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26. August 2008, 11:11 Uhr

Neue Gerüchte im Bayreuth-Poker

Die künstlerische Leitung der Bayreuther Festspiele war ihnen bereits sicher. Die Wagner-Töchter Katharina und Eva hatten den Poker um den Chefsessel scheinbar für sich entschieden. Doch jetzt trumpft Nike Wagner mit einem richtigen Opern-Schwergewicht auf.

Nike Wagner und der Pariser Opern-Chef Gérard Mortier machen den Bayreuth-Poker wieder spannend© Volker Hartmann/ddp

Im Wagner-Poker um die Nachfolge von Wolfgang Wagner als Festspielchef in Bayreuth gibt es seit Montag eine neue Trumpfkarte, die die streitlustige und spitzzüngige Nike Wagner jetzt ins Spiel geworfen hat.

Eigentlich schien das Rennen zugunsten der beiden Halbschwestern und Wolfgang-Wagner-Töchter Töchter Katharina und Eva bereits gelaufen, noch bevor der Stiftungsrat mit Bund und Bayern am 1. September zur entscheidenden Sitzung zusammentritt. Mit der gemeinsamen Bewerbung von Nike Wagner und Gérard Mortier scheint der Kampf um die künftige Leitung der Richard Wagner-Festspiele in Bayreuth aber noch einmal spannend zu werden.

Das Trumpf-Ass der Nike Wagner

Eine Woche vor der möglicherweise entscheidenden Sitzung des Stiftungsrates warf die Tochter von Wolfgang Wagners 1966 verstorbenem Bruder Wieland ihren Hut in den Ring. Und mit dem 64- jährigen Mortier hat die 63-Jährige ein Schwergewicht der internationalen Musiktheaterszene an ihre Seite gezogen.

Zwar werden der renommierten Musikwissenschaftlerin und Urenkelin Richard Wagners in informierten Kreisen kaum ernsthafte Chancen eingeräumt, den Thron des bedeutendsten Opernfestivals der Welt wirklich besteigen zu können. Doch hat die Leiterin des Kunstfestes Weimar im Endspurt um die Wagner-Nachfolge in Bayreuth mit Mortier für eine handfeste Überraschung gesorgt.

Mit Mortier zu mehr Renommee

Der Mann überflügelt sowohl die noch relativ unerfahrene Katharina Wagner als auch die angesehene Theatermanagerin Eva Wagner-Pasquier deutlich mit seinem internationalen Renommee in der Musiktheaterwelt. Entsprechend lauten denn auch seine Berufsstationen, zurzeit Paris und künftig New York. Mit seinem möglichen Absprung nach Bayreuth, dem "Heiligen Gral" der Opernwelt, verblüfft er denn auch sogar seine jetzigen Arbeitgeber in der Pariser Oper, die sich am Montag deutlich überrascht zeigte.

Für Nike Wagner geht es aber auch um einen Trumpf in dem schier endlosen innerfamiliären Streit um die Vorherrschaft im Familienclan, der sich mehrheitlich für einen Vorschlag in der Wagner-Nachfolge aussprechen muss. Die vorzeitige angeblich Festlegung auf das Duo Eva und Katharina nannte Nike bei der Eröffnung der diesjährigen Bayreuther Festspiele ein "abgekartetes Spiel", um vieldeutig erst vor wenigen Tagen noch hinzuzufügen: "Der Zug ist noch keineswegs abgefahren - und die Hoffnung stirbt zuletzt".

Dem "Wagner-Clan" die Stirn bieten

Nike fühlte sich nach dem Tod ihres Vaters Wieland 1966 vom "Wolfgang-Clan" vom Grünen Hügel ausgesperrt - erst recht nach dessen zweiter Heirat. Das hinderte sie nicht daran, weiter um eine Beteiligung in Bayreuth zu kämpfen. Dem Stiftungsrat unterstellte sie jetzt sogar Vertragsbruch, weil er im Sinne Wolfgang Wagners dessen Töchter öffentlich favorisiert und zu einer Bewerbung ermuntert hatte.

Seit vielen Jahren gilt die Leiterin des Weimarer Kulturfestes als eine der schärfsten Kritikerinnen ihres Onkels. Bereits vor zehn Jahren hat sie in ihrem Buch "Wagner-Theater" dem Patriarchen am Grünen Hügel Erstarrung vorgeworfen. Seinen oberfränkischen Dickschädel hat Wolfgang Wagner, der an diesem Samstag 89 Jahre alt wird und dann nach 57 Jahren seinen Hut nehmen will, nicht zuletzt zu Beginn dieses Jahrtausend sichtbar unter Beweis gestellt.

Die Farce um die Nachfolge

Damals hatten sich Wagners langjährige Mitarbeiterin und zweite Frau Gudrun, seine Tochter aus erster Ehe Eva Wagner-Pasquier und eben Nike Wagner um seine Nachfolge beworben. Der Stiftungsrat konnte seine Entscheidung zugunsten von Eva Wagner-Pasquier im Jahr 2001 allerdings nicht durchsetzen. Wolfgang Wagner bezichtigte seine Tochter Eva als unfähig, pochte auf seinen lebenslangen Vertrag und lehnte seinen Rücktritt kategorisch ab.

Gudrun Wagner galt unter Kennern der Szene am Grünen Hügel nur als Wegbereiterin für die gemeinsame Tochter Katharina. Diese war damals allerdings erst 23 Jahre alt und noch unerfahren. Im Streit um die Nachfolge herrschte seither eine Art Waffenstillstand. Gleichwohl wurde die Frage mit dem wachsenden Alter von Wolfgang Wagner und seinem Gesundheitszustand immer drängender.

Die Karten sind neu gemischt

Erst mit dem plötzlichen Tod der krebskranken Gudrun Wagner im November 2007 wurden die Karten neu gemischt. In der Folge versöhnte sich der greise Wagner mit seiner Tochter Eva; die Halbschwestern Katharina und Eva verständigten sich auf eine gemeinsame Bewerbung um die Nachfolge ihres Vaters.

Offen ist wenige Tage vor der Sitzung des Stiftungsrates am 1. September, auf wessen Seite sich Wolfgang Wagners Schwester Verena und die Nachkommen der 1991 gestorbenen Friedelind Wagner schlagen werden. Formal müssen sich die vier Stämme der Familie mehrheitlich auf einen Vorschlag verständigen.

Manfred Präcklein/Wilfried Mommert/dpa
 
 
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