Mit ihrem neuen Album "Graffiti Soul" melden sich die Simple Minds in der Gegenwart zurück. Im stern.de-Interview spricht Sänger Jim Kerr über Beinah-Trennungen, respektlose Jungspunde und Bananarama.

Ganz entspannt im Hier und Jetzt: Jim Kerr© Universal
U2, Depeche Mode, Pet Shop Boys – und jetzt die Simple Minds. Es scheint, als hätten die 80er Jahre nie aufgehört. Was ist so besonders an diesem Jahrzehnt?
Es ist schon schräg. Seit den frühen 90ern gibt es alle paar Jahre ein Revival, wobei man ehrlicherweise sagen muss, dass U2 oder auch Depeche Mode ja nie wirklich weg waren. In unserem Fall ist da jedoch etwas Wahres dran. Und die 80er als Pop-Ära, nun ja, es war mit Bands wie den Simple Minds, The Cure oder New Order einfach eine große, stilprägende Zeit. Ich weiß jedoch nicht, ob es zum Beispiel in diesen Tagen auch ein neues Album von Bananarama, den Thompson Twins oder A Flock of Seagulls gibt. Also, die Simple Minds mal beiseite, die großen 80er-Bands haben, unabhängig von irgendwelchen Dekaden oder pophistorischen Diskursen eine Qualität, die einzigartig ist. Das hat sie kontinuierlich erfolgreich gemacht.
Kontinuität ist auch ein Faktor im Hause Simple Minds, wie fühlen sich 30 Jahre im Pop-Business heute an?
Das ist allerdings komisch. Als 18-Jähriger hatte ich nicht einmal einen Plan für die nächsten 30 Tage. Das hat sich später mit der Band geändert. Wir wollten eine gute Liveband werden, wir wollten reisen und die Welt entdecken. Das war der Plan. Und der hat Gott sei Dank geklappt.
Wie waren denn die Live-Qualitäten der frühen Tage? Die Vorläuferband der Simple Minds war eine Punkband mit einem ziemlich derben Namen
Oh ja (lacht). Wir hießen Johnny & the Self Abusers und waren die erste Punkband Glasgows. Kurz zuvor hatten die Stranglers in der Stadt gespielt, es gab richtig Randale und der Bürgermeister sprach ein Verbot für Punk-Konzerte aller Art aus. Das war die Initialzündung für uns. Als Punks unter solchen politischen Umständen musste man auffallen.
Und das taten wir schließlich auch.
Nun ist es vom Punk der frühen Jahre zur "Night of the Proms" ja doch ein weiter Weg. Wieviel Punk steckt denn heute noch in der Band?
Fest steht, dass es ohne die Self Abusers die Simple Minds niemals gegeben hätte. Ohne diese ersten Schritte würden wir heute noch in Glasgow sitzen und drüber reden, statt tatsächlich etwas zu tun. Punk prägte uns im klassischen D.I.Y.-Sinne (Kürzel für Do it Yourself, d. Red.). Das ist irgendwo tief in uns immer noch eine Kraft, ein Antrieb.
Und die "Night of the Proms", tja, dafür haben wir auch Schelte bekommen. Wir hätten unsere Seele an den Teufel verkauft. So what! Debbie Harry (Sängerin von Blondie, die Red.) war auch dabei. Ich denke, es gibt schlechtere Gesellschaft. Wir haben es sogar mehrmals gemacht. Der Teufel zahlt gut. Und wir haben viel Seele im Angebot. (lacht)
Nach einem überaus erfolgreichen Jahrzehnt geriet die Karriere in den 90ern ins Stocken. Was ist passiert?
Wir haben unser Mojo verloren. Nach den ganzen 'Ups' der frühen Jahre, mussten irgendwann die 'Downs' kommen. Und das taten sie auch. Die 80er waren nicht nur Erfolg, es war auch harte Arbeit. Später, in den 90ern, sind wir vom Kurs abgekommen. So etwas passiert. Nicht nur in einer Band, das ist ein Teil des Lebens. Und sehen Sie sich die Karrieren der ganz Großen an. Bob Dylan hat seine Krisen gehabt, John Lennon hat Jahre zu Hause verbracht und Brot gebacken. Ihm fiel einfach nichts mehr ein. Wichtig ist, dass man ruhig bleibt und wartet, dass es vorbei geht. Nicht durchdrehen. Wir haben glücklicherweise unser Mojo wiedergefunden.
Haben Sie damals musikalisch den Anschluss verpasst?
Wir implodierten förmlich. All diese großen Bands tauchten auf: Oasis, Stone Roses, Nirvana. Wir waren plötzlich total out. Ich kann dir sagen, da musst du stark sein, um nicht zu resignieren und alles hinzuschmeißen.
Warum haben Sie die Band nicht aufgelöst?
Wir haben tatsächlich an einen Split gedacht. Mehrmals. Aber das waren immer nur Momente, die schnell vergingen. Das Jahr 2000 war dann unser Year Zero. Wir wollten nicht wie unsere eigenen Gespenster durchs Leben gehen. Wir wollten wieder eine gute, eine mutige und ambitionierte Platte machen. Leider ging in jenem Monat, in dem unser letztes Album erschien, das Label pleite. Das war Pech. Aber wir spürten, dass wir wieder auf Spur waren.
Das hört man dem neuen Album "Graffiti Soul" durchaus an. "Rockets", die erste Single klingt, als hätte es die Krise nie gegeben.
Dabei wollte es unser Gitarrist erst gar nicht spielen. Ich sagte, ich bring dich um, wenn du das nicht machst. (lacht) Im Ernst: Ich hatte so ein Gefühl, dass wir da wieder einen dieser ganz bestimmten Songs in petto haben.
Während der Arbeiten am Album ist Ihre Mutter schwer krank geworden und Sie sind in Ihre Heimatstadt Glasgow zurückgekehrt.
Ja, das war eine richtig schwer Zeit, und ich war drauf und dran, das ganze Projekt zu canceln. Irgendwie gab aber genau diese Reise den endgültigen Kick für die Platte. Meine Mutter, der es jetzt wieder gut geht, bestand darauf, dass ich weiterarbeite. Der Aufenthalt in meiner alten Heimat hat diese Platte geprägt und vorangebracht.
In Glasgow haben Sie in einem öffentlichen Proberaum-Komplex gearbeitet. Hat die Konkurrenz der jungen Bands die Kreativität befeuert?
Das gab es tatsächlich lustige Begegnungen. Die Jungs dort schwankten zwischen Arroganz und Neugier. Einer war besonders witzig. Er hielt mir einen Vortrag über unsere kommerziellen Verfehlungen. "Dieses ganze Stadionding, ich würde es nicht machen". Ich sagte, kein Problem, ich denke nicht, dass du in diese Situation kommen wirst.