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Ein Hauptmann, zwei Streifenpolizisten

Der Sänger gab schon immer den Ton an: Natürlich war es Sting, der seine beiden Kollegen zum Comeback von The Police überredete. 1986 hatte sich die Band getrennt, nun geht sie wieder auf Tournee. Was treibt die drei Herren an - Langeweile? Geldsorgen?

Von Hannes Roß

Vielleicht war die Laute Schuld. Eine Laute, deren Schalloch eine hübsche Rose zierte. Sie lehnte an der Wand eines Hotelzimmers in Los Angeles. Sting starrte sie an, immer wieder. Es war später Abend, auf dem Tisch stand eine halbgeleerte Flasche Rotwein. Da kann man schon mal nostalgisch werden. Mit Renaissance-Liedern aus dem 15. Jahrhundert, begleitet von einer Laute, hatte es Sting mit seiner CD "Songs from the Labyrinth" wieder einmal an die Spitze der Charts geschafft. Mit fast allem hatte er zuvor Erfolg gehabt: Pop, Rock, Jazz, Weltmusik. Nebenbei wollte er 1987 mit einer eigenen Stiftung noch den Regenwald von Brasilien retten. Aber was jetzt? "Natürlich hätte ich auch ein zweites Lauten-Album machen können, aber ich wollte etwas anderes. Etwas, was die Leute überrascht. Mich überrascht."

Die ewigen Ex-Mitglieder

Das ist ihm gelungen. Sting rief seine Police-Kollegen Steve Copeland und Andy Summers an. "Erst dachten sie, ich würde einen Witz machen, aber dann waren beide Feuer und Flamme für eine Wiedervereinigung." Kein Wunder: Seit sich die Gruppe 1986 trennte, waren Copeland und Summers nur noch dafür bekannt, dass sie einmal bekannt waren. Die ewigen Ex-Mitglieder. Jetzt sind The Police zurück, zusammen ist die Band inzwischen 173 Jahre alt: Gitarrist Andy Summers, 64, Schlagzeuger Stewart Copeland, 54, und Sting, 55. Nun gehen sie auf Welttour, 80 Konzerte rund um den Globus, vier davon in Deutschland, die Tickets kosten zwischen 75 und 125 Euro. Schon jetzt sind ihre Konzerte so gut wie ausverkauft, in New York dauerte das nur vier Minuten.

Dass alte Rockbands es noch mal wissen wollen, ist ein altes Phänomen. Letztes Jahr veröffentlichte beispielsweise The Who nach 23-jähriger Pause eine neue CD, aber das Comeback von The Police ist etwas anderes. Sting war niemals abgetaucht - im Gegensatz zu Pete Townsend, der nur noch von seinem Rebellen-Image der sechziger Jahre zehrt, dessen größter Hit "My Generation" schon mehr als 30 Jahre alt ist. Sting ist ein Superstar, der seit Jahren Millionen CDs als Solo-Künstler verkauft.

"Ich wäre geisteskrank, würde ich The Police wiedervereinigen"

Die Generalprobe haben The Police schon bestanden. Bei den Grammy-Awards in Los Angeles im Februar stahlen die alten Hasen Sting, Copeland und Steward den jungen Bunnies Beyonce und Christian Aguilera die Show. Es war ihr erster Auftritt seit Jahren, und als die ersten Gitarrenakkorde von "Roxanne" erklangen, ging der Rest des Liedes in einer fast beatleshaften Kreischhysterie unter. Und die fantastischen Drei, Sting, Copeland, Steward wirkten dabei wie eine eingeschworene Alt-Herren-Gang, die nichts auseinander bringen kann. Copeland wirbelte wie der irre Drummer aus der Muppet-Show über seine Becken, Steward lehnte sich so tief nach hinten für seine Gitarrenriffs, dass man Angst bekam, er würde gleich hintenüber fallen, und Sting gab den Leitwolf mittendrin, der mit seinem treibenden Bass und klagenden Gesang das Ganze zusammenhält.

Schon seltsam. "Ich wäre geisteskrank, würde ich The Police wiedervereinigen", hatte Sting noch vor ein paar Jahren behauptet. Müssen wir uns jetzt etwa Sorgen machen? Nein. "Diese Gruppe ist für mich wie eine enttäuschte Liebe, nur habe ich diese Gefühle lange unterdrückt. Diese Tour ist für mich eine Art Vergangenheitsbewältigung." Vorbei sind Zeiten, wo sie sich um die Vorherrschaft in der Band stritten. Das sagen sie jedenfalls. "Sting ist jetzt unser uneingestränkter musikalischer Anführer. Er gibt den Takt vor", sagt Copeland. Fast hört man, wie Streifenpolizist Copeland vor Polizeihauptmann Sting die Hacken zusammenschlägt.

Das war mal anders. 1981 soll Copeland Sting bei einer Rauferei im Backstageraum eine Rippe gebrochen haben. So lautet jedenfalls ein hartnäckiges Gerücht, das bis heute nicht wirklich geklärt wurde. Aber Streit sei normal gewesen, "als Rockband muss man am Rande eines Krieges miteinander stehen. Sonst hast du keine Spannung. Und ohne die auch keine guten Songs", sagt Andy Summers.

In diesem Spannungfeld kreieren sie ihren einzigartigen Sound: Copeland spielt mit der Virtuosität eines Jazz-Drummers, Summers experimentiert mit effektvollen, glasklaren Gitarrenläufe, und darüber singt Sting mal schmeichlerisch, mal kreischend. An der Schwelle zwischen Punk und Pop Anfang der achtziger Jahre entwickeln The Police ihre ganz eigene Magie, die Songs wie "So Lonely" oder "Roxanne" bis heute lebendig hält. Sie verschmelzen die Wucht von Punk mit der Schönheit von Pop. So entstehen Klassiker: "Every Breath You Take" ist bis heute nicht die Luft ausgegangen. Selbst P.Diddy, der 1997 eine Rap-Ballade daraus machte, konnte den Song nicht kaputt machen.

Sting stieß erst später dazu

Fünf CDs nehmen sie in sieben Jahren auf, eine erfolgreicher als die andere. Am Ende füllen sie Fußballstadien mit 10.000 Fans, aber sie selbst werden immer leerer. Die Ehen von Sting und Summers gehen in die Brüche, und der Streit untereinander raubt ihnen die Kraft. Copeland hatte The Police 1977 in London gegründet, erst später kam Sting dazu. Schnell aber wird der zum Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, was Copeland nur schwer akzeptieren kann. Genau wie Summers, der sich für den Erfahrensten von allen hält, auf dessen Wort man hören soll. Er spielte schon in den sechziger Jahren mit Eric Burdon ("House Of The Rising Sun") zusammen.

Und Sting, der glaubt schon bald, dass er auf Copeland und Summers komplett verzichten könne. Immerhin ist er Star der Gruppe, er singt und er schreibt die Hits. 1986 versuchen sie ein letztes Mal, eine neue CD aufzunehmen. Nach drei Tagen verlässt Sting das Tonstudio und kommt nicht wieder zurück. "Ich brauchte meine Freiheit", sagt Sting, als sei die Arbeit mit The Police eine Art Gefängnisstrafe.

"Natürlich ist das Geld ein Faktor für die Wiedervereinigung"

Jetzt wollen sie sich wieder lieb haben. Die Altersweisheit soll dabei helfen. "Wir sind ja alle reifer geworden", sagt Copeland. Jeder hat auf seine Weise das Kapitel "Police" verarbeitet: Sting und Summers schrieben Bücher darüber, wobei Sting in seiner Biografie "Broken Music" den sieben Jahren mit Police gerade mal zwei von 360 Seiten widmet. Andy Summers dagegen kniet sich in "One Train Later" tief hinein in Triumph und Niederlage und nennt das Aus "eine offene Wunde". Copeland, ein Technikbegeisteter, der schon damals alles mit seiner eigenen Videokamera mitfilmt, veröffentlichte die Dokumentation "Everyone stares: The Inside Story Of Police", die ungeschminkt die Ego-Kriege der Bandmitglieder zeigt.

100 Millionen Dollar kassieren sie jetzt allein für ihre Nordamerika-Tour. "Natürlich ist das Geld ein Faktor für die Wiedervereinigung", gibt Copeland offen zu, "aber der wichtigere Punkt ist, dass wir im Streit auseinander gingen. Mit dieser Tour können wir endlich Frieden schließen." Man glaubt ihm das, ausgesorgt haben sie längst, ihre Renten sind sicher, dafür sorgen Tantiemen ihrer Welthits in Millionenhöhe. "Es wird nur uns drei auf der Bühne geben, wir werden all unsere Hits spielen, das war's", sagt Sting über die Tour. Keine Lastwagenkolonnen vollgepackt mit Pyrotechnik, aber etwas Gutes soll getan werden. Der Regenwald war gestern, jetzt geht ein Teil der Einnahmen an die Hilfsorganisation "WaterAid", die für sauberes Trinkwasser in Krisengebieten kämpft.

Bleibt nur noch eine Frage: Wird es auch ein neues Police-Album geben? "Oh, darüber denken wir im Moment nicht nach", sagt Sting, "wir wollen unsere neue Freundschaft ja auch nicht überstrapazieren." Wer sie kennt, weiß, dass das eine weise Entscheidung ist.

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