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Der Autist und die Emotion

Christopher von Deylen startete 1999 sein Musikprojekt Schiller. Mit "Tag und Nacht" legt er nun sein viertes Album vor. stern.de sprach mit ihm über seinen poetischen Namensvetter, "Anstrebenswertigkeit" und die große Liebe.

Herr von Deylen, warum heißt Ihr neues Album "Tag und Nacht"?

In diesem Fall hat sich alles Musikalische ziemlich kontrastreich und vielfältig gestaltet - ein Unterschied wie Tag und Nacht sozusagen. Aber das Album lebt nicht nur von Kontrasten, sondern auch von Verbindungen ("Dämmerung", "Die blaue Stunde").

"Die Nacht...du bist nicht allein" wird von Thomas D interpretiert. Wie kommt es, dass Sie sich Stimmen aus der HipHop-Szene geholt haben?

Ich sehe Thomas D nicht als HipHopper, sondern eher als Künstler und Pop-Philosophen. Er ist ja kein HipHop-Performer, wenn er solo auftritt, sondern es ist wirklicher Sprechgesang, was er macht. Seit fünf Jahren versuchte ich, den Kontakt zu ihm herzustellen und mir dazu musikalisch etwas einfallen zu lassen. Die Zusammenarbeit hat mich gereizt, weil ich seine Stimme mag und seine Art zu texten sehr schön finde.

Worauf haben Sie besonders Wert gelegt?

Ich wollte alles bisher Gemachte ein bisschen in Frage stellen, den Stil besonders weit halten, nicht in Versuchung geraten, die Farben, die ich schon einmal angerührt habe, einfach wieder zu verwenden. Ich habe also das Papier komplett neu weiß ausgelöscht und bei den drei Grundfarben angefangen, also wieder bei Null. Thomas D von den Fantastischen Vier mit Sprechgesang würde man zum Beispiel nicht zu allererst auf einem Schiller-Album vermuten, aber das war eben auch die Folge dieses Null-Anfangs.

Sind Sie immer noch der Meinung, dass Schiller die Rückkehr zu den Anfängen, zur Unschuld, darstellt - wie Sie es einmal in einem Interview gesagt haben?

Ja, in dem Interview ging es um pure und direkte Musik. Ich komponiere ja in erster Linie für mich, weil ich auch zu denen gehöre, die sich unterversorgt fühlen mit Musik, vor allem was das Emotionale betrifft. Aber ich bin kein Musikbeamter, der denkt: Was muss ich tun, damit es den Menschen gefällt. Bei Schiller geht es mir um die pure Emotion, also tatsächlich um die Rückkehr zu den Anfängen.

Wenn Sie sich in drei Worten beschreiben müssten, wie lauteten diese?

Romantisch, melancholisch, optimistisch - auch wenn sich das teilweise auszuschließen scheint.

Welche Affinität besteht zwischen Ihnen und der literarischen Person Schiller?

Ich habe mir seinen Namen ja geborgt, und wenn man sich Schiller so vorstellt, wie er dargestellt wird - mit Sinn für Freiheit, Freundschaft, Liebe und Ästhetik - gibt es natürlich einige Aspekte, die Ähnlichkeiten aufweisen. Mit der generellen Grundhaltung Idealismus als Pflichtgefühl stimme ich zugegeben nicht überein. Aber gerade der Freiheitsgedanke ist das Thema überhaupt, was zurzeit allerdings wieder einmal als ausgesprochen selbstverständlich hingenommen wird. Dabei galt die Freiheit bis vor einiger Zeit noch als anstrebenswert. Zumindest gab es eine Zeit, als "Anstrebenswertigkeit" überhaupt einmal zur Sprache kam.

Wem spielen Sie Ihre Musik vor, um eine erste Meinung zu hören - gibt es eine Art Goethe-als-Kritiker-Pendant?

Nein. Niemandem. Ich spiele nie halbfertige Sachen vor. Das muss ich alles selbst machen. Eigentlich ist es eine selbst gewählte autistische Isolation.

Glauben Sie an die große Liebe?

Der Wille, daran zu glauben, ist da. Aber die Erfahrung legt den Schluss nah, dass es sie wohl nicht gibt. Da mögen Ausnahmen die Regel bestätigen. Wenn es die große Liebe aber so gäbe, wie man sie sich vielleicht wünscht, dass es sie gibt, dann hätten viel weniger Menschen Ärger miteinander.

Wenn man Ihnen Ihre ganzen Lieder nehmen würde und Sie hätten den Wunsch frei, sich eines zu erhalten. Welches wäre es?

Keines. Ich würde mir das erhalten, was ich noch gar nicht geschrieben habe. Es geht mir ja um den Schaffensprozess. Wenn etwas fertig ist, geht es mir wie Hitchcock, der sich nach Beendigung des Drehbuchs schrecklich langweilte, weil die Arbeit für ihn dann schon getan war. Wenn das folgte, was für andere eigentlich das Aufregende war, nämlich der Film, dachte er schon an das nächste Drehbuch. Ich ergötze mich keineswegs an dem, was ich bisher gemacht habe. Ich schalte auch das Radio ab, wenn ein Lied von mir kommt. Das halte ich nämlich nicht aus.

Tanzen Sie zu Ihrer eigenen Musik?

Nein, aber das mag auch daran liegen, dass ich ganz und gar nicht tanze.

Wie viele Finger brauchen Sie, um eine Melodie zu kreieren?

Genau genommen brauche ich einen Finger. Vielleicht auch zwei oder drei. Ich sage das ganz ohne Zynismus, weil Schiller - musikalisch betrachtet - der Sieg der Form über den Inhalt ist. Alles ist relativ einfach gehalten. Aber ich bin auch nicht ausgezogen, um die Zwölftonmusik neu zu erfinden. In dem Moment, wo eine Emotion entsteht, sich beim Hörer ein eigener Film im Geist abspielt, ist es völlig egal, ob es zwei Töne sind oder dreiundzwanzig. Viele sind der Überzeugung, dass etwas umso emotionaler wird, je komplexer es ist, aber bei mir ist es andersherum: Ich fühle mich von einfacheren Melodien angesprochen.

Welches Wesen verkörpert für Sie die Musik von Schiller?

Ich denke an ein elegantes Wesen. Wenn man es sich in Zusammenhang mit Sex vorstellt, käme es in einer spannungsgeladenen Eleganz daher, statt direkt zur Sache gehend. Die "Taz" fragte mich einmal, ob ich meine Musik wie Sex ohne Orgasmus empfinde. Ich habe es bejaht.

Das Interview führte Caroline Werner
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