stones-Konzert wenn "I can't get no…" fehlt. Andy Warhol notierte damals "es war der Sommer von 'Satisfaction' – die Stones dröhnten aus jeder Tür, jedem Fenster, jedem Schrank und jedem Auto. (…) Du wusstest, dass es 'Satisfaction' war, bevor ein Bruchteil der ersten Note gespielt war."

Es gibt etliche bessere Lieder

"Satisfaction" raste um die Welt und in die Charts, aber mehr noch wurde es zum Symbol einer moralischen, politischen und ganz individuellen Unzufriedenheit mit den Verhältnissen. Der Stones-Biograf Philip Norman schrieb später von einem Popsong der sich vom "Vokabular der jugendlichen Schwärmerei verabschiedete und Worte wählte, die von Sex erzählen." Es gibt in der Geschichte der Musik etliche bessere Lieder, aber es gibt keinen Song, der so allgegenwärtig wurde. Bis heute? Nun ja. Das rebellische Feuer von einst ist längst erloschen, nichts an den "Satisfaction"-Zeilen kann heute noch zünden, es ist eigentlich nur eine symbolische Erinnerung, dass die Zeiten mal wilder waren und schon ein Song zum Aufruhr in den Köpfen taugte.

"Satisfaction" ist von unzähligen Musikern gespielt worden, es gibt gute, weniger gute und alberne Versionen zu denen das dämlich gehauchte "Satisfaction" von Britney Spears gehört. Es gibt Punk-, Elektro -, Bossa Nova- und klassische Orchesterversionen, kein Song ist bei "Spotify" so verschieden zu finden wie dieser. Gespielt wird er immer noch in Oldie-Radiosendern und auf Ü50-Partys, wo Männer mit Bäuchen die Luftgitarre fuchteln, Frauen hopsen und alle dann den Refrain "Satisfaction" brüllen. Tanzen kann man zu "Satisfaction" in Wahrheit nicht.

Zwei Jahre nach "Satisfaction" brachten die Stones ihren Song "Jumpin Jack Flash" heraus und wer hinhört, erkennt nach einigen Takten wieder das "Da-da-da-daa-da-da-daa", ein Riff das sich auffällig ähnelt. "Ja,", sagte Keith Richards einmal heiser zwischen zwei Zigaretten lachend, " 'Jumpin Jack' ist wie 'Satisfaction', nur rückwärts gespielt. Wenn ich mich richtig erinnere."

Das Fort Harrison Hotel in Clearwater gibt es noch. Es gehört heute der Scientology-Sekte.

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