Marilyn Monroes Wiedergeburt, Entwicklungshelferin, New Yorker It-Girl und Woody-Allan-Muse. Wer zum Teufel ist eigentlich Scarlett Johansson? Jetzt singt sie auch noch. Keine seichten Pop-Perlen, sondern Säuferhymnen von Tom Waits. Im Interview mit stern.de erklärt die zarte Blonde mit der Whiskeystimme, warum. Von Katharina Miklis

Kneipentour mit Scarlett Johansson: Für "Anywhere I Lay My Head" coverte die Hollywood-Schönheit Klassiker ihres Idols Tom Waits© Dave Sitek/Warner Music
Scarlett Johansson kann nicht singen. Das stellte sie zum ersten Mal vor fünf Jahren unter Beweis - in Sofia Coppolas Film "Lost in Translation". Da war jedoch schon alles zu spät. Die Welt lag ihr zu Füßen. Der fürchterliche Gesang in der Tokioter Karaoke-Bar machte sie nur noch bezaubernder. Wie alles, was darauf folgte. "Das Mädchen mit dem Perlenohrring", "Match Point", "Die Insel", "Scoop"... Und lauscht man nun ihrem ersten Album "Anywhere I Lay My Head" wird klar: Keiner kann so schön nicht singen wie Scarlett Johansson.
Heute, im stern.de-Interview, lacht die 23-Jährige über die Szene mit Bill Murray in "Lost in Translation". "Da sang ich halt wie jemand, der mit Alkohol intus in einer Karaoke-Bar singt". Ihr Album "Anywhere I Lay My Head", das die New Yorkerin jetzt herausgebracht hat, hat nichts von all dem. Kein zartes Stimmchen. Keine glitzernden Discokugeln. Statt dessen raue Sauf- und Verzweiflungssongs eines Mannes, der von vielen für nicht nachsingbar gehalten wurde. Bis jetzt. Scarlett Johansson singt Tom Waits. Ausgerechnet. Die Schöne und das Biest.
Sie hätte es sich auch leichter machen können. So wie Paris. Oder Lindsay. Aber Scarlett wollte nicht einfach nur ein belangloses Popalbum machen. Und auf ihre "Kolleginnen" angesprochen, reagiert sie im stern.de-Interview auch etwas reserviert. Auf diese Schiene wolle sie gar nicht erst. Bitte keine Vergleiche auf diesem Niveau. Und überhaupt: Themenwechsel.

Schauspielerin, Sängerin, Model und Gutmensch: Scarlett Johansson auf der Berlinale© Picture-Alliance/DPA
Okay, reden wir über Tom Waits. Den Mann, dessen Songs Johansson auf ihrem ersten Album covert. Den - mit Verlaub - Besoffski des Folk. Das Raubein des Rock. Ein Melancholiker vor dem Herrn. Bevor man "Anywhere I Lay My Head" zum ersten Mal in den CD-Player schiebt, fragt man sich schon, wie diese junge, zarte New Yorker Hollywood-Schönheit, die für Edel-Handtaschen und Parfums wirbt, von derartiger Verzweiflung, vom Suff, von der Hoffnungslosigkeit und den Abgründen der Gesellschaft singen kann, ganz wie das Gossen-Raubein Tom Waits. Dieselbe Scarlett, die über die roten Teppiche dieser Welt flaniert und gerade so glücklich verliebt ist, in ihren Verlobten Ryan Reynolds. Braucht man dafür nicht gewisse... Erfahrungen? Immerhin singt sie in Songs wie "I wish I was in New Orleans" davon, andere unter den Tisch zu trinken. "Wollen Sie etwa wissen, ob ich eine heimliche Alkoholikerin bin?", fragt Scarlett Johansson empört - und bricht kurz darauf in Gelächter aus. "Hängt vom Tag ab...", scherzt sie.
"Nein, da steckt ja viel mehr drin. Man stellt sich Leute vor, die in einer Bar sind und einen draufmachen und dieses Erlebnis teilen." Aber muss man nicht einen gewissen Grad an Traurigkeit und Verzweiflung besitzen, um Tom Waits singen zu können, den Godfather aller Melancholie? Muss man nicht etliche Tiefen durchlebt und unzählige Nächte durchzecht haben? Nein, muss man nicht, sagt Scarlett Johansson. "Seine Songs sind nicht nur melancholisch, sondern zeigen viel mehr. Gefühle sind nun mal so komplex. Jeder, der emotionale Intelligenz besitzt und sich seiner Gefühle bewusst ist, kennt genauso gut Melancholie und Freude". Johansson verfiel bei den Aufnahmen in einem Studio in Louisiana nicht in Waits'sche Endzeitstimmung. "Ganz im Gegenteil. Ich war glücklich! Ich fühlte mich sehr frei, kreativ, in einem wunderschönen, fast idyllischem Umfeld mit Menschen, die inzwischen meine Freunde geworden sind."
"Anywhere I Lay My Head" ist eine Liebeserklärung an Tom Waits. So viel ist klar. "Er hat eine unglaubliche Karriere hingelegt und so viele wunderschöne, poetische und melodische Songs geschrieben", erklärt Johansson. "Für mich sind das moderne Klassiker; wie die Songs von Cole Porter. Ich habe eine persönliche Beziehung zu seinen Songs, wie jeder Mensch, der Musik liebt. Toms Songs beschäftigen sich mit der menschlichen Natur, mit Dingen, die uns allen widerfahren und die wir lieber zur Seite schieben. Und er besingt starke Charaktere."
Aber es ist mehr als nur das. Scarlett Johansson will weg. Weg von dem Image der blonden Leinwanddiva à la Greta Garbo. Weg von Glamour-Girl-Image, das ihr wegen der Werbeverträge mit Luis Vuitton, Calvin Klein und L'Oreal anhaftet. In US-Medien musste sie sich in der letzten Zeit gar einige wüste Beschimpfungen gefallen lassen. Unter anderem wegen den vielen Liebschaften, die ihr nachgesagt werden, mit Benicio del Toro oder Josh Hartnett. Dabei hasst sie, die wir hier zu Lande als "Vollweib" titulieren würden, anorektische Frauenbilder genauso wie den Party-Lifestyle der It-Girls. "Ganz ehrlich: Ich weiß nicht, wie jemand überhaupt auf so eine Idee kommen kann" empört sie sich im Gespräch mit stern.de über die Vorwürfe, sie sei ein männermordender Vamp. "Diese Menschen kennen mich doch gar nicht. Ich lebe nicht auffällig, sondern eher zurückgezogen! Aber wir leben nun mal in einer Zeit der Blogs, wo sich Leute Luft machen können und neben Bewunderung auch jede Menge Hass verbreiten. Ich versuche einfach, so etwas nicht wahrzunehmen. Das ist nur Klatsch und Tratsch."
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"Anywhere I Lay My Head" Scarlett Johansson haucht, spricht und singt Tom Waits und erinnert dabei an Velvet-Underground-Sängerin Nico. Auch David Bowie und "Yeah Yeah Yeahs"-Gitarrist Nick Zinner sind auf dem Album zu hören. Für "Anywhere I Lay My Head" hat Johansson ihre Lieblingssongs aus dem Gesamtwerk des 58-jährigen Kaliforniers Waits herausgesucht. David Siteks bombastisches Noise-Pop-Gewand umhüllt die raue Whiskeystimme Johanssons und ist ganz anders als erwartet - und deswegen grandios. (Warner)