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Rheinoper setzt "Nazi-Tannhäuser" ab

Die Proteste wegen der teils drastischen Holocaust-Szenen im Stück waren zu heftig: Die umstrittene "Tannhäuser"-Inszenierung in Düsseldorf ist abgesetzt worden - nur vier Tage nach der Premiere.

  Elena Zhidkova (Venus) und Daniel Frank (Tannhäuser) in einer Szene der Wagner-Oper "Tannhäuser" in Düsseldorf

Elena Zhidkova (Venus) und Daniel Frank (Tannhäuser) in einer Szene der Wagner-Oper "Tannhäuser" in Düsseldorf

Rheinopern-Intendant Christoph Meyer machte es kurz. Nur ein einziges Mal durfte die Inszenierung von Wagners "Tannhäuser" als Nazi-Verbrecher mit drastischen Holocaust- und Erschießungsszenen gezeigt werden. Vier Tage nach der Premiere war schon Schluss: Nach einem Empörungssturm vieler Zuschauer setzte er die Inszenierung des Mannheimer Schauspielchefs Burkhard C. Kosminski ab. Von Donnerstag an sollte Tannhäuser nur noch konzertant, also mit Musik und Gesang, aufgeführt werden. Die Absetzung ist für die Oper am Rhein, die in den vergangenen Jahren nicht gerade durch Skandale oder provokante Inszenierungen aufgefallen ist, ein beispielloser Akt.

Überhaupt werden umstrittene Werke eher selten von den Spielplänen der Bühnen gestrichen. 2006 setzte die Deutsche Oper Berlin aus Sorge über mögliche islamistische Anfeindungen die Wiederaufnahme der Mozart-Oper "Idomeneo" ab. In der Inszenierung von Hans Neuenfels präsentierte König Idomeneo die abgeschlagenen Köpfe von Poseidon, Jesus, Buddha und Mohammed. Schon bei der Premiere im Dezember 2003 hatte es Publikumstumulte gegeben.

Bereits Jahrzehnte zurück liegt ein Salzburger Skandal um George Tabori. 1987 wurde genau ein Mal Taboris Inszenierung von Franz Schmidts Oratorium "Das Buch mit sieben Siegeln" in einer Kirche gezeigt - mit sadistischen Sex-Szenen und Vampirismus. Dann war Schluss. Fortan hieß es ebenfalls: nur noch konzertant.

Jüdische Gemeinde nennt Oper "geschmacklos"

Bei "Tannhäuser" hatte die Rheinoper wohl überhaupt nicht mit solch heftigen Zuschauerreaktionen gerechnet. Dabei waren die Holocaust-Szenen gleich zu Beginn des viereinhalbstündigen Opernabends äußerst drastisch. Zur berühmten Ouvertüre gab es ein Gaskammer-Bild: Nackte Statisten sanken in Glaskuben zu Boden, die sich langsam mit Nebel füllten. In einer anschließenden Partiturpause wurde eine Familie entkleidet, rasiert und von Nazi-Schergen und Tannhäuser (mit Hakenkreuzbinde) erschossen. Den Venusberg, bei Wagner Ort der hedonistischen Liebe, deutete Kosminski zum Ort der Nazi-Verbrechen um. Schon nach 30 Minuten gellten am Samstag Buhrufe durch den Saal.

Öffentlich gefordert hatte die Absetzung des "Tannhäuser" allerdings niemand. So fand die jüdische Gemeinde die Inszenierung zwar "geschmacklos", aber Gemeindedirektor Michael Szentei-Heise erklärte ausdrücklich, dass er nicht die Absetzung verlange. Wagner sei zwar ein "glühender Antisemit" gewesen, habe aber mit dem Holocaust nichts zu tun. Der Zentralrat der Juden in Deutschland hatte zwar auch Kenntnis von der umstrittenen Inszenierung, nahm aber öffentlich nicht Stellung dazu.

Anders war es 2009, als das Mülheimer Theater an der Ruhr das als antisemitisch kritisierte Fassbinder-Stück "Der Müll, die Stadt und der Tod" erstmals in Deutschland auf die Bühne brachte. Die jüdischen Verbände hatten vergeblich gegen die Inszenierung, die ein 25-jähriges Tabu brach, protestiert. Mit einer sensiblen Aufführung hatte Regisseur Roberto Ciulli aber dafür gesorgt, dass das Böse nicht banal wurde.

Indendant verteidigte "Tannhäuser" zunächst

2010 revoltierten Zuschauer im Düsseldorfer Schauspielhaus mehrere Abende bei einer drastischen Inszenierung des Stücks "Rechnitz (Der Würgeengel)" von Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek über ein SS-Massaker an jüdischen Zwangsarbeitern nach einem Nazi-Gefolgschaftsfest. Dem Schauspielhaus gelang es, mit Einführungen und Podiumsdiskussionen die Gemüter zu beruhigen.

Opernintendant Meyer hatte den "Tannhäuser" zunächst verteidigt, aber dennoch Kosminski in den vergangenen Tagen dazu bewegen wollen, die drastischen Szenen abzuändern. Dies habe Kosminski aus künstlerischen Gründen aber abgelehnt, hieß es in einer Mitteilung. Rechtlich muss die Oper das respektieren. Doch Meyer war wohl so betroffen über einige Zuschauerreaktionen, die sich im Anschluss an die Premiere sogar ärztlich behandeln lassen mussten, dass er die Reißleine zog. "Nach Abwägen aller Argumente sind wir zu dem Schluss gekommen, dass wir eine solch extreme Wirkung unserer künstlerischen Arbeit nicht verantworten können", erklärte Meyer.

steh/DPA/DPA

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