Wie bitte? Diese raue, schnelle Soul-Funk-Musik hat Vanessa von den ehemaligen No Angels gemacht? Die Geschichte einer erstaunlichen Neuerfindung.

Der Titel passt: "Hot Blooded Woman" heißt die erste Single-Auskoppelung aus Vanessas neuem Album "Mama Lilla Would", das im November erscheint© Action Press
Es gibt Geschichten, die klingen zu gut, um wahr zu sein, und es gibt Geschichten, die klingen, als hätten unterbeschäftigte PR-Assistentinnen sie erfunden. Nehmen wir diese: Ein bildhübsches Mädchen, einsam und verzweifelt, jobbt in einer Plattenfirma. Dieses Mädchen ist voller Lieder, voller Ideen, aber weil es ein ehemaliger Popstar ist, ausgezehrt vom schnellen Ruhm, reist es nach Lateinamerika und sucht nach Sinn.
In Peru besucht es seine Großmutter, eine weise Frau von 87 Jahren. Das Mädchen kann seinen alten Traum nicht vergessen, von der Bühne und von der Musik, und fragt um Rat: "Mama Lilla, soll ich es noch einmal wagen?" Die alte Dame, klein von Wuchs und entschlossen, zögert nicht lange: "Mama Lilla Would!"
Ein Jahr später steht dieses Mädchen in einem Hamburger Hotel, posiert für ein Fotoshooting und gibt Interviews zu ihrer neuen Platte mit dem Titel "Mama Lilla would". Zugegeben, das klingt verdächtig. Erst recht, wenn das Mädchen Vanessa Petruo heißt und zu den No Angels gehört hat, der ersten öffentlich gecasteten Girlgroup Deutschlands. Vany, Sandy, Lucy, Jess und Nadja - wir kannten ihre Ti-Äitsch-Schwächen, ihre Lieblingspullis und ihre Problemzonen. Wir durften dabei zuschauen, wie das Fernsehen aus ihnen Popstars fertigte, wie sie fünf Millionen Platten verkauft und nach drei Jahren Fließbandarbeit wegen kollektiven Burnouts aufgegeben haben.
Inzwischen ist Petruo die Vierte, die sich an einem Soloprojekt versucht, Imagewechsel inklusive. Und sie hat die bisher beste Arbeit geleistet: Auf dem Cover ihres neuen Albums steht nicht mehr "Vany" (wie auf ihrer vorigen Single), da steht Vanessa Petruo, auf dem Foto, schwarzweiß, tanzt sie selbstvergessen, knapp bekleidet und auf Strümpfen, ihr Gesicht abgewandt und kaum erkennbar.
Im Video zur Single "Hot Blooded Woman" sieht man Trompeter mit Sonnenbrillen und einen Band-Auftritt in schwüler Club-Atmosphäre, da wird auf dem Klo gevögelt, da fängt die Kamera Petruos zerrinnendes Make-up und ihre Tattoos ein. Vor allem aber hört man neue Musik: Das klingt funkig und rau, das rockt und groovt, das klingt nach Anastacia und einer frühen Tina Turner.
Vanessa Petruo sitzt jetzt in ihrem Hotelzimmer und löffelt missmutig einen Teller Ingwersuppe. PR-Arbeit ist nicht ihr Ding. "Sicher", sagt Frau Petruo schließlich, "so ein radikaler Neustart ist nicht einfach, wenn du aus einer Ecke kommst, in der du jeden kommerziellen Scheiß mitgemacht hast." Zack. "Aber ich ziehe mir jetzt nicht die Rock'n'Roll-Jacke über, weil ich denke, das verkauft sich. Ich wollte einfach nicht mehr den Hampelmann machen", schiebt sie hinterher, "ich wollte keine Songs mehr singen, die nichts mit mir zu tun haben - nur weil irgendwer ein tolles Marketingkonzept dazu in der Tasche hat."
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Ausgabe 45/2005
Das Album "Mama Lilla Would" ist eine extrem tanzbare, erdige Mischung aus Funk und Soul. Nicht jeder Song ist gelungen, aber insgesamt präsentiert Vanessa Petruo gute, eingängige Musik, irgendwo zwischen James Brown, der frühen Tina Turner und Prince. (Universal)