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3. Oktober 2006, 09:00 Uhr

"Der Rock liegt im Sterben"

Harte Worte - ausgesprochen von einem, den diese Musik steinreich machte: Sting hat die Klassik entdeckt und veröffentlicht ein Album mit 400 Jahre alten Liedern. Ein stern-Gespräch über die Banalität des Gewohnten und den Reiz des Vergangenen.

Sting und seine Frau Trudie Styler in Venedig© MJ Kim/Getty Images

Sting, Sie waren stets ein Trendsetter des Rock. Nun graben Sie einen Komponisten aus dem 16. Jahrhundert aus: John Dowland. Er hat die Frauen im elisabethanischen England besungen. Fällt Ihnen nichts Neues mehr ein?

Es ist doch Wahnsinn, wie selbstverständlich wir davon ausgehen, dass Musik sich immer weiterbewegt, dass es dauernd so etwas wie einen Fortschritt geben muss. Wir lügen uns selbst in die Tasche. Derzeit bewegt sich die Musik in einer kreativen Endlosschleife, und da hilft nur Neugier.

Der Blick in die Vergangenheit kann also auch einen Blick in die Zukunft öffnen?

Fakt ist, dass wir derzeit am Ende des Pop stehen, der dauernd monotoner wird. Der Rock liegt im Sterben. Mich interessiert es nicht, noch einen Computer einzusetzen, noch einen Verfremdungseffekt zu suchen. Wir haben uns viel zu lange vorgemacht, dass Rock'n'Roll revolutionär ist. Vergesst es, Freunde! Rock ist zu Tode reaktionär. Ein wirklicher Revolutionär war Strawinsky.

Revolutionär kommt von "revolvere", und das bedeutet "zurückrollen" - bringt Ihr musikhistorischer Rollback den Rock wieder nach vorn?

Ich bin kein Prophet, weiß nicht, wie die Zukunft aussieht. Aber ich weiß, dass wir momentan nicht mehr vorankommen. Strawinsky hat sich in seinen Kompositionen ebenfalls auf das Barock bezogen, gleichzeitig hat er die Ohren seiner Zeit geschockt - und, verdammt, er schockt uns noch heute. Neulich habe ich Debussy gehört: so raffiniert, so komplex, so sinnlich!

Er war ein Impressionist - kommen wir mit Träumen wirklich weiter?

Musik ist für mich ein spiritueller Pfad, auf dem man ständig weitergeht, um zu erkennen, dass man mit jedem Schritt weniger weiß. Ich habe gelernt, dass jeder, der es mit der Musik ernst meint, immer ein Schüler bleibt, weil es keine Antworten gibt - nur neue Fragen.

Es ist verrückt: Die Klassik redet seit Jahren von der Krise, und nun kommen Sie als Rockstar und behaupten, dass bei Strawinsky mehr zu holen sei als im Rock?

Ich habe nichts gegen guten Rock, er kann eine unendliche emotionale Kraft sein, und Klassik ist manchmal eine unerträgliche Kopfgeburt. Aber bei Komponisten wie Dowland können wir viel über die Form der Musik lernen. Wir lernen, dass Emotionen nur Sinn haben, wenn Formen existieren, die gebrochen werden können. Der Rock war revolutionär, als er alle Formen über Bord geworfen hat, als man sich auf der Bühne einfach ausgetobt hat. Aber inzwischen wissen wir doch, dass Emotionen allein langweilig sind.

Es gibt doch keine Kunst, die Emotionen so unmittelbar erfahren lässt wie die Musik.

Aber sie müssen in der Musik bestehen, nicht in der Show. Ich gehe nie auf die Bühne, um mich emotional zu prostituieren. Gefühle spielen eine Rolle, wenn ich meine Lieder schreibe, dann kämpfe ich mit ihnen und ordne sie in den Formen der Musik. Das Komponieren ist ein sehr, sehr intimer Moment, in dem ich vieles mit mir selbst ausmache. Aber wenn das Lied fertig ist, hoffe ich, dass meine Songs alle Emotionen in sich tragen und dass sie nur noch gesungen werden müssen. Ich muss dafür nicht auf die Knie fallen, in die Luft springen und Gitarren zerschlagen.

Ist der Rock Ihnen etwa zu exzentrisch geworden?

Der Rock ist ein bisschen wie die italienische Oper: hochemotional und flamboyant. Bei Dowland und überhaupt in der Alten Musik habe ich die musikalische Ökonomie kennengelernt. Es gibt keine Note zu viel, keinen Effekt ohne Anlass. Das beeindruckt mich. Dowlands Musik ist komplex und trotzdem simpel, sie implodiert, statt zu explodieren.

Das Beatles-Songbook kann man mehr oder weniger mit fünf Akkorden begleiten ...

Es wäre natürlich verrückt, als Rocker zu sagen, dass man gern die harmonische Vielfalt Schönbergs haben will. Da würde man vor leeren Sälen spielen. Aber ich glaube, dass ein wenig mehr Komplexität dem Rock nicht schaden würde. Dowland hat in seinen Harmonien Reibungen geschaffen, die wir heute gar nicht mehr kennen. Wenn man im Auto Pop-Radio hört, diese Kinderlyrik, die von Dreier- und Fünfer-Akkorden begleitet wird, dann pennt man doch ein. Solche Musik kämpft mit dem Motor um den Preis der Monotonie.

Gefunden in ... Stern Stern
Ausgabe 39/2006

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