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Das Pop-Wunder aus der Provinz

Hysterische Teenie-Fans, Chart-Erfolge und ausverkaufte Hallen: Vier Jungs aus Magdeburg sind Deutschlands erfolgreichste Band. Nun sollen sie auch den internationalen Markt erobern - und es könnte ihnen sogar gelingen.

Von Hannes Ross und Andrea Ritter

Es ist später Abend im Vier-Sterne-Restaurant "The Park" in Moskau. Vasen mit weißen Lilien stehen auf den Tischen, neben jedem Teller liegen vier Gabeln, vier Messer und drei Löffel. Ganz hinten, an einer langen Tafel mit vielen weißen Kerzen, sitzt Bill Kaulitz, ein schlaksiger Junge von 17. Seine Augen sind mit Kajal zu märchenhafter Größe geschminkt, seine schwarzen Haare in alle Richtungen zu spitzen Stacheln toupiert. Neben ihm sitzt sein Zwillingsbruder Tom, eine rote Baseballkappe tief ins Gesicht gezogen. Seine blonden Dreadlocks fallen ihm wie Schlangen über die schmalen Schultern. Gegenüber hockt ein langhaariger Teenager, Georg Listing, 19, er streicht sich immer wieder seine dünne Mähne hinters Ohr, daneben Gustav Schäfer, 18, ein stämmiger Blonder, der nervös mit dem Besteck auf dem Tisch herumtrommelt.

Die Jungs, alle vier aus einem Dorf bei Magdeburg, wirken, als hätten ihre Eltern sie zu einem feinen Restaurantbesuch mitgeschleppt. Und den wollen sie jetzt so schnell wie möglich hinter sich bringen. Sie fühlen sich hier fehl am Platz.

Kellner bemühen sich, sie nicht zu beachten

Zwei Kellner bemühen sich redlich, die vier nicht zu beachten. Aber es gelingt ihnen nicht. Immer wieder stecken sie die Köpfe zusammen und grinsen. Einer wirbelt sich wild durchs Haar, der andere hält sich die Hand vor den Mund und verschluckt sein Lachen. Sie wissen nicht, dass diese vier Gäste, die sich da müde in ihren Stühlen fläzen, Deutschlands erfolgreichste Popstars sind. Vielleicht würden sie es wissen, wenn sie kleine Töchter hätten. Nicht nur in Berlin und Paris, auch in Moskau schwärmen Mädchen zwischen 6 und 13 Jahren für Tokio Hotel.

Vor dem Hotel schreien schon seit dem frühen Morgen rund 300 russische Teenager "Biiill", "Toohm", "Gusstaw" oder "Georrch" in die eisige Luft, bis ihre Gesichter rot anlaufen. Mädchen, die zwei Stunden mit dem Zug fahren mussten, um hierher zu kommen. Die dafür die Schule schwänzen, zum ersten Mal in ihrem Leben. Die sich nachmittags mit ihren Freundinnen über deutsch-russische Wörterbücher beugen. "Ichh liehbe dichh", probt Nadia, 13, für den Ernstfall. Seit der Erfolg von Tokio Hotel das Land erreicht habe, meldet am Abend das russische Fernsehen, sei das Interesse an der Fremdsprache Deutsch bei Jugendlichen enorm gestiegen.

Hotelzimmer für 400 Euro

Drinnen hört man die Fans nicht. Die hohe Fensterfront des Restaurants ist schalldicht, und der Hotelpianist gibt sein Bestes, die letzten Gäste zu dieser späten Stunde mit einer Schubert-Sonate einzuschläfern. Bill Kaulitz gähnt, sein Zwillingsbruder Tom kritzelt mit der Gabel kleine Figuren ins Tischtuch. "Das hier ist wirklich nicht unsere Welt, so viel Luxus", sagt Gustav. Weiß er, wie viel hier ein Hotelzimmer pro Nacht kostet? Er schüttelt den Kopf. 400 Euro. "Das ist echt viel", sagt er und schaut verlegen auf seinen blanken Teller.

Für alle, die bisher dachten, Tokio Hotel, das ist doch diese lustig frisierte Kinderband, auf die meine Tochter steht - nein, die Jungs sind nicht nur von Flensburg bis Freising ein Phänomen. Sie sind es auch bei kleinen Polinnen. Bei Österreicherinnen, Schweizerinnen, Holländerinnen, Russinnen und Französinnen. Das Debütalbum "Schrei" stieg im vorigen Jahr sogar auf Platz 19 der französischen Hitparade ein. Inzwischen hat die Band dort 50.000 CDs verkauft. Eine deutschsprachige Platte von vier jungen Ossis, erfolgreich im Mutterland des Chansons - das grenzt schon an ein kleines Wunder.

350.000 Konzerttickets pro Tour

Mehr als 1,5 Millionen CDs haben Tokio Hotel insgesamt bereits verkauft. Ein Sensationserfolg, auch wenn Konkurrenzgruppen wie Silbermond oder Juli ähnlich viel absetzen. Das große Geld machen die Bands jedoch nicht mehr in erster Linie mit CD-Verkäufen, sondern in den Konzerthallen, und da gehören Tokio Hotel zu den Spitzenreitern. Früher galt eine Tour als Werbekampagne für eine CD. Heute, in Zeiten von Umsonstmusik im Internet und Raubkopien, ist es umgekehrt: Die CD ist oft nur der Anlass für eine neue Tournee, wo dann die Millionen abgeschöpft werden. Auf ihrer letzten Tour verkauften Tokio Hotel 350.000 Tickets zum Durchschnittspreis von 24 Euro. "Das war die erfolgreichste Tournee in unserer Firmengeschichte", sagt Alex Richter von Four Artists, dem Konzertveranstalter von Tokio Hotel.

Als die Band vor zwei Jahren auf den Markt kam, waren die Mitglieder zwischen 15 und 18 Jahre alt. Perfekt für eine Zielgruppe, die schon seit längerem erheblichen Einfluss auf die Charts und die Ticketverkäufe hat: 6- bis 13-jährige Mädchen. Aus wirtschaftlicher Sicht ist diese Altersgruppe deshalb so interessant, weil diese Kiddies dann noch offen sind und man sie gebündelt erreicht, also bevor sie sich aufteilen in Rock-, HipHop-, Reggae-, Pop- oder Techno-Fans. Als Band vereinigt Tokio Hotel perfekt aktuelle Trends: Bandname und Aussehen des Sängers Bill erinnern an japanische Manga-Comics, Dreadlocks und Kleidung von Gitarrist Tom entsprechen amerikanischer "Streetwear". Bassist Georg gleicht den seitengescheitelten Britpoppern, die er selbst gern hört. Und Schlagzeuger Gustav ist der Bodenständige, kein Schnickschnack, nichts Aufgebrezeltes.

Im Hintergrund lauern Rockgitrarren

Ihre Musik: deutscher, geradliniger Rock. Es sind vor allem die hymnenhaften Refrains der Songs, die die Fans von Tokio Hotel so mitreißen, einprägsam wie Fußballfangesänge im Stadion. Die meisten Stücke der Band sind aufgebaut wie musikalische Erdbeben: Es geht verhalten los, balladenhaft. Mit heller, trauriger Stimme singt Bill Kaulitz und klingt dabei ein bisschen wie die junge Nena, während im Hintergrund schon die Rockgitarren lauern, die dann im Refrain das hübsche Balladengebäude lautstark einreißen. Nirvana für Teenies. Der Soundtrack zur Pubertät. Eine Marktlücke.

Natürlich lässt die Hysterie um Tokio Hotel die Musikmanager träumen. Was so gut auf Deutsch funktioniert, soll jetzt ausgebaut werden. Die Jungs aus Magdeburg sollen nach Plänen ihrer Plattenfirma Universal jetzt Weltstars werden. Voraussichtlich im Mai wird die erste englischsprachige CD der Band in England und Amerika erscheinen, in den USA beim erfolgreichen Label Interscope, das unter anderem Eminem oder Gwen Stefani unter Vertrag hat. Das Moskauer Konzert gehört zur Testreihe "Tokio Hotel International". Am nächsten Abend soll Bill Kaulitz auf der Bühne einer ehemaligen Eiskunstlaufhalle zum ersten Mal russische Teenies mit Songzeilen wie "Schrei! Bis du du selbst bist" und "Leb die Sekunde" begeistern.

"Ich will Pizza"

Im Moment hat Bill Kaulitz noch andere Sorgen. Lachs in Salzkruste? Ente in Dillcreme? Flusskrebssuppe? Er schaut gequält in die Speisekarte. "Ich will Pizza", sagt er dann mit leiser Stimme in die wartende Runde. Er sagt das nicht fordernd wie ein störrisches Kind, er sagt das vorsichtig und höflich, als würde er nur mal ausprobieren wollen, was möglich ist. "Klar, bekommst du, Bill", sagt die Betreuerin von der Plattenfirma und lächelt sanft. Der Tisch wird abgeräumt und Bodyguard Saki losgeschickt. Er soll eine "Pizza Hut"-Filiale in Moskau finden.

Es gibt, grob gesagt, zwei Dinge, die Bill Kaulitz über alles liebt: Fast Food und Musikmachen. Von Fast Food ernährt er sich, das Musikmachen ist sein Beruf. "Es macht mir irre Spaß, vor 20.000 Mädchen zu spielen und mit denen etwas zu machen." "Etwas zu machen?" "Ja, mit denen zu spielen, die anzuheizen, sie zum Lachen, zum Weinen zu bringen. Emotionen zu wecken", sagt er ganz professionell und klingt dabei doch noch wie der Junge, der erst vor kurzem sein Kinderzimmer gegen die Konzertbühne eingetauscht hat.

Kinder-Gothic, dunkelbunt

In diesen Tagen erscheint nun die neue Single von Tokio Hotel, "Übers Ende der Welt", im Februar dann das zweite Album: "Zimmer 483". Wieder auf Deutsch, wieder mit Texten über Liebe, Wut und Weltschmerz und wieder ganz schön finster. Kinder-Gothic, dunkelbunt: In ihrem neuen Song heißt es: "Achtung, fertig, los und lauf/Vor uns bricht der Himmel auf/Wir schaffen es zusammen/Übers Ende dieser Welt/Die hinter uns zerfällt."

Es scheint so, als markiere Tokio Hotel mit ihrer Musik auch das Ende des Happy-Hippo-Kinder-Pops. Hartz IV, Jobangst, Gewalt in der Schule, Rechtsradikalismus, sich auflösende Familien - all das gehört zum Alltag ihrer Generation, die plauschigen unbeschwerten Wohlstandsjahre haben sie nie erlebt. In dem Song "Gegen meinen Willen" besingen Tokio Hotel das Drama einer Scheidung aus der Kinderperspektive: "Ihr guckt euch nicht mehr an/Und ihr glaubt, ich merk das nicht". Es sind solche Zeilen, mit denen sich die Fans identifizieren. "Wir können nur über das schreiben, was uns auch selbst betrifft", sagt Bill, "alles andere wäre Verrat." Er kennt sich da aus. Seine Eltern trennten sich, als er noch ein Kind war.

Vorbild David Bowie

Wer hört, wie Bill Kaulitz über Musik, Bühnenshows, Songwriting spricht, mag kaum glauben, dass da ein Junge sitzt, der nach der neunten Klasse die Schule geschmissen hat. Er ist ein Profi - ein Star. Und der Hauptgrund für den unglaublichen Erfolg seiner Band. Alles begann im Jahr 2003. Nach einem Auftritt des 13-jährigen Bill in der Sat-1-Sendung "Star Search" fährt der Produzent Peter Hoffmann nach Magdeburg, um sich Kaulitz und seine Band in einem kleinen Club anzuschauen. Schon damals schminkte der sich wie eine Kreuzung aus Vampir und Märchenelfe. "Vielleicht ist David Bowie daran mit schuld", sagt er, "ich hab mir immer und immer wieder seinen Fantasyfilm "Die Reise ins Labyrinth" angeschaut und ihn bewundert." Bowie spielt darin den König Goblin mit einer hochtoupierten Wuschelmähne.

Seit einer Halloween-Party, da war Bill elf, läuft er in diesem Outfit rum. Die Band gab es damals schon in der heutigen Besetzung. Bill als Sänger, sein Zwillingsbruder Tom Gitarrist, Gustav am Schlagzeug und Georg am Bass. Devilish (Teuflisch) nannten sie sich und machten rockig-einfache Songs mit Titeln wie "Grauer Alltag" ("Keine Arbeit und Gewalt/So wird hier keiner von uns alt/Politiker fühlen sich ganz schlau/und trotzdem bleibt der Alltag grau"). Perfektes Ausgangsmaterial, befand Hoffmann. Das hier war keine gecastete Teenie-Truppe, sondern eine echte, junge Band. Hoffmann holte die Produzenten Pat Benzner, David Jost und Dave Roth mit ins Boot. Gemeinsam arbeiteten sie mit den vieren zwei Jahre lang im Studio, sie bekamen Musik- und Gesangsunterricht - und einen neuen Namen. Aus Devilish wurde Tokio Hotel. Das klang gut in den Ohren der Jungs, und außerdem "muss das eine irre Stadt sein", sagt Bill, "obwohl wir noch nie da waren".

"Ich war gleich begeistert"

Alex Gernandt, stellvertretender Chefredakteur der "Bravo", war einer der Ersten, der die Band professionell abklopfen durfte. Gernandt - Kapuzenpulli, Turnschuhe, 41 Jahre - spricht von "Faszination" und "Wahnsinnsoptik", wenn man ihn nach dem Besonderen von Tokio Hotel fragt. Und wenn er von der ersten Begegnung mit der Band erzählt, wird er fast poetisch. "Es war ein verregneter Maitag im Jahr 2005. Da sind wir losgefahren, um uns diese Jungs aus Magdeburg anzuhören - und ich war gleich begeistert."

Gernandt war klar: Das ist das richtige Produkt zur richtigen Zeit. Bands wie Juli oder Silbermond hatten deutschen Poprock gerade wieder jugendzimmerfähig gemacht - und Tokio Hotels Single "Durch den Monsun" war so etwas wie "Perfekte Welle" für die Generation 10 plus. Und so entschloss sich die "Bravo", "Believe" zu zeigen, was im "Denglisch" der Musikindustrie heißt: Hier ist jemand, der den "Act supportet", jemand, der an die Gruppe glaubt. Mit "Bravo" als Starthilfe konnte nicht mehr viel schiefgehen: Bereits vor der ersten Single berichtete das Magazin über "Deutschlands neue Superband", schürte Neugier und sichtete schon mal das Marktpotenzial der Newcomer. Ergebnis: 60 E-Mails. Allein als Reaktion auf das erste Foto.

"Wir haben nichts zu verlieren"

Natürlich hat der Einsatz für Tokio Hotel auch einen handfesten geschäftlichen Hintergrund. Keine andere Zeitschrift ist so abhängig von frischen Teeniestars wie die "Bravo". Dank etlicher Tokio-Hotel-Titelgeschichten stieg die Auflage im ersten Quartal des vergangenen Jahres um satte 12,2 Prozent. Die internationale Karriere wird das nächste ganz große Thema für die Zeitschrift werden. Fragt man die vier Jungs nach den internationalen Plänen, werden sie allerdings ziemlich wortkarg, fast schüchtern. "Wir möchten das gar nicht so an die große Glocke hängen", sagt Bassist Georg. Haben Sie Angst vor einem Flop? "Nee, wir haben doch wirklich nichts zu verlieren, wir haben schon mehr erreicht, als wir jemals erhofft haben", versichert Bill. Stimmt. Westernhagen, Grönemeyer, Maffay, all die großen Deutschrocker mussten sich hochspielen, vor wenig Publikum über viele Jahre. Tokio Hotel dagegen haben einen Blitzstart hingelegt. Schon jetzt füllen sie Stadien mit 18.000 Menschen.

Es ist der zweite Abend in Moskau. Im Backstageraum sitzen Bill, Tom, Gustav und Georg um einen kleinen Plastiktisch. Ein paar Gummibärchen, ein paar Dosen Red Bull, eine Schale mit Obst stehen darauf. Die Spiegel an der Wand hängen schief. Es gibt keine Fenster. Wenig Popstar-Glamour. Doch kaum öffnet sich die Tür einen Spalt, hört man sie schon aus der Halle schreien: 6000 russische Mädchen. Einige rufen: "Bill, geh weg aus Deutschland!"

Bill wirkt entrückt

"Was soll ich denn zur Begrüßung sagen", fragt der und streicht sich nervös durchs Strubbelhaar. "Sag 'Dobryj wetscher'. Das heißt "guten Abend" auf Russisch", sagt Gustav, der in der Schule ein paar Jahre Russisch hatte. "Dobryj, was? Das kann ich mir nicht merken. Das vergesse ich sofort, wenn ich auf der Bühne stehe." Bill wirkt plötzlich wie geschrumpft, klein und ängstlich. Seine Hände zittern ein wenig, als er sich eine Flasche Wasser öffnet. Er ist jetzt kaum noch ansprechbar, seltsam entrückt. Die Pressedame schickt uns aus dem Backstageraum. Noch 30 Minuten bis zum Auftritt.

Wie verwandelt wirkt Bill dann, als das Konzert losgeht. Steht locker hinter dem schwarzen Bühnenvorhang, jongliert lässig das Mikrofon von der linken in die rechte Hand, grinst, atmet tief ein und aus und tippelt auf der Stelle wie ein Staffelläufer, der auf seinen Startschuss wartet. Die Band spielt schon die ersten Takte. Tausende Mädchenaugen fixieren die Bühne. Wo ist Bill? Plötzlich stürmt er los, steht mitten im Rampenlicht, streckt die Arme in die Luft, und ein gigantisches Kreischen erfüllt die Halle. Auch als Erwachsener spürt man sofort: Dieser Junge hat etwas. Diese manische Energie, mit der er durch die Luft flirrt. Diese Körpersprache, wenn er im nächsten Moment in einer perfekten Rockpose verharrt, die Hüfte geneigt, den Arm angewinkelt, den Blick sehnsüchtig in die Ferne gerichtet. Er könnte der gemeinsame Sohn von Cher und David Bowie sein, dramatisch und gestenreich, androgyn und glamourös. Ein Junge aus der Provinz, der mit zwölf Jahren beschlossen hat, ein Star zu sein, der sich Schminke aus dem Supermarkt besorgte und sich seine Klamotten selbst zurechtschnitt.

Nicht hässlich, bloß kahl

Will man wissen, wo das alles herkommt - dann landet man in Loitsche, einem Dorf bei Magdeburg, 670 Einwohner, Autokennzeichen OK. Für Ohrekreis. "Tokio Hotel? Wohnt da drüben", sagt eine Nachbarin und zeigt auf den schlichten Flachbau mit Blick auf einen braunen Hügel. Loitsche ist ein Zentrum des Kalibergbaus. Nicht hässlich, bloß ein bisschen kahl. Man kann sich gut vorstellen, dass einer hier anfängt, Gedichte zu schreiben. Oder Songs über den grauen Alltag.

Die Jungs spielten in kleinen Magdeburger Clubs und machten bei lokalen Bandwettbewerben mit. Dann der Anruf vom Produzenten, große Euphorie. Doch der erste Plattenvertrag mit Sony BMG platzte, der Konzern hatte das Budget für Newcomer gekürzt. "Im Nachhinein war das gar nicht schlecht", sagt Trümper. "Die Jungs haben gleich gelernt, wie wechselhaft das Musikgeschäft sein kann und wie filigran der Erfolg." Und jetzt? Macht er sich Sorgen, dass sie irgendwann überschnappen? "Gedanken machen wir uns schon. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass sie durchdrehen. Sie sind unglaublich euphorisch nach einer Tour. Aber sie kommen auch schnell wieder runter. Dann finden sie es toll, dass zu Hause alles ganz normal ist", sagt er. "Es stimmt schon, was berühmte Leute häufig sagen: Man selbst verändert sich gar nicht so sehr - nur das Umfeld tritt einem anders gegenüber."

Der Weg führt steil nach oben

Ob die Band schon steinreich ist - dazu mag er nichts sagen. Der Vertrag zwischen dem Produzententeam von Tokio Hotel und der Plattenfirma Universal ist ein so genannter Band-Übernahmevertrag - das heißt, die Plattenfirma kauft jeweils das komplett fertige Songmaterial und muss sich nicht an den Herstellungskosten beteiligen. Die Band selbst hat einen angeblich gut dotierten Künstlervertrag, der sie an allen Einnahmen - CD-Verkäufe, Merchandising, Tournee-Erlöse - beteiligt. "Bisher", sagt einer der Plattenmanager, "kennt die Band seit Unterzeichnung ihres Vertrages nur einen Weg: steil nach oben."

David Jost, 34, ist im Produzententeam und schreibt zusammen mit der Band die Songs. Er trägt Turnschuhe und Lederjacke, unter den Augen tiefe Ringe. Freunde musste er schicken, sich eine neue Wohnung in Hamburg für ihn anzuschauen. "Mir bleibt dafür keine Zeit. Tokio Hotel ist ein Lebensjob", sagt er. Die Songtexte entwickelt er gemeinsam mit Bill Kaulitz. "Der hat schon mit acht Jahren angefangen, Texte zu schreiben", sagt Jost. "Vieles davon haben wir in die Songs eingebaut. Dass einer in dem Alter schon so emotionale Welten beschreiben kann, das macht ihn zum Ausnahmetalent."

Fans belagerten Schulhof

Jost ist auch eine Art Band-Papa, der Mann für besondere Aufgaben. Er passt auf, dass die Jungs nicht über die Stränge schlagen. Die Zwillinge sind ja noch minderjährig und sollen nebenbei Hausaufgaben machen und für ihr Fernabitur lernen. "Das ist uns wichtig", sagt Bill, "falls es mal aus irgendeinem Grund nicht weitergehen sollte, wollen wir trotzdem einen Abschluss in der Hand haben." Die Schule haben die Kaulitz-Zwillinge nach der neunten Klasse verlassen, weil sie sowieso dauernd unterwegs waren. Und wenn sie doch mal da waren, brach der Unterricht zusammen, weil Fans aus ganz Deutschland den Schulhof belagerten.

Der Apfel auf Josts silbernem Laptop leuchtet immer, ununterbrochen fragt er seine E-Mails ab, ständig seien 400 ungelesen, sagt er. Er ist dabei, wenn die Jungs Konzerte geben, er begleitet sie auf jede Party. Und er meint beobachtet zu haben, dass langsam auch immer mehr Erwachsene "Believe" zeigen, wenn es um die Band geht. "Das mit dem Bill", sagt er, "ist irre. Bei der letzten 'Echo'-Verleihung zum Beispiel: Alle wollten mit dem reden. Chefs von anderen Plattenfirmen. Ich mein, das ist ja eigentlich tabu, bei einem fremden Artist. Aber die wollten ein Autogramm von dem. Der war ständig von 40 Leuten umringt. Wahnsinn." Selbst Herbert Grönemeyer, dessen Tochter Tokio-Hotel-Fan ist, gab den Magdeburgern kürzlich seinen Segen: "Zuerst habe ich von dem Hype gehört, dann wollte ich wissen, was dahintersteckt. Und als ich die Musik hörte, dachte ich, das ist kein zusammengeknalltes Etwas, sondern hat Substanz." Das Image der lange Zeit belächelten Teenieband hat sich gewandelt. Selbst ein Star wie Nena arbeitet jetzt mit Bill Kaulitz zusammen. Für den neuen Trickfilm "Arthur und die Minimoys" wirken beide als Synchronsprecher mit.

Ein Leben aus Koffern

Und wie steckt Bill das alles so weg? "Erstaunlich gut. Aber klar, das strengt ihn auch an, unter Dauerbeobachtung zu stehen", sagt David Jost. In Hamburg-Bahrenfeld wohnen die Jungs inzwischen in einem Loft zusammen, das Aufnahmestudio ist gleich um die Ecke. So recht eingerichtet haben sie sich dort aber noch nicht, die hohen Räume mit dem Parkettboden wirken ein wenig karg. Dafür gibt es jetzt Einlasskontrollen vor der Tür, weil die Fans schnell davon Wind bekommen haben, wo die Jungs wohnen. Sie leben hier aus ihren Koffern, jederzeit aufbruchbereit, irgendwo wartet immer eine Fernsehgala, ein Konzert, eine Autogrammstunde auf sie.

Es gibt nur ein Badezimmer im Loft. "Da wird dann immer gestritten, wer als Letztes reindarf, weil derjenige dann am längsten drinbleiben darf", sagt Tom. Eigene Wohnungen wollen sie gar nicht, "aber wir freuen uns unglaublich, wenn wir zwischendurch mal wieder zurück zu unseren Eltern nach Hause nach Magdeburg fahren können", sagt Bill.

Grenzenlose Aufmerksamkeit

Es sind rare Momente, wenn Bill Kaulitz auch Schattenseiten seines Ruhms einräumt. Zu sehr wollte und will er das, was er jetzt hat: grenzenlose Aufmerksamkeit, 24 Stunden täglich. Nur manchmal rutscht es ihm raus: "Ich muss mich maskieren mit Mütze und Sonnenbrille, wenn ich mal einkaufen gehe. Und wenn mich dann doch ein paar Fans entdecken, dann wird aus einem Kurzeinkauf eine zweistündige Autogrammstunde mit Hunderten Fotowünschen. Das nervt schon manchmal." Sagt er, lauscht seinen Worten nach - und besinnt sich gleich wieder. "Aber die Fans sind toll, die sind alle total lieb." Jeder aus der Band hat seine eigene Methode gefunden, dem Druck zu entgehen: Gustav sitzt nach den Auftritten oft einfach nur im abgedunkelten Hotelzimmer, Georg stemmt schon frühmorgens Gewichte, und Tom sagt: "Ich komme am besten runter, wenn ich 13 Stunden lang im Bett herumliegen und ausschlafen kann."

Für Bill Kaulitz war Tokio Hotel immer mehr als eine Band. Für ihn war sie das Vehikel, sich selbst endlich zu einer öffentlichen Kunstfigur zu machen. Einer Figur, die er schon jahrelang auf kleinen Kellerbühnen erprobt hatte. Bill meinte es verdammt ernst. Noch bevor die erste Platte erschienen war, bevor man also wissen konnte, ob die Sache Erfolg haben würde, rief Bill Kaulitz eines Abends bei David Jost an: Ich werde mir das Tokio-Hotel-Symbol in den Nacken tätowieren lassen, ein "T" und ein "H", ineinander verschlungen. "Mann, du bist verrückt, hab ich ihm gesagt, nachher wird das nichts, und dann hast du für immer dieses Ding im Nacken!", erzählt Jost. Aber Bill sei ganz ruhig geblieben. "Er hat nur gesagt: Ich bin das, ich will das, und ich repräsentiere das. Auch wenn wir nicht erfolgreich werden." David Jost macht eine bedeutungsvolle Pause. Wäre das Ganze eine Filmszene, erklängen jetzt die Geigen.

Erfolg widerlegt die Musikindustrie

In gewisser Weise ist die Erfolgsgeschichte von Tokio Hotel die Widerlegung eines alten Patentrezeptes der Musikindustrie: Man kann aus beliebigen Durchschnittstypen Stars machen, solange man alle Hebel der Maschine in Bewegung setzt. Die Magdeburger Schülerband war ein Rohdiamant, man musste ihn nur entdecken und schleifen. Ob es wirklich zur Weltkarriere reicht, wird sich zeigen. Dass amerikanische Jugendliche schon jetzt von der Existenz der Band wissen, liegt an einer simplen, aber wirkungsvollen Methode: Ein paar Neuigkeiten ins Netz stellen, ein paar Bilder und Videos - und die Verbreitung läuft wie von selbst. Magazine wie die "Bravo" oder deutsche TV-Sendungen hätten es nie geschafft, ausländisches Publikum so schnell zu erreichen wie die Internetportale Myspace oder YouTube.

Die Web-2.0-erfahrenen Fans, die das Netz als interaktives Kommunikationsmedium nutzen, fordern in erster Linie authentisch wirkende Stars, die direkt aus ihrer Mitte kommen könnten - und auch das lösen die vier Jungs aus der deutschen Provinz ein. Sie haben das richtige Aussehen, den richtigen Sound, und sie haben sich. Jetzt brauchen sie nur noch eine weitere Portion Glück.

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