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Beethoven, Wagner, Peter Fox

Er hat den Bundesvision Song Contest gewonnen, drei Echos eingeheimst und sein Album toppte die Charts - Peter Fox ist der erste deutsche Megastar des noch jungen Millenniums. Wie konnte es dazu kommen? Eine Analyse.

Von Ingo Scheel

  • Ingo Scheel

Der flächendeckende Ruhm trifft den 37-Jährigen alles andere als unvorbereitet, im Gegenteil - vielmehr sieht es so aus, als schreitet Fox, der bürgerlich Pierre Baigorry heißt, den von seiner Band Seeed mit breiten Sohlen getretenen Pfad einfach noch mal ab. Auch das vielköpfige Klangkombinat aus Berlin hortet Echo-Statuetten in heimischen Vitrinen, hatte mit "Dickes B." und "Aufstehn" Hits, die bundesweit die Boxen pumpen ließen. Und im Bundesvisions-Wettsingen hatten die Berliner ebenfalls die Nasen vorn. Vor drei Jahren gewannen sie mit dem Song "Ding" den alternativen Grand Prix auf ProSieben. Überhaupt - 2006, das Jahr der Fußball-WM in heimischen Stadien, hielt einen der definitiven Höhepunkte für Seeed bereit. Zur Eröffnung der Weltmeisterschaft in der Münchner Allianzarena spielten sie vor einem TV-Publikum von mehr als 1,5 Milliarden Zuschauern.

Das alles schien man erst mal sacken lassen zu müssen, und so kommt man kurze Zeit später im Seeed-Lager überein, eine Pause einzulegen. Genau der richtige Moment für den Mann mit den vielen Pseudonymen - den Seeed-Vormann Fox kennt man auch als "Enuff" - endlich das Solodebüt anzugehen. Doch wer ist eigentlich dieser Anzugträger mit dem Lolli im Mund, der nach längst vergangenen "Ronny's Popshow"-Tagen den Affen in die deutsche Popmusik zurückgebracht hat?

Flöte, Posaune, Klavier

Pierre Baigorry wächst in Berlin als Sohn einer französischen Baskin auf, versucht es früh mit Blockflöte, dann mit Posaune, aber erst das Klavierspiel scheint ihn richtig zu faszinieren. So sehr, dass er später gar eine Lehre als Klavierbauer beginnt. Zuende bringt er sie nicht. So vielseitig und faszinierend das Instrument ist, so öde ist der Arbeitsalltag. Schon als Schüler eines französischen Gymnasiums, gemeinsam mit afrikanischen Diplomatenkindern, multikulturell geprägt, zieht es ihn nach dem Abitur in die HipHop- und Reggae-Szene der Haupstadt. Es folgen Bandprojekte, Nachwuchswettbewerbe, Jams, Künstler-Pseudonyme - aber so richtig ernsthaft wird es 1998 erst mit Seeed. Ein begonnenes Sonderpädagogik-Studium wird zugunsten der Karriere geopfert, der Rest ist Geschichte.

Zehn Jahre später ist Fox alias Baigorry alias Enuff auch solo ganz oben im heimischen Popolymp angekommen. Sein Debüt "Stadtaffe" erscheint im Herbst letzten Jahres und gedeiht prächtig auf dem Boden, den Seeed schon mehrere Jahre beackert hatten. Dickhosige Beats, schräge Rhythmen, kombiniert mit opulenten Orchesteraufnahmen. Dazu gut verpackte Alltagsstudien und Zustandsbeschreibungen, wie man sie schon aus dem Textheft seiner Hauptband kennt. Wiederkehrendes Thema auch hier: Berlin. Immer wieder Berlin. Das schöne Berlin. Das "Ick steh uff Berlin"-Berlin, die Multikulti-Metropole. Aber auch "Dogshit City" mit seinen uringetränkten Bauzäunen und den leeren Spritzen auf dem Kinderspielplatz. Fox, selbst Familienvater, liebt seine Stadt mindestens genauso sehr wie er sie oftmals verabscheut.

Mein Style, mein Song, meine Stadt

Die eigene Hood zum Thema machen, sie verehren, aber auch verdammen - genau das bildet bei dem Berliner den Brückenschlag zwischen der deutschen HipHop-Kultur der letzten zehn Jahre und den Deutschrock-Größen der letzten drei Dekaden. Hier scheint der Schlüssel zum Fox-Syndrom zu liegen. Was dem Sido sein Block, ist dem Grönemeyer sein Bochum. Was die Fetten Brote an Hamburg lieben, mochten Westernhagen und Campino an Düsseldorf. Die Fantas in Stuttgart, Nina Hagen in Berlin, BAP in Köln. Mein Style, mein Song, meine Stadt. Bei Peter Fox gibt es das jetzt als Generationenvertrag. Hier die modernen Sounds, Beats, Samples, dort die Stadtlyrik, die quer durch alle Hörerschichten von 15 bis 50 gehört und vor allem verstanden wird.

Nicht im geringsten so prollig wie die üblichen Verdächtigen, dabei aber immer noch fett genug für die Raucherecke der Gesamtschule. Das eint den Toten-Hosen-Hörer mit dem B-Boy, den Aggroberlin-Anhänger mit dem Reamonn-Fan. "Haus am See"? Wollen wir doch irgendwie alle. Das angesagteste Viertel der Stadt? Will man doch auch drüber Bescheid wissen - ob in Hamburg, tief im Westen oder in Bayern. So versöhnt Peter Fox die verschiedensten Lager, bringt zusammen, was auf den ersten Blick nicht unbedingt zusammengehört und ist mithin der erste deutsche Superstar des Millenniums. Ein Posten, den ein anderer beinahe schon innehatte.

"Deutschland muss zeigen, ob es Style hat!"

Auch Zeitgenosse Jan Delay war auf dem Sprung in die Ruhmeshalle des Deutschpop. Sein Nena-Cover "Irgendwie, irgendwo, irgendwann" schoss den Ex-Beginner ganz nach oben, Songs wie "Für immer und Dich" und Kollaborationen mit Lindenberg hielten den Hamburger im Fokus der Popmedien. So richtig geheuer war es Pop-Deutschland dann doch nicht. Genau wie Fox versuchte es auch Delay beim Bundesvision Song Contest. Dort mochten die ProSieben-Seher sein "Feuer" anno 2006 zwar sehr, am Ende gewannen jedoch Oomph! und Marta Jandova.

"Deutschland muss jetzt zeigen, ob es Style hat!" hatte Jan Delay vollmundig gefordert. Nun war der deutsche Style ein anderer als der des Herrn Delay und so trollte er sich beleidigt in seinen Schmollwinkel. Auch kein schlechter Zug. Drehten sich seine Interviews mittlerweile um Klamotten, Uhrenhersteller und Autos, besann sich der Mann mit der Nölstimme fortan wieder auf seine Wurzeln, irgendwo zwischen Hafenstraße und Buback-Plattenlabel. G8? Draufhauen! Live-Aid? Word up, aber volle Kante. Delay, kurz davor altersmilde zu werden, hatte wieder Feuer unterm Hütchen, der Mainstream musste fortan jedoch ohne ihn auskommen. Das nächste richtig große Ding wurde letztlich ein anderer.

Ein kurzer Moment des Größenwahns

Der Name ist Fox. Peter Fox. Und auch, wenn man den bislang nicht auf Demo-LKWs und bei Sitzblockaden gesehen hat, so scheut auch er nicht das offene Wort. Das muss nicht gleich zum genretypischen "Dissen" geraten, deutlich wird der Mann dennoch. Etwa, wenn es um die musikalischen Zeitgenossen geht. Die deutschen Künstler sind zu faul und wollen zu wenig, internationale Verständigung sucht man vergebens und Gitarrenbands nerven eh, so Fox jüngst im Interview mit dem "musikexpress". Dennoch – die eigene Qualität über die schwache Konkurrenz zu definieren, liegt dem Mann mit dem Lutscher fern. Der schaut letztendlich auf sich. Macht, weil er ganz einfach machen muss. Die Kunst muss raus. Der Text gebaut, der Song geschrieben und vor allem: gespielt werden.

Das sehenswerte "Making of" zum Album belegt dies deutlich. Fernab von Hauptstadtrummel und Labelmeetings, hat Fox den "Stadtaffen" in einem Ferienhaus in Süd-Frankreich zusammengeschraubt. Zur Entstehung der Platte befragt, druckst er ein wenig rum und schnell wird dem Zuschauer klar: Der will nur spielen. Zurück zum Laptop, am nächsten Track werkeln. Seine schüchterne Zurückhaltung bricht nur kurz auf, als er über die Partituren für das große Orchester spricht. Die wurden im Kämmerlein auf Beat-Basis geschrieben, dann im Berliner Konzertsaal vom Babelsberger Filmorchester opulent eingespielt. "Beethoven, Wagner, Peter Fox", kommentiert der Sänger und gluckst fröhlich. Ein kurzer Moment des Größenwahns, der schnell wieder verfliegt.

Es ist diese fast schüchterne Bodenständigkeit, die ihn auch am Abend der Echo-Verleihung auszeichnet. Zwischen Bushido und Bono, den Hosen und den Scorpions ist Fox ebenso zurückhaltend wie siegestrunken, hält rechts den Echo, links den fast leeren Drink: Die Zukunft des deutschen Pop, dabei doch fast schon ein alter Bekannter, der nebenbei auch noch das Kunststück fertiggebracht hat, die Klassik wie selbstverständlich in den Pop zu integrieren.

Während just wieder ein Superstar auf RTL gesucht wird, scheint der hiesige Popkosmos längst einen gefunden zu haben. Einen, der Lolly lutscht und Zahnstocher kaut, um das mit dem Nichtrauchen durchzuhalten. Einen, der etwas schief lächelt, weil die Gesichtslähmung vor einigen Jahren falsch diagnostiziert wurde. Ganz Berliner und doch einer für alle.

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