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Wenn Amok sich reimt

Nach einer Tragödie wie den Morden in Winnenden will die Öffentlichkeit Erklärungen. Da passt es gut, wenn ein Rapper gerade ein Album namens "Amok Zahltag" veröffentlichen will. Doch die Hatz auf die üblichen Verdächtigen in der Jugendkultur ist vor allem eines: kontraproduktiv.

Von Sophie Albers

16 Tote, sieben Verletzte und zahlreiche Traumatisierte, weil ein 17-jähriger Junge sein Leid über das Leben anderer gestellt hat. Amoklauf nennt das die Öffentlichkeit, und mindestens für neun Tage, die ein Medienhype durchschnittlich anhält, ist nichts mehr so, wie es vorher war. Wenn am Donnerstag in der Berliner U-Bahn die Internationale Tourismusbörse mit dem Slogan "Baden-Württemberg - Genießerland" wirbt, evoziert das Bilder von Einschusslöchern, von Fahnen auf Halbmast statt Gedanken an guten Wein und Sterneköche. "Hilde", die Filmbiografie von Hildegard Knef, läuft an, und plötzlich ist das Bonmot der Leinwandikone "Wie ich mich fit halte? Ich laufe Amok - jeden Tag" nicht mehr süffisant, sondern geschmacklos. Und dann ist da noch der Rapper Kaas, der gerade zum Symbol einer Verständniskluft wird, die es doch so dringend zu überwinden gilt, um die nächste Tragödie zu verhindern.

Ausgerechnet aus Reutlingen in Baden-Württemberg kommt Kaas, gut eine Stunde Bahnfahrt von Winnenden entfernt, wo Tim K. am Mittwochmorgen gemordet hat. Am Freitag sollte sein Debütalbum erscheinen. Als Kaufanreiz gab es vorher das Video der ersten Single zu sehen. MTV wollte es nicht senden, also stellte das Label Chimperator es online. Einen Tag nach den Morden von Winnenden ist es jedoch weder beim Label noch bei Youtube zu finden. Amazon hat das Album gestrichen, das Label zog nach. Der Titel von Kaas' Debüt lautet "Amokzahltag :D", und das Video handelt in Wort und Bild von dem, was in Columbine, Erfurt, Winnenden passiert ist. Während der Rapper einen Abschiedsbrief schreibt und Fotos zerreißt, sind drastische, stilisierte Bilder vom Massaker in einer Schule zu sehen. Am Mittwochabend hatte die ARD-Talkrunde "Hart aber fair" Kaas neben den Killerspielen in die übliche Sündenbock-Reihe gestellt. Mit Erfolg.

"Aller Dreck dieser Erde"

"Das ist gewaltverherrlichend, das ist schwer jugendgefährdend. [...] So etwas gehört nicht ins Netz [...]. Das Internet ist eine fantastische, technische Errungenschaft, leider lässt sich darin aber auch aller Dreck dieser Erde finden. Die Politik darf davor nicht die Augen verschließen und muss Maßnahmen ergreifen, dass so etwas nicht rund um den Globus geht", schimpfte Talkrundenteilnehmer und CDU-Innenexperte Wolfgang Bosbach. Andere Sendungen zogen nach. Am Donnerstag vermeldete die Onlineausgabe der "Bild"-Zeitung, dass die Staatsanwaltschaft gegen den Musiker ermittle und prüfe, ob das Video "strafbare Szenen und Aussagen enthält".

"Schlimm, dass Politiker nach so einer schlimmen Tat immer genauso schnell auf Unschuldige schießen wie die Amokläufer selbst", hat das Mitglied eines Rap-Onlineforums nach der ARD-Sendung geschrieben. Andere User sprechen von "Hexenjagd". Der geradezu dankbaren öffentlichen Aufregung über Kaas steht die Wut von Jugendlichen gegenüber, die sich darin bestätigt fühlen, dass "die Erwachsenen" sie nicht verstehen. "Sündenbocksyndrom? Das ist wieder mal die selbe Scheiße wie immer." Auf die Frage, ob er selbst schon mal ein "Killerspiel" gespielt habe, wurde Bosbach übrigens aggressiv und verneinte: "Muss ich Baum im Regenwald sein, um mich für die Rettung des Regenwaldes einzusetzen?"

Das lachende Emoticon nach dem Titel "Amok Zahltag" interessiert einen Bosbach und andere Ankläger der üblichen Verdächtigen Computerspiele und "aggressive" Musik offenbar genauso wenig wie der dem Video vorangestellte Verbraucherhinweis. Gehört wird nur, DASS Kaas darüber rappt, in eine Schule zu gehen und alle "abzuknallen", sich zu rächen für die immer wieder ertragene Erniedrigung, für das Außenseitersein. Nicht WARUM er darüber rappt. Die Zeile "Nein, es war nicht Marilyn [Manson], nein, es war nicht 'Resident Evil', Ihr habt mich soweit gebracht, Ihr allein" wird überhört. Dabei ist das Zuhören und sich Auseinandersetzen mit den Jugendlichen doch eben das, was nach Emsdetten, Erfurt, Winnenden immer wieder gefordert wird.

Aggression in Kunst verwandeln

"Das Hauptthema [des Songs] ist die Wandlung vom Amokläufer zum fröhlichen, lebensbejahenden Menschen. Deshalb das Lachen hinter 'Amokzahltag'", sagte Kaas in einem Interview, das er gab, bevor Tim K. mordete. Er habe in dem Stück eigene Erfahrungen in der Schule verarbeitet, und wolle zeigen, dass man sich gegen den Hass entscheiden kann. "Ich möchte mit diesem Song Menschen dazu inspirieren, ihre Aggressionen in Kunst zu verwandeln, indem sie Bücher schreiben, Bilder malen oder auch Musikstücke über ihre Gefühle komponieren. Ich möchte mit diesem Lied darauf aufmerksam machen, dass der Grund für diese Amokläufe der Mangel an Nächstenliebe in unserer Gesellschaft ist", steht als Botschaft von Kaas vor dem Video zu lesen. Man solle das Lied als Mahnmal sehen, als Erinnerung daran, "jedem Mitmenschen, aber ganz besonders den Außenseitern unter uns, mit gütiger Liebe entgegenzutreten. Liebe ist die Lösung", so die gar nicht dem HipHop-Klischee entsprechende Nachricht.

Dem folgt der bereits erwähnte Verbraucherhinweis: "Das nachfolgende Musikvideo enthält harte Bilder, die für Minderjährige und empfindliche Menschen nicht geeignet sind. [...] Der Interpret dieses Videos will unter anderem durch Provokation gesellschaftliche Missstände thematisieren. Dazu benutzt er Verzerrung und Überspitzung als künstlerisches Stilmittel. Wir weisen darauf hin, dass der Künstler in keinem Fall zu Gewalt oder kriminellen Handlungen aufruft. In diesem Video soll Gewalt nicht verherrlicht oder angepriesen werden. Gewalt ist keine Lösung. Nie."

Rückzug

Da das niemanden erreicht zu haben scheint, hat das kleine Label nun den Rückzug angetreten und damit mehr Pietät und Mitgefühl bewiesen als die meisten Meinungsmultiplikatoren der Republik: "Da wir die aktuelle Situation nicht dazu 'nutzen' wollen, um ein Album zu promoten, geschweige denn uns überhaupt in diesen grausamen Kontext begeben möchten, wird Kaas' Album 'Amokzahltag :D' bis auf weiteres nicht veröffentlicht werden. Auch das Video "Amok Zahltag" wollen wir nicht weiter zeigen. Wir bitten alle Redakteure, Blogger und User eindringlich darum, das Video nicht weiter zu verbreiten."

2002 hat einer der "Erwachsenen" übrigens etwas Gutes gesagt. "Hart aber Fair"-Moderator Frank Plasberg hatte an das Ende seiner Sendung ein Zitat von Bundespräsident Johannes Rau gestellt, aus dessen Trauerrede nach den Morden von Erfurt: "Wir sollten unsere Ratlosigkeit nicht zu überspielen versuchen mit scheinbar nahe liegenden Erklärungen". Jetzt müssen die Erklärungssuchenden nur noch danach handeln. "Denn jede Gesellschaft bekommt die Jugend, die sie verdient hat", heißt es in dem Kurzfilm "Amok", den Kaas in seinem Video verwendet hat. Der hat übrigens 2006 bei den Gosbacher Filmtagen den Ulrich-Schiegg-Preis in Silber gewonnen. Weil er auf provokante und nachdenkliche Art und Weise die Allgegenwärtigkeit der Gewalt thematisiert.

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