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Interview

"Vor jedem Konzert erlebe ich den Untergang"

Yuja Wang ist der neue Weltstar am Klavier. Mit atemberaubendem Aussehen und besten Drähten in den sozialen Netzwerken lockt sie junge Zuschauer in die Konzertsäle. Ein Gespräch vor ihrer Deutschland-Tour.

Von David Baum

Yuja Wang

Yuja Wang: "Irgendwann muss das mit dem Wunderkind auch vorbei sein"

Liebe Yuja Wang, Sie gelten als Influencerin unter den Klassikstars, gerade haben Sie auf ihrem Instagram-Account Fotos mit den Hollywoodstars Kevin Spacey und Sean Penn gepostet. Steckt da eine Strategie dahinter, etwa jüngere Generationen für klassische Musik zu erschließen?

Ich habe keinen besonderen Plan oder Hintergedanken. Ich mache, was man in meinem Alter eben so macht, also auch Social media. Ich liebe es Menschen zu treffen, ganz generell. Hollywoodstars sind auch bloß Leute. Jedenfalls keine ausgesprochenen Idole für mich, Leonard Bernstein war ein Idol. Die alten Komponisten haben eine Sprache geschaffen, die bis heute universell gültig ist. Wenn ich eine Aufgabe habe, dann diese: den zeitgemäßen Aspekt an diesen großen Werken herauszuarbeiten.

Können Sie erklären, weshalb Kompositionen, die vor 200 oder 300 Jahren geschrieben wurden, bis heute derart beliebt sind?

Diese Komponisten haben etwas Essenzielles geschaffen, das über den Wandel der Zeit bestehen bleibt. Es ist das Geheimnis dieser Stücke, dass sie einfach nicht vergehen. Allerdings ist es eine Illusion, dass wir sie heute so spielen würden, wie damals. Da hat sich viel verändert, mancher Komponist würde seinen Ohren nicht trauen! Die Deutschen haben einen passenden Spruch: Man soll nicht die Asche bewahren, sondern das Feuer weitergeben. So ist es auch mit der Musik.

Musiker aus China, Korea oder Japan zählen zu den besten der Welt. Gehen Sie anders an diese heran, die historisch nicht ihre originäre ist?
Wie betrachten diese Musik nicht als fremde Kunstform, uns sind viele Komponisten – Mozart etwa, aber auch Mahler oder Debussy – sehr nahe. Vielleicht begegnen wir dieser Musik aber mit einer anderen Neugier, weil wir sie ja neu entdecken dürfen. Ich kenne den Hintergrund eines Stücks oft nicht, beginne zu recherchieren, lese viel. Das ist wie ein Puzzle, das ich neu zusammenfügen darf, manchmal anders, als es gehört.

Sie sind 1987 in Peking geboren, wie haben sie damals noch real existierende Volksrepublik erlebt?

Die frühe Kindheit findet zuhause statt, nicht wirklich in einem politischen System. Natürlich war in den Achtzigern anders, als heute. Eine große Musikerkarriere konnte Erfolg und Glück bedeuten, wozu anderweitig kaum Zugang bestand. Meine Mutter war Tänzerin, mein Vater Perkussionist, für sie bedeutete diese Kultur auch ein Streben nach Glück. Das ist heute noch so. Ich denke in China gibt es tausende Pianisten, die fleißig üben, weil es auch ein Vehikel sein kann für ein besseres Leben.

Es gibt dieses Klischee, dass asiatische Musiker einen anderen Arbeitsethos hätten und deshalb oft erfolgreicher sind. Ist da was dran?

Ich erinnere mich an Schüler, die unendlich hart übten, wenn ich nicht mehr konnte, noch Stunden weitermachten. Natürlich funktioniert Musik auf dem Niveau ein wenig wie Spitzensport. Man kommt an die Spitze, indem man viel trainiert. Aber am Ende reicht das nicht, es geht um mehr. Inspiration zum Beispiel, um eine bestimmte Idee von etwas. Das kann man nicht herbeiüben.

Erinnern Sie sich noch daran, wie Sie klassischer Musik als Kind begegnet sind?

Natürlich, ganz genau sogar. Meine nahm mich zu einer Probe von "Schwanensee" mit, ich gehörte bereits einer Generation an, die mit internationalen Codes aufgewachsen ist, diese Musik eröffnete sich mir sofort. Das ist eine Erzählung und Umsetzung, die keiner kulturellen Zuschreibung bedarf. Das gleiche war mit meinem Vater, der spielte mir mich Jazz vor, Beatles, Michael Jackson. Das gehört alles zu einer Kultur, die allen Menschen gleichermaßen gehört.

Sie galten als Wunderkind. Was bedeutet das für eine Kindheit?

Meine Lehrerin, die mich bis zu meinem 14. Lebensjahr prägte, war sehr wichtig. Ich habe diese Frau geliebt, aber auch gefürchtet, die Beziehung zu ihr war enger, als zu meiner Familie. Ihr Ehemann hatte übrigens ausgebildet, beide waren berühmt dafür, gnadenlos zu sein – nicht generell, aber wenn es um die Umsetzung ging, um das Stilistische. Lang Lang habe ich damals nie getroffen, erst als wir in den USA waren, wo wir dann mit Gary Graffman sogar den gleichen Lehrer hatten.

Es heißt, Sie hadern heute mit dem Wunderkind-Begriff?

Als man mich in New York im Alter von 28 Jahren so bezeichnete, hatte ich keine Lust mehr. Irgendwann muss das auch vorbei sein. Ich fand das lächerlich.

Aber gibt es das überhaupt, Musiker, deren Kunst man als Wunder bezeichnen muss?

In erster Linie gibt es große Talente, die perfekte Ausbildung, wenn das zusammen kommt ist schon viel gewonnen. Charisma spielt eine Rolle, Timing, Energie, der richtige Fokus. Wenn das alles zusammenkommt, ist das ein irrer Glücksfall. Wir Menschen benutzen bekanntlich nur zehn Prozent unseres Gehirns, vielleicht reicht es, nur ein paar Gehirnzellen darüber hinaus zu aktivieren, um diese Sphäre zu erreichen, die wundersam wirkt. Aber ich wollte das nie.

Ach kommen Sie!

Ernsthaft, ich wollte nie diese Aufladung. Ich brauche die Leichtigkeit, ich will Klavierspielen immer als eine Art Hobby sehen, nicht wie einen Beruf. Oder sagen wir: es ist meine Passion. Ich finde übrigens, dass der Begriff vom Wunderkind oft auf die ganz alten Virtuosen zutrifft, auf Friedrich Gulda oder Leonard Bernstein, die haben dann oft so ein offenherziges, kindliches Lächeln, es geht ihnen ganz unschuldig dann nur noch um die reine Musik.

Wie gingen Ihre Eltern damit um, dass Sie als Kind China verließen?

Meine Mutter ließ mich nur gehen, weil sie dachte, bald nachkommen zu können, aber bekam kein Visa. Für mich war es auch schwierig, ich mochte das Essen in Philadelphia nicht, konnte die Sprache nicht ...

Welche Yuja fanden die Eltern vor, als Sie sich wiedersahen?

Ich glaube sie fanden das seltsam, sie hatten plötzlich eine amerikanische Tochter. Ich bin erst Jahre später für ein großes Konzert in Peking nach China zurückgekehrt, es war ein anderes Land. Die Leute waren zwar immer noch die alten Kommunisten, aber sie sprachen fließend Englisch und machten plötzlich in Wirtschaft.

Wie nahm Ihre Karriere so schnell fahrt auf? Sie haben den üblichen Vorgang, sich jahrelang auf ein Stück oder einen Komponisten zu konzentrieren, übersprungen ...

Das wäre schön gewesen, wenn ich das gekonnt hätte! Aber meine Karriere passierte anders, ich hatte Talent darin, für andere einzuspringen, etwas schnell umzusetzen. Ein großer Pianist fällt aus, Yuja eignet sich das Programm in zwei Wochen an und springt ein. Ich war jung, ich hatte nicht viel zu verlieren. Wenn ich heute darüber nachdenke, kann ich kaum glauben, was ich mir da alles zugetraut habe. Ich hätte heute mehr Angst davor, als damals.

Woher nahmen Sie den Mut?

Meine Mutter sagte mir, das größte Risiko das man eingehen könne, ist kein Risiko einzugehen. Ich bin der Typ "let-it-go". Vielleicht war das falsch, vielleicht hätte ich es anders machen sollen, wie sie. Aber ich werde nie erfahren, ob ich besser geworden wäre. Aber verstehen Sie mich nicht falsch, ich gehe auch den klassischen Weg, fokussiere mich sehr, wie gerade auf Brahms.

In Los Angeles wurden Sie mit dem Dirigenten Gustavo Dudamel gefeiert. Sie haben sich das als unspielbar geltende Klavierkonzert von Bela Bartok vorgenommen, die Klassikwelt schäumte vor Glück.

Das war ein großer Spaß. Ich fragte Gustavo, ob er verrückt sei, als er das vorschlug, aber er sagte: Wir haben so viel Verrücktes bereits umgesetzt, weshalb nicht auch das?"

Hat jemand wie Sie, auch mal Angst, zu versagen?
"Kurz vor den Konzerten erlebe ich jedes Mal den Untergang. Es ist so eine große Musik, vielleicht bin ich dem nicht gewachsen. Am Ende funktionieren wir Pianisten darin, zu ignorieren, was wir uns da permanent zumuten. Wir schauen nach vorne, immer nur auf das nächste Stück, auf die Idee, wie wir es geprobt haben. Man macht sich auch so alberne Gedankenbrücken, wenn die Angst kommt. Etwa: Dieses Stück ist immerhin einfacher zu spielen, als jenes von Chopin – und es ist viel einfacher es zu spielen, als es zu dirigieren – und so weiter.

Vielen Dank für das Gespräch.

Sicher? Wir haben kein Wort über Mode verloren!

Ich dachte, es wäre mal eine schöne Abwechslung, Sie nicht auf Ihre atemberaubenden Looks anzusprechen.

Wie wunderbar!

Mehr zu Yuja Wang finden Sie im aktuellen stern.





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