Nach 44 Jahre ist "Smile" von den Beach Boys doch noch veröffentlicht worden. Was waren die Gründe für diese lange Verzögerung? Die Geschichte eines Scheiterns. Von Carsten Heidböhmer

Galt einstmals als "Mozart der Popmusik": Brian Wilson© Warner
Kein Album wurde 1966 so sehnsüchtig erwartet wie das neue Werk der Beach Boys und ihres Masterminds Brian Wilson. Dieser wurde von Teilen der Musikpresse immer mehr zum "Mozart der Popmusik" hochgejubelt. Während die Plattenfirma schon Werbeanzeigen für "Smile" schaltete, ließ die Veröffentlichung auf sich warten, bis sie irgendwann stillschweigend ganz abgesagt wurde.
Will man das Scheitern von "Smile" verstehen, muss man in das Jahr 1964 zurückgehen. Die Beach Boys hatten sich zu dem Zeitpunkt als eine der erfolgreichsten amerikanischen Bands etabliert. Mit ihren Surfsongs belegten sie regelmäßig vordere Plätze in den Hitparaden, und auch ihre Konzerttourneen fanden im ganzen Land großen Anklang. Inmitten dieses Rummels hatte sich ihr musikalischer Kopf Brian Wilson aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Er gab keine Live-Konzerte mehr und wollte sich lieber auf die Arbeit im Studio konzentrieren.
Damit genoss der zwar einige Freiheiten, stand aber seitens der Plattenfirma und der Bandmitglieder unter Druck, permanent neue Hits zu produzieren. Wilson hatte aber ganz andere Pläne, als Songs am Fließband zu schreiben: Im Sommer 1965 hörte er "Rubber Soul" von den Beatles. Schwer beeindruckt von der homogenen Stimmung dieser Platte, beschloss er, ebenfalls ein zusammenhängendes Album zu produzieren, das über die Ansammlung einzelner Hits hinausgeht. Das Resultat war "Pet Sounds", veröffentlicht 1966. Von der Musikpresse hymnisch gefeiert, zählt das Werk heute zu den besten Alben aller Zeiten. Auch auf Musikerkollegen hatte diese Platte großen Einfluss: Für die Beatles war diese Platte der kreative Ansporn zu ihrem Meisterstück "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band".
Von den Plattenkäufern wurde das Album eher kühl aufgenommen: "Pet Sounds" blieb kommerziell hinter den Erwartungen zurück. Auch innerhalb der Band war der neue Kurs umstritten: Während Brian Wilson vorrangig neue künstlerische Herausforderungen suchte, wollten seine Bandkollegen mit Radiohits auf die Erfolgsspur zurückkehren. Ein unversöhnlicher Widerspruch, der die Band zu zerreißen schien. Nur unter einer Voraussetzung war dieser Konflikt zu lösen: Wenn es Brian Wilson gelänge, kreative und kommerzielle Belange miteinander zu versöhnen.
Die enttäuschenden Verkaufszahlen von "Pet Sounds" waren in dieser Hinsicht nicht gerade ermutigend. Dennoch nahm sich Brian Wilson als nächstes ein noch größeres, komplexeres Projekt vor. Er arbeitete an etwas, das er eine "Teenage Symphony to God" nannte. Er hatte den jungen Musiker und Werbetexter Van Dyke Parks kennen gelernt, dessen assoziative Lyrik eine ideale Ergänzung zu seinen abgehobenen musikalischen Vorstellungen darstellte. Schnell schrieben die beiden ein ganzes Dutzend erstklassiger Songs in Brian Wilsons heimischem Musikzimmer, das dieser zur besseren Inspiration mit Sand ausgeschüttet hatte.
Was Wilson klanglich vorschwebte, lässt sich anhand der Single "Good Vibrations" erahnen, einem der ganz wenigen komplett fertig gestellten Stücke aus den "Smile"-Sessions: Der Song setzte sich aus unzähligen kleine Musikschnipseln zusammen, die in mühsamer Kleinarbeit produziert werden mussten. Für die vier Minuten von "Good Vibrations" waren acht Monate und 90 Aufnahmestunden in vier verschiedenen Studios nötig. Teilweise war Brian Wilson einen ganzen Tag im Studio, um einen Track einzuspielen, von dem er nur wenige Sekunden verwendete.
Ein irrsinniger Aufwand, der die Kosten explodieren ließ. Viele hielten den Musiker für übergeschnappt und das ganze Projekt für überambitioniert. Doch dann geschah das Wunder: "Good Vibrations" bescherte den Beach Boys im Oktober 1966 ihren bis dahin größten Hit!