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Mein lieber Herr Gesangsverein

Nie war die Klassik so schön wie heute - wenn Anna Netrebko jetzt in die Babypause geht, stehen attraktive Kolleginnen bereit, ihr den Rang als Opern-Diva streitig zu machen. Ihr Vorteil: Sie sind nicht nur sexy, sondern auch smart.

Von Axel Brüggemann

So schön wie heute war die Klassik nie. Da stellen Soprane ihre Dekolletés mit tiefen V-Ausschnitten ebenso selbstverständlich zur Schau wie ihre hohen Fs. Geiger, Klavierspieler und Sänger könnten problemlos Boygroup-Cover schmücken. Und wenn sie den Mund aufmachen, reden sie nicht nur über die vertrackte Motivik bei Beethoven oder den revolutionären Tonsatz bei Mozart, sondern geben Auskunft über ihre ausgefallenen Hobbys. Sie erzählen, dass sie Wölfe halten (Hélène Grimaud), als DDR-Kader- Schwimmerin sich dem Doping verweigert haben (Nadja Michael), oder schwelgen über steinige Karrierepfade, auf denen sie angeblich von der Putzfrau zur Diva geworden sind (Anna Netrebko). Die Chefin eines großen Plattenlabels fasst all das so zusammen: "Es gibt so viele Künstler, die genial spielen, aber sie verkaufen sich nicht, wenn sie keine Geschichte und keine Ausstrahlung haben. Das ist schade. Aber so ist das." Klassik-Stars müssen mindestens so gut aussehen wie die "Desperate Housewives" und einen Lebenswandel haben wie in einer Soap-Opera.

Stories and sex sell better than sounds

Es geht schon lange nicht mehr um die Musik allein. Es gilt der Slogan: Stories and sex sell better than sounds. Ein Phänomen, das mit Anna Netrebko seinen Höhepunkt erreicht hat. Ihr Plattenlabel, die "Deutsche Grammophon", hat schon vor Jahren das Motto ausgerufen: "Klassik ist der neue Pop." Donna Anna wurde zur erfolgreichen Ikone dieses Credos. Sie war die Maria Magdalena der Musikbranche: Sündenfall für die einen, Gottesgeschenk für die anderen. Gemeinsam mit Rolando Villazón wurde sie händchenhaltend im Sommerkleid vor einer Villa wie aus der "Wüstenrot"- Werbung gestellt und beide als "Traumpaar der Oper" ausgerufen. Ganz nebenbei hat die Russin den Zeitungsboulevard und Thomas Gottschalks "Wetten, dass..?"-Couch erobert. Sie ist Heilige und Hure der Oper, wird verehrt oder gehasst. Und: Sie verkauft CDs wie keine andere. Netrebko hat die Klassik revolutioniert. Aber jetzt geht sie erst einmal in Mutterschaftsurlaub, sie erwartet ein Kind mit dem Bass-Bariton Erwin Schrott. Doch ihre jüngeren Schwestern stehen bereit, um ihr nachzufolgen. Sie sehen nicht nur schön aus, sondern sind auch noch smart.

Inzwischen fördert jede Nation ihre eigene Diva: Natalie Dessay erobert Frankreich mit herbem Klang, in Großbritannien wird gerade Kate Royal gefeiert, aus den USA stürmt Danielle de Niese nach Europa.

Danielle de Niese hat einen dunklen Teint, lange brünette Haare und erinnert ein bisschen an eine Naddel abd el Farag der Oper. Vor ihr liegt ein iPod, auf dem sie ganz selbstverständlich Rock- und Klassiktitel gespeichert hat. Neulich hat sie in Brüssel Händels Oper "Julius Caesar" gesungen: quirlig, sexbewusst, aufreizend.

Der neue Eros

"Es ist doch langweilig", sagt de Niese, "wenn die Oper zum Museum wird. Warum sollen wir uns auf der Bühne nicht geben, wie wir sind?" Für sie ist der neue Eros nur eine logische Konsequenz, die Oper wieder zum Leben zu erwecken. "Es geht weniger um die PR", erklärt sie, "sondern darum, zu zeigen, dass schon in den Opern von Händel ganz aktuelle Fragen wie Liebe, Sex und Eifersucht behandelt wurden." De Niese hat mit Musikerlegenden wie Nikolaus Harnoncourt und René Jacobs über den Handschriften der Komponisten gesessen. "Denen geht es ja auch nicht darum, nur den alten Klang wiederzubeleben, sondern die Zeitlosigkeit der Musik zu beweisen. Und da gehört die Natürlichkeit unserer Welt dazu." Solche Sätze hat man von Anna Netrebko noch nie gehört.

Lange galt die Regel, dass man nicht zum Sehen, sondern zum Hören in die Oper ging. Das Publikum hatte sich an Soprane gewöhnt, die ihre Brünnhilden und Paminas an der Rampe gaben wie singende Frikadellen. Und heute? Die US-Sängerin Deborah Voigt wurde von der Londoner Oper Covent Garden geschasst, weil sie angeblich zu fett war. Inzwischen hat sie sich den Magen verkleinern lassen und tritt wieder als halbnackte Salome auf. Leider hat auch ihre Stimme an Gewicht verloren.

Die Schönheit in der Klassik wurde wichtig, als es der Branche schlecht ging. Da haben die Plattenfirmen "Classical-Beautys" erfunden, um die Kampfzone des Marktes zu erweitern. Konzertveranstalter haben das erfolgreiche Konzept übernommen. Normalerweise kümmert sich die Deag um Pop-Events, inzwischen vermarktet sie auch die Stadthallenkonzerte von Netrebko, Villazón und anderen, wie dem wilden Geiger David Garrett. Zur PR werden die Sänger und Musiker neuerdings einen Tag lang in Hotelzimmer gesperrt und der Presse zu Viertelstunden- Interviews vorgeworfen. Kein Wunder, dass dieser Opern-Laufsteg Spuren hinterlässt: Netrebko hat im vergangenen Sommer zahlreiche Konzerte abgesagt, Rolando Villazón eine Auszeit genommen. Aber sofort wurde ein neuer Tenor aus dem Hut gezaubert: Deag und die Decca haben sich mit Jonas Kaufmann einen neuen Star gebacken. Über seine Stimme, die von Mozart bis Wagner so ziemlich alles singt, lässt sich streiten. Über sein gut gelocktes Aussehen weniger. Doch langsam schlägt der Netrebko-Effekt in sein Gegenteil um: Die Sängerin selbst verliert das Vertrauen der Kritiker, so hat die "FAZ" ihr schon fehlende Sinnlichkeit im Ausdruck vorgeworfen. Auch die neuen Klassik- Covergirls sorgen in den Feuilletons und in der Kritik durch ihre unwiderstehliche Mainstream-Schönheit häufig für Skepsis. Die große 80-jährige Dame der Oper, Christa Ludwig, die noch unter Herbert von Karajan die letzte goldene Ära der Oper belebt hat, spottet: "Warum werden Netrebko und Konsorten Stars genannt? Nur weil die sich ein, zwei Jahre über Wasser halten und gut aussehen? Warten wir doch ab, ob die in zehn Jahren noch immer singen." Tatsächlich glimmen viele der neuen Sternchen nur auf, sind so schnell verglüht, wie sie aufgestiegen sind.

Lust, Schweiß und Sperma

Und doch sind die Überlebenschancen der neuen Generation größer geworden, denn Netrebkos Erben nehmen die Oper wieder ernst. Ihr Aussehen finden sie weniger wegen der Werbekampagnen wichtig als viel mehr, weil sie nur so im neuen Regietheater bestehen können. Regisseure wie Hans Neuenfels, Jossie Wieler, Stefan Herheim oder Calixto Bieito erwarten, dass Sänger Schauspieler sind. Sie müssen auf der Bühne flirten, leiden, kopulieren und sterben. Die Stimme mischt sich mit Bildern von Lust, Schweiß und Sperma. Selten war die Oper nackter als heute.

"Seien wir doch ehrlich", sagt Frankreichs Gesangsstar Natalie Dessay, "in den meisten Fällen ist die Oper doch scheißlangweilig. Das liegt daran, dass Sänger das Singen nicht als Fortsetzung der Sprache verstehen, dass sie den Körper nicht als Teil der Stimme einsetzen, dass sie glauben, schöne Töne oder schönes Aussehen würden reichen. Aber die echte Oper gibt es nur, wenn man sich in ihr aufgibt, wenn man das Hässliche, die Kreatur, zum Leben erweckt - nur dann kann man wirklich berühren." Dessay ist eine Anti-Diva. Auf Konzerten kommt sie mit einem Bonbon auf die Bühne, aber wenn sie anfängt zu singen, wird sie ein anderer Mensch. Neulich ist sie als Massenets Manon nackt aus einer Badewanne gestiegen und hat den Tenor Rolando Villazón um den Finger gewickelt. Nicht als schrilles It-Girl wie Anna Netrebko, sondern als reife Frau, die den Sänger sowohl in den Proben als auch auf der Bühne ernsthaft die Liebe lehrt. So sehen die Traumpaare der Zukunft aus.

Etwas prüder geht es bei Kate Royal zu. Am Tag vor ihrer Geburt haben ihre Eltern noch ein Kate-Bush-Konzert besucht. Die Engländerin hat sich als Schülerin Taschengeld mit Revue-Aufführungen verdient und wurde entdeckt, als sie beim Glyndebourne-Festival mitten in der Aufführung für die erkrankte Pamina in Mozarts "Zauberflöte" auf die Bühne geschubst wurde. Sie sieht aus wie Carla Bruni, aber singt Schubert-Lieder in der Tradition von Elisabeth Schwarzkopf. "Die Oper ist ein schwieriges Geschäft", sagt sie, "das von so vielen Menschen abhängt. Es ist selten, dass man einen Partner erwischt, der die Rollen in der gleichen Intensität lebt wie man selbst. Deshalb bevorzuge ich die Liederabende. Da kann ich Kontakt mit dem Publikum aufnehmen. Ich sehe in die Augen der Zuschauer, und plötzlich merke ich, dass alle mich anschauen, während ich über die Liebe singe - dann fühle ich mich nackt, nicht ausgezogen, aber nahe dran." Und genau das ist es, was Netrebkos junge Schwestern von der russischen Diva unterscheidet: Sie spielen mit ihrer Schönheit, aber sie nutzen sie für die Wahrhaftigkeit der Kunst.

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