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20. März 2008, 09:28 Uhr

Ein Wellness-Abend fürs Gemüt

Ein eisiger Wind pfiff um die Kölnarena, doch drinnen schmiss James Blunt den Kachelofen an. Der britische Popbarde startete am Mittwoch seine Deutschland-Tournee und jagte mit seinen bittersüßen Balladen selbst gestandenen Mannsbildern wohlige Schauer über den Rücken. Von Mark Stöhr

James Blunt in der Kölnarena: Die meisten seiner Fans wollten kein Kind von ihm - sie hatten schon eins und brachten es auch mit© Jörg Carstensen/DPA

Ein richtiger Rocker wird er nicht mehr. Wenn er mit seiner Gitarre über die Bühne spurtet, mit Verve in die Saiten haut und mit seinen Musikern im gleichen Rhythmus die Haare schüttelt, verrutscht ihm das schnell zur Pose. So als habe ein Performance-Coach mit ihm den großen Arena-Auftritt geprobt. James Blunts eigentlicher Platz ist in der Mitte, ganz ohne Band, allein mit sich und seinem Instrument. Seine Balladen, die oft von Zufallsbegegnungen und verpassten Möglichkeiten handeln, mag man schlicht finden. Man mag sie auch schlicht nicht mehr hören können. Aber wenn er "You‘re beautiful" live singt mit seiner hellen, ins Falsett kippenden Stimme, geht doch noch einmal der Pophimmel auf und regnet warm aufs wintergeplagte Gemüt.

Vor kurzem spielte er noch vor einer Hand voll Zuschauern

Bei seinem ersten Auftritt in Köln, erzählt Blunt zwischen zwei Stücken, habe er vor zwölf Leuten gespielt. Das ist erst wenige Jahre her. In der Kölnarena gestern waren es rund 15.000. Kreischende Teenies suchte man vergebens. Keine Teddybären, keiner wollte ein Kind von ihm. Die meisten der überwiegend weiblichen Fans hatten schon eins und brachten es auch mit. Und sie mussten lange warten, bis der 34-Jährige seine Sehnsuchtsmelodien anstimmte, die inzwischen jeder Papagei im Amazonas mitsummen kann. Erst "Goodbye my lover" und dann endlich: "You're beautiful, you're beautiful/You're beautiful, it's true."

Früher wurden bei solchen Gelegenheiten Wunderkerzen oder zumindest Feuerzeuge in die Luft gehalten. Heute sind es Handys, die knipsen und filmen, als sei der Moment zu groß, um bloß erinnert zu werden. Angesichts der Textsicherheit der Kölner - bis in die letzte Strophe hinein - schien jedoch selbst der inzwischen so weitgereiste Blunt gerührt. Wischte er sich etwa eine Träne aus dem Auge oder war es doch nur ein Tropfen Schweiß? In jedem Fall bedankte er sich artig für die tausendkehlige A-Cappella-Version seiner beiden größten Hits - und schob gleich noch eine Spitze hinterher: "Es ist schön, meine Stücke mit deutschem Akzent zu hören."

Wir machen's uns schön

Sein feiner britischer Humor ist Teil von Blunts Fähigkeit, auch in einer riesigen Halle wie der Kölnarena ein Stückchen Clubatmosphäre zu verbreiten. Nach dem Motto: Ihr seid so viele und ich sehe euch kaum, aber wir machen‘s uns trotzdem schön. Die Bühnenshow war von dezentem Understatement. Die drei obligatorischen Großleinwände, die das Geschehen mehr dokumentierten als sie durch aufwendige Visual Effects aufzumotzen. Ein bisschen Glitzerregen, ein bisschen Konfetti, das war‘s. Nichts sollte von dem sympathischen Songwriter ablenken, der seine Seelenpoesie mit vollem Stimmeinsatz direkt in die Herzen der 15.000 schmeichelte. Selbst das waghalsige Unternehmen, als bei "Bravery" - Blunts Verarbeitung seiner Kosovo-Erfahrungen als KFOR-Soldat - die Bilder von ausgebrannten Ruinen über die Videoschirme flimmerten, schrammte noch halbwegs souverän an der Peinlichkeit vorbei.

Nach anderthalb Stunden und drei Zugaben war Schluss. Die Wangen waren angenehm erhitzt wie nach einem Abend am Kachelofen, die Handy-Speicherkarten voll. Da trat James Blunt noch einmal an die Rampe und fotografierte zurück. Er macht das bei jedem Konzert. Manche Momente sind scheinbar eben zu groß, um bloß erinnert zu werden.

Von Mark Stöhr
 
 
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