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Du sollst am Karfreitag nicht tanzen!

Der Karfreitag ist ein besonders strenger Feiertag. Es herrscht sogar ein gesetzliches Tanz- und Feierverbot. "Richtig so!", meint unsere Autorin Hannah Wagner. Jens Wiesner sieht das ganz anders.

Es gibt 24 Stunden im Jahr in denen eine gesetzlich verordnete Ruhe besteht. Am Karfreitag herrscht vorgeschriebene Stille und Besinnung. Dazu gehört auch das Tanzverbot, das in Deutschland immer noch Bestand hat. Eine christliche Tradition, die den Weg in unser Gesetz gefunden hat. Gegen sie zu demonstrieren, ist intolerant und respektlos. An einem Tag im Jahr aufs Feiern zu verzichten, ist nicht zu viel verlangt.

Der Karfreitag ist der einzige Tag, an dem das Tanzverbot noch in allen Bundesländern greift. In Bremen, Berlin und Hamburg allerdings nicht ganztägig. An anderen sogenannten Stillen Feiertagen wie Allerheiligen oder dem Reformationstag darf nur in vereinzelten Regionen Deutschlands nicht getanzt werden.

Das Tanzverbot am Karfreitag hat eine lange Tradition. Und doch entstehen jedes Jahr aufs Neue Diskussionen darüber, ob der Staat dem Bürger die eigene Belustigung verbieten kann – auf Grundlage eines religiösen Festes.

Nun, Deutschland ist ein christlich geprägtes Land. Viele Feiertage, Regeln und Feste beruhen auf christlichen Sitten. Wer sich gegen eine Vermischung von Kirche und Staat ausspricht, sollte nicht erst am Karfreitag den Mund aufmachen. Fangen wir mit der Regel "Du sollst nicht töten" an. Gewisse Parallelen zwischen Bibel und staatlichem Gesetzbuch sind da wohl erkennbar. Man mag argumentieren, einen anderen Menschen umzubringen sei ein Verbrechen, das natürlich geahndet werden muss. Das habe nichts mit christlicher Nächstenliebe oder gar christlichen Gesetzen zu tun.

Gut, dann beginnen wir mit etwas Leichterem. Ein großer Prozentsatz der Deutschen begeht jährlich das Weihnachtsfest. Viele quälen sich zu diesem Anlass sogar mal wieder in die Kirche. Und was wird da gefeiert? Richtig. Vor ein paar tausend Jahren wurde der Menschheit an diesem Tag angeblich ihr Erlöser gesandt. Wieso wird über dieses Fest nicht diskutiert? Wieso können sich so viele Menschen dazu überwinden, Christi Geburt ordentlich zu feiern, seinen Tod aber nicht ordentlich zu ehren?

Karfreitag ist der Tag, an dem Jesus ans Kreuz genagelt wurde. Der Tag, an dem - wie Christen glauben - der Sohn Gottes die Sünden der Menschheit auf sich genommen hat und sie dadurch erlöst hat. Jesus hat uns an jenem Tag mit seinem Tod ermöglicht, ein Leben nach unserem eigenen Tod zu haben. Das besagt zumindest die Bibel. Der Karfreitag ist einer der höchsten, wenn nicht sogar der höchste Feiertag im Christentum. Und ist es dann nicht gerechtfertigt, dass Christen an diesem Tag ein bisschen Respekt für die Heldentat Jesus' verlangen? Ist es nicht gerechtfertigt, dass sie erwarten, dass die Bürger eines christlichen Landes, die sonst mit beiden Händen nach freien Tagen greifen und diese gerne annehmen - egal vor welchem Hintergrund - diesen einen Tag in Stille verbringen? Würden alle kirchlichen Feiertage abgeschafft, stünden wir ganz schnell nur noch mit dem Tag der deutschen Einheit, Neujahr und dem 1. Mai da. Dann gäbe es keinen Grund mehr, an Weihnachten frei zu haben, geschweige denn, sich etwas zu schenken.

Niemand verlangt am Karfreitag von einem Nichtchristen Trauer oder Reue. Alles, was Christen verlangen, ist ein Quäntchen Respekt für ihren Glauben. Alles was der Gesetzgeber erwartet, ist ein Tag der Ruhe. Und das ist ein Tag, an dem jeder Bundesbürger die Gelegenheit nutzen kann - woran er auch immer glauben mag - um zu entspannen, die Familie zu besuchen oder einfach mal nichts zu tun. Aktionen wie der Versuch der hessischen Piratenpartei, am Karfreitag gegen das Tanzverbot zu demonstrieren, sind schlicht und einfach respektlos. Respektlos gegenüber den in unserem Land lebenden Christen, die mit zwei Dritteln den größten Teil der Bevölkerung ausmachen. Auch die Facebook-Gruppe, die sich in Köln auf der Domplatte zum Tanzen versammeln will, fällt in diese Kategorie. Wer unbedingt tanzen will, soll halt im Wohnzimmer die Anlage aufreißen. Es wird wohl kaum jemand vorbeikommen und den Stecker ziehen.

Das öffentliche Musik- und Tanzverbot am Karfreitag und anderen Feiertagen ist anachronistisch und gehört abgeschafft. Wann und wo ich das Tanzbein schwinge, ist Privatsache. Soviel Freiheit muss eine Religion aushalten können.

Wie gern regen wir uns über islamisch geprägte Länder auf, in denen religiöse Bestimmungen und staatliches Recht untrennbar miteinander verbunden sind. Was wir schnell vergessen: Auch unser eigenes Recht treibt bisweilen seltsame Blüten, die einzig und allein auf veraltete Moralvorstellungen fußen. Eine davon: das öffentliche Tanz- und Musikverbot an Karfreitag und anderen christlichen Feiertagen. Gesetzlich verankert ist diese Zwangsregelung in den Feiertagsgesetzen der Länder unter Berufung auf das Grundgesetz (Artikel 140 GG in Verbindung mit Artikel 139 der Weimarer Reichsverfassung). "Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt", sagt Artikel 139 WRV. Explizit von Tanz oder Musik ist im Grundgesetz selbst also keine Rede. Aber: Wer am Karfreitag das Tanzbein schwingt, so die Befürworter dieser Regelung, trampele auf dem Gedenken Jesu Christi herum und beleidige die christliche Religion. Einen "höchst intoleranten Akt" nannte der evangelische oberhessische Propst Matthias Schmidt noch am Mittwoch den Versuch der Piratenpartei, eine Demonstration "Tanzen gegen das Tanzverbot" am Karfreitag zu initiieren. Mittlerweile ist die Veranstaltung verboten und musste abgesagt werden.

Welch grundsätzlich feindselige Einstellung zu Tanz und Musik offenbart diese Argumentation: Wer tanzt und musiziert stört also per se, verhält sich dem gravitätischen Anlass des Tages nicht angemessen. Ich habe große Probleme damit, wenn ein Staat beginnt, moralische Werte per Gesetz zu kodifizieren: § 175 des deutschen Strafgesetzbuches stellte bis in die 1970er Jahre hinein homosexuelle Handlungen unter Strafe, nach mehreren Lockerungen wurde der Paragraph erst 1994 ersatzlos gestrichen. Im Vergleich zu der Schwere dieser Regelung ist der Eingriff durch das Tanzverbot sicherlich marginal. Aber der Umgang mit § 175 StGB zeigt: Werte und Traditionen ändern sich und müssen mit fortschreitender Zeit neu bewertet werden. Der Staat verdonnert uns auch nicht, jeden Freitag auf Fleisch zu verzichten, nur weil der katholische Katechismus dazu aufruft. Und ob 40 Tage vor Ostern gefastet wird oder nicht, ist Sache jedes Einzelnen.

An Karfreitag ist das anders: An diesem Tag dürfen sich 80 Millionen Bundesbürger per Gesetz nicht öffentlich bei Musik und Tanz amüsieren. Damit wird einem Drittel aller Deutschen, den Konfessionslosen, eine Trauer verordnet, die sie nicht fühlen. Klar ließe sich einwenden, an den paar Tagen im Jahr, an denen das Tanzverbot gilt, könnten sich die Heiden einmal zusammenreißen. Auch ich muss nicht jeden Tag die Sau raus lassen und hätte wohl keine großen Probleme damit, den Karfreitagabend gemütlich mit einer Staffelbox "How I met your Mother" zu verbringen.

Das Problem: Mir wird keine Wahl gelassen: "An stillen Feiertagen ist auf die Empfindungen der Bevölkerung besondere Rücksicht zu nehmen", legt beispielsweise das Niedersächsische Ministerium für Inneres und Sport das Feiertagsgesetz des Landes aus. "Veranstaltungen wie Tanzveranstaltungen, Volks- und ähnliche Feste können so gelegt werden, dass sie nicht auf stille Feiertage fallen."

Doch welchen Wert hat Toleranz, die von oben verordnet wird? Als gläubiger Christ hätte ich lieber eine einzige Person, die aus echtem Respekt vor meinen religiösen Gefühlen freiwillig auf Musik, Tanz und Feiern verzichtet, als Hunderte, die grummelnd den Stecker aus ihren Anlagen ziehen und meine Religion als Spiel- und Spaßverderber brandmarken.

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