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12. Oktober 2007, 09:15 Uhr

Populärmusik - nicht nur aus Vittula

15 Minuten Ruhm in einer Castingshow? Schwedische Musiker wollen mehr und bekommen es auch. Mit Moneybrother, José González, The Hives und dem Newcomer Jens Lekman packen vier der schwedischen Exportschlager neue Platten in die Musikregale. Von Verena Stöckigt

The Hives in schwarz/weiß, passend zur neuen Platte "The Black & White Album"© Universalmusic

Während der deutsche Nachwuchs mit Triangel und Blockflöte an die Musik herangeführt wird, gehen die Schweden die musikalische Früherziehung kreativer und vor allem nachhaltiger an. Ob Gitarrenverstärker, Proberaummiete oder Tourbus - der Staat gibt auch dann Finanzspritzen, wenn aus den zarten Triangelspielern längst aufmüpfige Punkrocker geworden sind.

Dass die schwedische Kulturförderung keine Fehlinvestition ist, zeigen die Erfolgsgeschichten von The Hives, Moneybrother und den Singer/Songwritern Jens Lekman und José González. Unablässiges Touren und ein aufrichtiger Musizierwille sorgten dafür, dass sie in jungen Jahren nicht als One-Hit-Wonder verpufften, sondern zu ernstzunehmenden Musikern heranwuchsen. Besonders die Mod-Rocker von The Hives waren nie zu eitel, sich ihre gelackten Hintern in halbvollen Clubs aufzureißen.

Mit Greatest Hits zu Greatest Hives

Die Früchte ihres Tourmarathons ernteten die schwedischen Garagerocker schließlich mit der Arbeit an ihrem vierten Longplayer. Für das "The Black & White Album" bewarben sich unter anderen Jacknife Lee (U2, Green Day, Bloc Party) und HipHop-Darling Pharrell Williams für den Job hinter den Reglern. Auch Über-Produzent Timbaland buchte die schwarz-weißen Prachtburschen für einen Gastauftritt auf seiner "Shock Value" Platte. So viel Aufmerksamkeit schmeichelt nicht nur, sie hat auch eine ungemein inspirierende Wirkung auf das Schreiben neuer Tracks. Das erste Mal in der Bandgeschichte kokettieren die sonst so Punk affinen Hives mit Discosound und massenkompatiblen Refrains. "Während der Aufnahmen von "The Black & White Album" haben wir uns eine Menge Greatest Hits Scheiben angehört und damit unser Songwriting beeinflusst", erklärte Leadsänger Pelle Almqvist zudem im stern.de-Interview. Das war nicht die schlechteste Idee, wie sich inzwischen herausgestellt hat. Denn ohne von anderen abzukupfern, ist es The Hives tatsächlich gelungen, eine Art Greatest Hives einzuspielen, die schon jetzt ordentliche Gewinne abwirft: Ein populärer Sportartikelhersteller sicherte sich die hitverdächtige Single "Tick Tick Boom" für eine neue Werbekampagne.

Der einfühlsame Song "Heartbeat" von José González wurde durch einen Werbespot bekannt© Import

Von "Heartbeats" zu "Teardrops"

Von der Überzeugung gewisser Konzernriesen, schwedische Musik eigne sich hervorragend für eine stilvolle Bewerbung von Produkten, profitierte auch José González. Mit seinem Akustiksong "Heartbeats" (im Original von einer ebenfalls bemerkenswerten Schwedenband namens The Knife) lieferte er 2005 den Soundtrack zu einem TV-Spot, in dem ein Flachbildschirm und 250.000 bunte Gummibälle eine tragende Rolle spielten. Sein Debüt "Veneer" wurde über Nacht zur Platin-Platte und löste bei dem Sohn argentinischer Einwanderer ebenfalls ein Hüpfball-artiges Herzklopfen aus. Im September dieses Jahres legte González der Welt sein zweites Album zu Füßen. Auf "In Our Nature" macht der Mann mit der Flüsterstimme, was er am besten kann: Folkpop-Freunden mit virtuosem Finger-Pickering imponieren. Auch wenn seine Eigenkompositionen aufhorchen lassen, die Stärke des Schweden liegt in seiner überraschenden Art, Genre fremde Songs zu covern. Diesmal hat González dem Massive-Attack-Klassiker "Teardrops" ein ungewöhnliches Facelifting verpasst.

Wie man einen Song zum Christbaum macht

Neben José González gehört auch Jens Lekman zur ersten Liga schwedischer Singer/Songwriter - auch wenn ihm noch kein Großkonzern eine Komposition abkaufte. Die Spezialität des 26-Jährigen: Songs mit allerlei Samples so zu dekorieren, dass sie leuchten wie ein Christbaum. Auf seinem brandneuen Album "Night Falls Over Kotedala" tut er dies mal wieder sehr geschickt und lässt darüber hinaus zeitgenössischen Indiepop, Sixties-Disco, nordischen Soul und amerikanischen Swing in einen Ring steigen. Am Ende siegen alle Stile, und es könnte durchaus sein, dass Jens Lekman auch in Deutschland alsbald seine (vermutlich weibliche) Hörerschaft findet. Die schwedische Elle nahm ihn auf alle Fälle schon mal in die Liste der sexiesten Männer auf.

Mit Moneybrother wollen alle Indie-Cindies Händchen halten

Wer in der Elle-Liste ebenfalls einen Platz verdient hätte, ist Moneybrother aka Anders Wendin. Wie fast alle schwedischen Musiker ist er so schön wie begabt. Mit seinen schwärmerischen Melodien und seinem aufbrausenden Gesang machte er in den letzten Jahren vor allem die Mädchen ganz matschig in der Birne. Auf dem aktuellen Album "Mount Pleasure" geht es zwar wieder härter zur Sache, doch auch ohne Fistelstimme und Soulschmalz war an der hohen Frauenquote auf seiner Deutschlandtour zu merken: die Indiegirls halten ihn auch auf dem "Hügel des Plaisir" die Hand.

Wie machen die Schweden das nur?

The Hives - T.h.e.h.i.v.e.s
The Hives - Tick Tick Boom
The Hives - You got it all wrong
Von Verena Stöckigt
 
 
KOMMENTARE (1 von 1)
 
-Christoph- (13.10.2007, 09:32 Uhr)
Und viele, viele mehr!
Schweden hat noch unfassbar große Mengen anderer großartiger Musiker zu bieten: Die wundervolle Anna Ternheim, Peter, Björn and John, Loney, dear, die Shout Out Louds, Pelle Carlberg, die Sounds, Soundtrack of our Lives, Friska Viljör und zig andere.
Daß ein im Vergleich so bevölkerungsarmes Land so viele grandiose Musiker hervorbringt, ist faszinierend (und ähnlich wie im Falle Schottlands oder Québecs). Einer der Gründe liegt sicher darin, daß es eine regionale Musiklszene gibt, die sich immer weiter befruchtet (in Stockholm - oder eben in Glasgow oder Montreal).
Daß es in Deutschland im Radio meist nur scheußliche Musik gibt und damit der Geschmack ganzer Musikhörergenerationen "versaut" wird, liegt vermutlich in der Struktur der deutschen Radiolandschaft. Aber immerhin "entdecken" Sender ab und zu ein ganz neues Lied und spielen es (wie Deutschlands größtes Radio neulich das ziemlich alte "Young folks" von Peter, Björn and John, das da als brandneu gespielt wurde).
Aber bis Anna Ternheim oder Loney, dear in solchen Sendern läuft, muß wohl noch viel passieren. Bis dahin werden noch große Mengen wunderbarer schwedischer Bands auftauchen.
Ein richtiger Newcomer ist Jens Lekman ja nun auch nicht ;-)
 
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