Warum uns das Cover wirklich schockt

18. Juli 2013, 15:50 Uhr

Der "Rolling Stone" nimmt den mutmaßlichen Boston-Bomber auf den Titel. In Popstar-Pose. Ein Skandal! Auch Autorin Katharina Miklis ist empört - vor allem über sich selbst.

Dieser Blick. So verträumt, unnahbar und traurig. Die Haare zerzaust. Auf seinen Lippen, die Andeutung eines Lächelns, von dem keiner ahnt, woher es rührt. Der Typ auf dem Cover erinnert an Jim Morrison, oder an die Strokes - nur, dass er vermutlich ein mehrfacher Mörder ist. Der "Rolling Stone" hat Dschochar Zarnajew, einen der mutmaßlichen Bombenleger des Boston Marathons, zum Coverboy der August-Ausgabe gekürt. Die Aufregung ist groß. Und alle fragen sich: Ist das jetzt kluger Journalismus oder die Glorifizierung des Bösen in Zeiten der Print-Krise? Und vor allem: Darf man das? Darf man einen mutmaßlichen Mörder als Popstar inszenieren? Als Rockstar des Terrors zwischen Lady Gaga und Bob Dylan?

Nein, ist die erste Reaktion. Weil es sich falsch anfühlt. Als "geschmacklos", "kitschig" und "ausbeutend" wird der "Rolling Stone" unter dem Hashtag boycottrollingstone auf Twitter beschimpft. Läden in den USA nehmen das Magazin aus ihren Regalen. Allein die Titelzeile - "Der Bomber"! Dazu dieses Lächeln. Skandal!

Eine Geschichte, die erzählt werden muss

Dann liest man die Reportage. Es ist die Geschichte eines Kindes, dem scheinbar die Welt offen stand und das dann einen anderen Weg einschlug - und zum Monster wurde. Die Autorin Janet Reitman hat sich nicht auf die Opfer des Attentats konzentriert, nicht auf die Hinterbliebenen der Toten von Boston. Sie erzählt die Geschichte Zarnajews vor allem aus der Sicht derer, die ihn bewundern oder lieben. Freunde, Lehrer, Trainer. Menschen, die von einem Jungen erzählen, der HipHop hört und Skateboard fährt. Ein Junge, der Gras raucht und auf Serien wie "The Walking Dead" und "Game of Thrones" steht. Er ist auf der Suche nach einer eigenen Identität, wie so viele Immigranten-Kinder in den USA, wie so viele Teenager auf der ganzen Welt. Und dann passiert am 15. April 2013 etwas, das auf den ersten Blick gar nicht zu diesem jungen Typen zu passen scheint, der uns jetzt mit sanften Augen auf dem Zeitschriftentitel anschaut.

Die Verherrlichung eines Mörders ist die Geschichte nicht. Schon gar nicht die Glorifizierung eines Terror-Superstars. Die Reportage ist bewegend. Sie muss erzählt werden. Sie hat Aufmerksamkeit verdient - auch wenn sie nun vermutlich in der Empörung untergehen wird. Und dennoch: Das schlechte Gefühl beim Blick auf die weichgezeichnete Popstarpose des 19-jährigen Boston-Bombers bleibt.

Hitler, Hussein und Manson als Titelstars

Und dann kommen einem die Cover des "Time"-Magazins mit Saddam Hussein oder Osama Bin Laden in den Sinn. Der "Rolling Stone" aus den 70ern mit Charles Manson als Coverstar. All die unzähligen Hitler-Titel des "Spiegel". Das gedruckte Grauen.

Und man fühlt sich plötzlich ertappt. Es ist nicht die Inszenierung des Terrors, die stört. Sondern die Schönheit Zarnajews. Er hat nicht dieses Verschlagene im Blick, dieses Erschreckende und Wahnsinnige, das uns von dem Bösen abgrenzen lässt. Das uns die Unterscheidung zwischen Gut und Böse so einfach macht. Es ist nicht das übliche Bild eines grausamen Terroristen. Sondern das eines coolen Typen. Deswegen ist der Titel ein großer Skandal. Weil er unsere Empathie weckt. In Wahrheit empören wir uns nicht über Zarnajew auf dem "Rolling Stone"-Cover. Sondern darüber, dass er uns dort so gut gefällt.

Hier können Sie der Autorin auf Twitter folgen

Zum Thema
Kultur
stern TV-Programm
Kostenlos downloaden: stern TV-Programm für iPhone, iPad und Android-Smartphones und -Tablets Mehr Infos über die App
 
Humor
Tetsche, Haderer, Mette und Co. Tetsche, Haderer, Mette und Co.
 
TV-Tipps des Tages
Empfehlungen aus der Redaktion Empfehlungen aus der Redaktion
 
Noch Fragen?

Neue Fragen aus der Wissenscommunity

  von Amos: Warum muß ein Blinder bei "Wetten dass" eine geschwärzte Brille tragen?

 

  von Amos: Seit heute steigen die Preise der DB, wenn ich per Kreditkarte oder Internet bezahle.

 

  von Bananabender: Der Mythos Megapixel

 

  von Amos: Warum müssen verunglückte Reitpferde immer eingeschläfert werden?

 

  von Amos: Haus mit 5 Wohneinheiten. Jetzt steht eine Wohnung längere Zeit leer. Wie verhält es sich dann mit...

 

  von Amos: Smartphones zu Weihnachten: Kaufentscheidung abhängig von der Fotoauflösung? Telefonieren wäre doch...

 

  von StechusKaktus: Wie kann die kalte Progression abgeschafft werden?

 

  von bh_roth: Gastherme versetzen

 

  von Bananabender: Drucker Patronen

 

  von bh_roth: Lichterführung bei speziellen LKW

 

  von Amos: Wenn ich einen Karton Sekt aus Bequemlichkeit im Kofferraum "vergesse": wie hoch ist die...

 

  von Musca: Vogelschwarm filmen

 

  von Amos: Da ich als Arzt nicht mehr tätig bin, habe ich meine Berufshaftplicht gekündigt.

 

  von Amos: Eine Fondsgesellschaft schickt mir am 2..12.2014 die Steuerbescheinigung für 2013. Obwohl ich meine...

 

  von Gast: Ist der Nahme "Haircouture" geschützt

 

  von Gast: ich habe eine rente in höhe von 760 ?,wie viel kann ich dazu beantragen?

 

  von Amos: Ich werde von der Telekom mit tollen Angeboten zu schnellerem Internetzugang bombardiert.

 

  von Amos: Obwohl schon oft gestellt: bei trockener Straße ohne Schnee darf ich doch mit Sommerreifen fahren....

 

  von Amos: Habe von Bio-Mineralwaser gelesen. Was ist das oder was soll das?

 

  von Gast: Ich trainiere ca. 5-6 mal pro Woche und habe einen Ruhepuls von 35 mit 15 Jahren, leider bekomme...